Die Entdeckung des Blutkreislaufes bei Säugetieren

 

Der nachfolgende Artikel ist erschienen in: Biologie in der Schule 49 (2000) 3. - S. 156 - 157

 

Der Artikel zeigt, wie man in einer Einzelstunde einer 9. oder 10. Klasse die Existenz des Blutkreislaufes bei Säugetieren forschend-entwickelnd nachweisen kann. Der Vorschlag ist in mehrfacher Hinsicht eine Alternative zu der interessanten Idee, die vor kurzem in dieser Zeitschrift vorgestellt wurde /1/. Hier steht ein Versuch im Mittelpunkt, dessen Ergebnisse in einer Stunde interpretiert werden können; außerdem ergibt sich erfahrungsgemäß eine engagierte Diskussion über Tierversuche.

Normalerweise sollten die Schüler ein Problem aus Beobachtungen ableiten und selbst formulieren und nach einer Phase der Hypothesenbildung Vorschläge für Experimente machen, mit deren Hilfe eine Lösung erreichbar ist. Das ist in diesem Fall nicht möglich, da jeder Schüler weiß, daß es einen Blutkreislauf gibt und der Versuch in der Anlage genial, in der Durchführung aber abstoßend, von den Schülern nicht entwickelt werden kann und sollte. Die Problemstellung und die Versuchsdurchführung werden in die Vergangenheit verlegt und vom Lehrer vorgegeben; die Deutung der Versuchsergebnisse soll von den Schülern geleistet werden.

Da auch Harveys großartige Versuche die "zwei Blutarten" (arterielles und venöses) und die Übergangsstellen (Kapillaren konnten erst mit dem Mikroskop entdeckt werden) nicht erklären konnten, gab es auch nach dem Erscheinen seines Buches noch längere Auseinandersetzungen über die Richtigkeit seiner Vorstellungen. Der Holländer Jan de Wale (1604 - 1649) führte zahlreiche Tierversuche durch, um Harveys Anschauungen zu betätigen; von ihm stammt der besprochene Versuch /2/.

Stundenverlauf

Der Lehrer schildert knapp die Vorstellungen, die auf Galen zurückgehen und die lange Zeit bestimmend waren: Das Blut entsteht in der Leber aus Nahrungssäften, wird zum Herzen transportiert und dort mit Luft angereichert. Vom Herzen fließt das Blut weg zu den Organen, wo es restlos verbraucht wird. Das Herz ist der Quell des Lebens. - Diese Ansicht wird an der Tafel skizziert und im Heft festgehalten.

Abbildung 1

Abb.1: Adern an beiden Hinterbeinen werden freigelegt und durch einen Schnitt verletzt. Wenn das Bein abgebunden ist und die Ader nicht, tritt nur wenig Blut aus und das Tier überlebt. Wird dagegen das Blutgefäß alleine abgeschnürt und unterhalb dieser Stelle angeritzt, so verblutet der Hund.
Entnommen aus Albert Bettex: Die Entdeckung der Natur. - © Droemer Knaur Verlag, München

Jetzt wird Abbildung 1 als Dia projiziert und die Versuchsdurchführung geschildert. Dabei sollte man behutsam vorgehen und die Vivisektion aus der Zeit heraus erklären (Narkosemittel wurden routinemäßig erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzt, drakonische Strafen wie Blenden waren für aus unserer Sicht geringfügige Verbrechen gängig), aber auch deutlich machen, daß es unter heutigem Blickwinkel ein scheußlicher und unzulässiger Versuch ist. Die Schüler sind bewegt und zur Mitarbeit motiviert. Es kann sein, daß man hier schon die erst für später geplante Diskussion über Tierversuche einschiebt, weil die Schüler emotional stark erregt sind.

Versuch 1 :

Bei dem festgebundenen Hund wurden an beiden Hinterextremitäten oberflächlich verlaufende Blutgefäße freigelegt. Das rechte Hinterbein (vom Tier aus gesehen) wird mit Ausnahme der beiden Adern abgebunden. Wird eines der beiden Gefäße angeschnitten, so tritt wenig Blut aus. Das Tier überlebt.

Versuch 2 :

Eine Ader des linken Beines wird abgebunden und dann an einer unterhalb gelegenen Stelle verletzt. Es tritt ein Blutstrahl aus und der Hund verblutet.

Die Schüler werden aufgefordert zu überlegen, zu welchen Ergebnissen Versuch 1 und 2 nach den älteren Vorstellungen hätten führen sollen. Diese falschen Erwartungen werden mit dem tatsächlichen Ausgang verglichen und Schlußfolgerungen gezogen. Der Tierversuch wird skizziert und die Folgerungen (Blut fließt in diesen Adern zum Herzen, Blutkreislauf) aufgeschrieben.

De Wale hat bei seinem Versuch zufällig eine Vene verletzt; als Hausaufgabe sollen die Schüler überlegen, wie die Experimente ausgegangen wären, wenn er eine Arterie gewählt hätte und ob man mit diesen Befunden auch die Existenz eines Blutkreislaufes hätte nachweisen können.

Die Diskussion über Tierversuche sollte von dem vorgestellten Versuch, der heute scharf verurteilt würde, ausgehen und dann aber differenziert geführt werden. Es sollte zur Sprache kommen, daß vereinzelten illegalen grausamen Tierversuchen auch vereinzelte kriminelle Aktionen von Tierschützern gegenüberstehen und daß es um eine ausgewogene Sichtweise gehen muß. In diesem Zusammenhang muß auch über nicht artgerechte Tierhaltung in jeder Hinsicht (Massentierhaltung, Tiertransporte, falsche Haltung und übertriebenes Verwöhnen von Haustieren) gesprochen werden. In diesem Kontext sollte man den Eifer von Tierschützern loben, aber auch darauf hinweisen, daß es Grausamkeiten gegen Menschen gibt (Beschneidungen von Mädchen in Afrika, Sextourismus, ...), die auch bzw. eher Anteilnahme und Einsatz erfordern.

Literatur

/1/ Miehe, U.: Der Blutkreislauf - ein motivierender Stundeneinstieg mittels Hörspieleinsatz. - In: Biologie in der Schule . - 47 (1998) 1. S. 16-20 /2/ Bettex, A.: Die Entdeckung der Natur. - Droemer Knaur Verlag. - München, 1965. - S.283

 

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Domäne  Bossert

 

23. April 2001
© B.Bossert