Kultur von Mikroorganismen Vermehrung von Mikroorganismen, insbesondere von Bakterien und Pilzen, auf künstlichen Nährböden, außerhalb des menschlichen und tierischen Organismus.
Enzyklopädie Naturwissenschaft und Technik, München 1980

Kultur Bezeichnung für die Gesamtheit aller derjenigen Leistungen und Orientierungen des Menschen, die seine „bloße“ Natur fortentwickeln und überschreiten.
Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Stuttgart 1995

Kultur ... i.e.S. bezeichnet K. alle Bereiche der menschl. Bildung im Umkreis von Erkenntnis, Wissensvermittlung, eth. und ästhet. Bedürfnissen. ...
Der Brockhaus in fünf Bänden, Mannheim 1993

Für die Kultur der meisten Mikroorganismen reichen Glucose und eine Kombination von Mineralsalzen völlig aus – beim Menschen muss noch etwas hinzukommen. Aber wie viel? Eine oder zwei Kulturen?

 

 

 

Die zwei Kulturen

Seit C.P. Snows Vortrag „Die zwei Kulturen“ von 1959 gibt es eine endlose Flut von Artikeln zu diesem Thema. Inzwischen ist klar geworden, dass beide großen Gebiete sich notwendig ergänzen und jedes individuelle Weltbild beide Teilbereiche umfassen muss, wenn auch der Schwerpunkt meist auf einem liegt.
Die folgenden Überlegungen zeigen, dass es leicht Verständnisschwierigkeiten geben kann – und zwar auf vielen Ebenen: Sprache, Problemstellung, Methoden, Geräte, Darstellung der Ergebnisse, Sichtweise …
Ein wichtiger Aspekt wird dargestellt und es werden Folgerungen für den Unterricht gezogen.

1. Die Naturwissenschaften - Das Konsensprinzip

Wilhelm Tim Hering: Wie Wissenschaft ihr Wissen schafft, Hamburg 2007

Das Ziel des Autors ist es, Nichtnaturwissenschaftlern einen Eindruck zu vermitteln, wie Naturwissenschaftler arbeiten und kommunizieren.

„Eine entscheidende Voraussetzung für den Wert eines Experiments ist offensichtlich die zuverlässige Messtechnik, denn ohne sie gibt es keine reproduzierbaren Ergebnisse. Praktisch gesehen, birgt diese Forderung eine Reihe von Tücken. Zunächst sind die einzelnen Messgeräte in einem Experiment keineswegs vollkommen. Das kann die Ergebnisse verschiedener Experimente unverträglich machen, ohne dass sie wirklich widersprüchlich sind. Solche Diskrepanzen sind manchmal schwer zu erklären, werden aber in allen wichtigen Fällen schließlich durch unabhängige Wiederholungen ausgeräumt.“

Wilhelm Hering schildert hier zweierlei Prüfverfahren: Der Einzelwissenschaftler bzw. das Team kommt durch Wiederholung der Messreihen zu gültigen Daten, deren Zuverlässigkeit durch das faktengebundene Konsensprinzip überprüft werden kann.

„Es funktioniert so: Fügt sich das Ergebnis in die vorherrschende Auffassung vom betroffenen Forschungsgebiet ein, so wird es als Stütze begrüßt und akzeptiert, solange keine Ungereimtheiten bekannt werden, die eine Wiederholung des Experiments rechtfertigen. Diese Beschreibung gilt für die meisten der alltäglichen Forschungsergebnisse. Wenn die Aussagen eines Experiments sich allerdings als entscheidend für eine noch offene wissenschaftliche Frage herausstellt, bemühen sich Konkurrenten auf dem gleichen Arbeitsgebiet um eine Wiederholung des Experiments. Dabei sind auch Abweichungen vom ursprünglichen Experiment möglich, wenn deren Auswirkungen genau kalkulierbar sind. So werden etwa verbesserte Aufbauten und Nachweisgeräte verwendet, die das behauptete Ergebnis noch klarer zum Vorschein bringen müssten. Wir es bestätigt oder gar erweitert, ist der Konsensprozess auf den Weg gebracht. Er führt nach zuweilen langwierigen Interpretationsdebatten schließlich zur allgemeinen Akzeptanz des neuen Ergebnisses als wissenschaftliches Faktum, also als Tatsache.“

Grundlage des Konsensprinzips ist eine genaue Beschreibung des Experiments und die Dokumentation der Ergebnisse; so ist eine externe Überprüfung möglich. Dieses „objektiv verifizierbare Gefüge von Tatsachen“ trägt keine Spuren der kulturellen oder soziologischen Herkunft derjenigen, die an der Erforschung mitgewirkt haben. Es wird der „reine“ naturwissenschaftliche Gedankengang wiedergegeben.

Siehe auch: http://www.bossert-bcs.de/biologie/welt/artikel/index.htm

2. Die Geisteswissenschaften – Der Mensch im Mittelpunkt

„Wovon soll in der Philosophie die Rede sein?
...
Der Mensch ist nicht das Thema. Aber er ist die alleinige Fundstelle des Themas, der Ort nicht nur seiner Anwesenheit, sondern auch seiner Rechtfertigung. Was es bedeutet, Seinsverständnis zu haben, wissen wir nur von uns selbst und für uns selbst.“

Liest man diese Sätze aus dem unten angegebenen Buch, wird klar, dass das unter Punkt 1 geschilderte Vorgehen zwar für jeden Naturwissenschaftler selbstverständlich ist, bei allen anderen Menschen aber Unverständnis hervorruft.

Die „neuzeitliche Wissenschaft beginnt ... als eine Funktion, ein <Organ> des Menschen, seines Weltinteresses, seiner intellektuellen Neugierde. Aber indem sie ihn dazu zwingt, diesem Antrieb durch Objektivierung seiner eigenen Erkenntnisleistung zu genügen: durch Ausschaltung der subjektiven Anteile, durch Neutralisierung der Perspektive, durch Ersetzung der organischen Maßstäbe mittels mechanisch-quantitativer. Im Maße des Erfolgs, den die theoretische Einstellung erzielt, macht sie ihrerseits den Menschen zum Funktionär des Ziels, das er sich gesetzt hat. Die Funktionalisierung heißt wissenschaftliche Arbeit, heißt Forschung. In ihr verschwindet das Subjekt als individuelles, um als generelles wieder aufzutauchen.
...
Das Verschwinden des Menschen aus dem eigenen Bild, das er sich theoretisch von der Welt macht im Maße, in dem dieses Bild sich vervollständigt oder auch nur erweitert, hat etwas von dem großen mythischen Vorgang an sich, den Freud unter dem Titel <Todestrieb> beschrieben oder erzählt hat.
...
Äußerste Konsequenz wäre, dass er in seinem Bild von der Welt überhaupt nicht mehr vorkommt, dann aber auch dieses Bild ihm nichts mehr zu bedeuten hat.“
Hans Blumenberg: Beschreibung des Menschen, Frankfurt 2006

3. Die Vermittlung in der Schule

„Wir sehen den Menschen nicht als Mittelpunkt der Welt an ... aber mit welchem Recht darf daraus gefolgert werden, dann könne oder dürfe der Mensch auch nicht der Mittelpunkt seines eigenen Interesses sein?“
Hans Blumenberg

„Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. …“
Ludwig Wittgenstein (6.52)

Der Schulunterricht muss den Schülerinnen und Schülern bei der Aneignung von naturwissenschaftlichem Wissen und ästhetischen und ethischen Wertvorstellungen helfen, indem er die zwei Gebiete („die zwei Kulturen“) auf die Lebensumstände des Individuums und auf die Gesellschaft bezieht.

Ergänzung:
NZZ vom 09.06.2007
Gerhard Schulze: Jenseits von Haben oder Sein
Nicht nur Gefühl, nicht nur Kalkül - zukunftgesicherte Lebensentwürfe müssen das eindimensionale Denken sprengen

http://www.nzz.ch/2007/06/09/li/articlef8jrc_1.371344.html

In dem Zeitschriftenartikel begründet der Autor aus der Sicht des einzelnen Menschen, warum man "beide Kulturen" in sich vereinen sollte.

3.1 Arbeitsgrundlage

Eigentlich ist es für jeden Menschen natürlich, dass er von seinen eigenen Interessen ausgeht. Das Baby kennt gar keine anderen. Im Laufe von Entwicklung und damit verbundener Sozialisation wird von Eltern, Geschwistern, Kindergarten usw. ein Rahmen abgesteckt.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten sind die „Rahmen“ der einzelnen Kinder sehr unterschiedlich weit gefasst oder überhaupt nur sehr schwer auszumachen.

Auf vielen Gebieten (Werbung, Gewaltfilme, Pornofilme, aber auch Nachmittagssendungen im Fernsehen, Raplieder usw.) wird ungebremster Egoismus als normal dargestellt. Die „Prominenten“ im Fernsehen sind sicher als Vorbilder ungeeignet.

Es werden eine Egozentrik und ein Egoismus herausgebildet, die nur ganz kurzfristige Perspektiven kennen. Diese Haltung erschwert jeden Unterricht.

„Was bringt mir das? Das brauche ich nicht! Was kann ich damit anfangen? Warum ich? ...“

Vom Kindergarten bis zur Ende der Schulzeit ist es eine permanente Aufgabe, an der Einbeziehung Einzelner in die Gemeinschaft (Arbeitsgruppe bis Gesellschaft) zu arbeiten, ohne dass die schon gut sozialisierten Kinder und Jugendlichen zu sehr benachteiligt bzw. frustriert werden.

3.2 Geisteswissenschaften

Der Begriff ´Geisteswissenschaften `geht auf eine etwas unglücklich Übersetzung von John Stuart Mills moral sciences zurück. Der englische Begriff verdeutlicht besser, worum es geht.

Es geht um „Bildung, sensus communis und Geschmack“.

Im Deutsch-, Kunst-, Musikunterricht usw. muss klar werden, dass es nicht um das Kunstwerk geht, sondern um die Auseinandersetzung mit dem Werk. Es werden dabei Wertvorstellungen analysiert, diskutiert, verglichen und (teilweise) übernommen, weil sie überzeugt haben. Werte können nicht vermittelt werden – sie müssen erarbeitet, eingesehen und angenommen werden. Es ist wie alles, was in der Schule gelingt, ein aktiver Vorgang der Schülerinnen und Schüler.

Günther Stocker in der NZZ vom 27.01.2007
Der Akt des Lesens
Zum Tod des Konstanzer Literaturwissenschaftlers Wolfgang Iser

<Bedeutungen literarischer Texte werden erst im Lesevorgang generiert; sie sind das Produkt einer Interaktion von Text und Leser und keine im Text versteckten Größen, die aufzuspüren allein der Interpretation vorbehalten bleibt>, heißt es in Isers berühmt gewordenem Aufsatz <Die Appellstruktur der Texte>. Der vom Autor bzw. der Autorin geschaffene Text ist nur der eine Pol des literarischen Werkes, den anderen bildet seine <Konkretisation> im Bewusstsein des Lesers. …“

Wolfgang Iser: Das Fiktive und das Imaginäre, Frankfurt 1993

„ … Die Vorstellung des Subjekts erfüllt die Textwelt mit Leben und realisiert dadurch den Kontakt mit einer irrealen Welt. Reaktionen auf Welt auszulösen wäre dann die Gebrauchsfunktion, … “

Susan Sontag: Against Interpretation, New York 1966

“ … Of course, I don´t mean interpretation in the broadest sense, the sense in which Nietzsche (rightly) says, <There are no facts, only interpretations.> By interpretation, I mean here a conscious act of the mind which illustrates a certain code, certain ´rules` of interpretation.
Directed to art, interpretation means plucking a set of elements (the X, the Y, the Z, and so forth) from the whole work. The task of interpretation is virtually one of translation. The interpreter says, Look, don´t you see that X is really – or, really means – A? That Y is reallyB? That Z is really C?
...
Thus, interpretation is not (as most people assume) an absolute value, a gesture of mind situated in some timeless realm of capabilities. Interpretation must itself be evaluated, within a historical view of human consciousness. In some cultural contexts, interpretation is a liberating act. It is a means of revising, of transvaluing, of escaping the dead past. In other cultural contexts, it is reactionary, impertinent, cowardly, stifling. … “

Hans Magnus Enzensberger: Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie
In Mittelmaß und Wahn, Frankfurt 1988

„ … Auf dem Interpretationsmarkt ist – vielleicht wegen des zunehmenden Konkurrenzdrucks, der auf eine permanente Überproduktionskrise schließen läßt – ein immer rascherer Wechsel der vorherrschenden <Raster> und <Modelle> zu beobachten, …Doch gibt es in diesem permanenten Wechsel der Garderobe und des Jargons auch einige Konstanten. Deren wichtigste ist die idée fixe von der <richtigen Interpretation>. An dieser Wahnvorstellung wird mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit festgehalten, obwohl ihre logische Inkonsistenz und ihre empirische Unhaltbarkeit auf der Hand liegen. Wenn zehn Leute einen literarischen Text lesen, kommt es zu zehn verschiedenen Lektüren. Das weiß doch jeder. In den Akt des Lesens gehen zahllos viele Faktoren ein, die vollkommen unkontrollierbar sind: die soziale und psychische Geschichte des Lesers, seine Erwartungen und Interessen, seine augenblickliche Verfassung, die Situation, in der er liest – Faktoren, die nicht nur absolut legitim und daher ernstzunehmen, sondern die überhaupt die Voraussetzung dafür sind, daß so etwas wie Lektüre zustande kommen kann. Das Resultat ist mithin durch den Text nicht determiniert und nicht determinierbar. Der Leser hat in diesem Sinn immer recht, und es kann ihm niemand die Freiheit nehmen, von einem Text den Gebrauch zu machen, der ihm paßt.
Zu dieser Freiheit gehört es, hin- und herzublättern, ganze Passagen zu überspringen, Sätze gegen den Strich zu lesen, sie mißzuverstehen, sie umzumodeln, sie fortzuspinnen, sie auszuschmücken mit allen möglichen Assoziationen, Schlüsse aus dem Text zu ziehen, von denen der Text nichts weiß, sich über ihn zu ärgern, sich über ihn zu freuen, ihn zu vergessen, ihn zu plagiieren und das Buch, worin er steht, zu einem beliebigen Zeitpunkt in die Ecke zu werfen. Die Lektüre ist ein anarchischer Akt. Die Interpretation, besonders die einzige richtige, ist dazu da, diesen Akt zu vereiteln. …“

 

"Das Thema dieses Lehrstuhls … bildet … eine kurze Anleitung zur der Betrachtung der Kunstwerke nach Zeiten und Stilen. Ganz besonders sorgfältig auszuschließen ist jede systematische Ästhetik. Es wird gar nie von der <Idee> eines Kunstwerkes die Rede sein. Die Verbindung des Kunstwerkes mit dem Seelenvermögen des Künstlers wie des Beschauenden wird von jedem auf seine Weise beurteilt werden; der Prozeß ist ein reicher, großer und auf alle Zeiten rätselhafter. …"
Aus Jacob Burckhardts Vorlesungsmanuskript "Über die Kunstgeschichte als Gegenstand eines akademischen Lehrstuhls"

Es sollte den Schülerinnen und Schülern immer wieder in Erinnerung gerufen werden (Antizipation), dass es um sie und ihre Wertvorstellungen geht und dass der Erfolg von ihrer Mitarbeit (Partizipation) abhängt.

„Erziehung ist sich erziehen. Bildung ist sich bilden.“
Hans-Georg Gadamer

3.3 Naturwissenschaften

Zu Inhalten, Methodik und Zielen des Biologieunterrichts (direkt übertragbar auf andere Naturwissenschaften) gibt es auf dieser Internetseite viele Überlegungen. Sie müssen hier nicht wiederholt werden.

Zwei mögliche Ausgangspunkte sind

http://www.bossert-bcs.de/biologie/welt/aneign/index.htm

oder

http://www.bossert-bcs.de/biologie/motivation/mot.htm
http://www.bossert-bcs.de/biologie/experiment/index.htm

 

 

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Domäne  Bossert

Juni 2007
© B.Bossert