Warum erreicht Deutschland nur das Mittelfeld?

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Wo sind Erfolge nötig?                       - bei der Förderung der Schwachen
                                                            - bei der Steigerung der Leistungen

Wieso führen die Anstrengungen nicht zum Erfolg?

Da noch keiner den „Stein der Weisen“ gefunden hat, sollte man nach vielen kleinen Steinchen suchen, die insgesamt aber auch Gewicht haben.

So wie ein guter Handwerker, Arzt oder Lehrer als selbstverständlich angesehen wird, so geht es auch Schülern und Eltern. Die Ausnahmen fallen auf und erregen die Gemüter. So werden bei den folgenden Überlegungen nur die ungünstigen Seiten beleuchtet.

Die Betrachtung erfolgt aus „Hessischer Sicht“ und ist notwendigerweise subjektiv.

1. Frühe Förderung der Schülerinnen und Schüler

1.1  Babyjahre und Kindergarten

Am Anfang ihres Lebens werden die Kinder von ihren Eltern, von Familienmitgliedern gefördert. Nicht alle Eltern sind sich bewusst, dass in den ersten Jahren „Weichen gestellt werden“. Babys wachsen von selbst, zur vollen Entfaltung benötigen sie Hilfen.

http://www.bossert-bcs.de/biologie/welt/saeugl/index.htm

Es folgt der Kindergartenbesuch. Glaubt man Zeitungsberichten, so nehmen manche japanische Mütter zwei Stunden Hin- und zwei Stunden Rückfahrt auf sich, damit ihr Kind den „richtigen“ Kindergarten besucht.
Auch in Deutschland wird hier schon die Zukunft gestaltet. Eltern, die vorausschauen, geben ihr Kind nicht in den nächstgelegenen städtischen Kindergarten, sondern suchen nach einem kirchlich geleiteten oder einem anderen mit besonderer Betreuung und einem Grundsatzprogramm.
Hier geht es mir so, wie es allen Politikern auch geht: ich rechne unsere Erfahrungen mit den Kindergärten und Grundschulen unserer beiden Kindern und meine täglichen Beobachtungen, die ich beim Vorbeigehen an einem Kindergarten und einem Hort mache, einfach hoch – sicher ungerecht.
Um es krass zu formulieren: Kinder aus sowieso schon benachteiligten Verhältnissen werden aufbewahrt. Sie unternehmen seltener etwas, ihr Verhalten untereinander ist unkooperativ, die Umgangsformen sind schlecht. Im Hort lernen sie sich durchzusetzen und selbständig zu werden – früher hätte man das Ergebnis rüpelhaft genannt. Umgangssprache herrscht vor. Manche Kinder entwickeln hier eine "Verteidigungsstrategie", die sie lange beibehalten und mit der sie sich gegen Rat und Vorhaltungen abschirmen: Ein Hinweis, ein Vorwurf zu unangemessenem Verhalten und der Aufforderung es zu unterlassen, wird nicht befolgt - es wird Empörung und Unschuld geheuchelt und ein mehr oder weniger spitzfindiges oder dümmliches Gegenargument vorgebracht. Das Verhalten ändert sich nicht - man sieht sich "ungerecht" behandelt.

Uta Rasche: Elternwohl und Kinderwohl, FAZ vom 05.01.2007

" … Zu wenig bedacht wurde allerdings, dass hochwertige Betreuungseinrichtungen nicht dadurch entstehen, dass man Kommunen dazu zwingt, sie einzurichten. Die besten Krabbelstuben entstehen aus Elterninitiativen, … Die jungen Frauen, die eine Mischung aus Familie und Beruf für ideal halten, sind längst in der Mehrheit. Doch erst eine hochwertige Kinderbetreuung gibt ihnen eine echte Wahlmöglichkeit."

1.2 Grundschule

Es folgt die Grundschule, die nur mäßige Ergebnisse erbringen kann, weil sie wesentliche Erziehungsversäumnisse ausgleichen und mangelnde Deutschkenntnisse berücksichtigen muss. Es reicht nicht, zu richtigem Sozialverhalten anzuhalten – nein es wird hier z.T. erstmals kennen gelernt, muss erläutert, begründet und eingeübt werden. Die Lehrerinnen und Lehrer sind zu bewundern, dass sie nebenbei auch noch Inhalte vermitteln können.
Hier setzt sich die Benachteiligung fort, deren wahre Ursache die Gleichgültigkeit, Unwissenheit oder finanzielle Bedrängnis der Eltern ist. Arbeitsmaterial ist nicht besorgt, Hausaufgaben und Frühstück fehlen, die Einstellung gegenüber Schule und Lernen ist ablehnend. Lernen und Lesen werden nicht als Arbeit angesehen und anerkannt. Eltern sind telefonisch schwer zu erreichen, Gespräche gestalten sich nicht nur aus sprachlichen Gründen schwierig; die Vorstellungen über Erziehung und Lernen und die Rolle in der Gesellschaft weichen in den verschiedenen Kulturen weit voneinander ab.
Erfolge und Belohnung bleiben aus – Frustration wächst. Wer das für übertrieben hält: In der 1. Klasse unserer Tochter hat es bis Weihnachten gedauert, bis alle Kinder, auf die entsprechende Aufforderung hin, das rote Heft aus dem Ranzen nehmen konnten. Im 2. Schuljahr um Ostern lernten die Kinder den letzten Buchstaben.
Manche Kinder entwickeln sich trotz Schule gut – aber nur mit Hilfe ihrer Eltern. Bei wem diese Hilfslehrer – aus z.T. nachvollziehbaren Gründen – nicht einspringen können, der „hat Pech“.
Ein solcher Unterricht erreicht, dass alle Kinder frustriert sind – die einen sind unter- die anderen überfordert. Es ist der Traum mancher Politiker, diese Frustration möglichst lange zu erhalten.
Ein gewisser Ausgleich wäre durch Lesen möglich. Bei Erwachsenen in Deutschland liegen Internet und Handy in der „Mediengunst“ vorne (FAZ vom 04.12.2006) und Bücher an vorletzter Stelle. Wenn in einem Haushalt wenige Bücher vorhanden sind und die Erwachsenen kaum lesen, so fehlen Vorbild und Ansporn. Nun sind Bücher und Leser aber nicht gleichmäßig in der Bevölkerung verteilt – „Permiere“ auch nicht.
Bei Berichten aus dem „Leseland“ Finnland kann man da als Lehrer neidig werden.

Am Ende der vierten Klasse sind schon viele Vorentscheidungen gefallen. Aus einsichtigen Gründen öffnet sich die Schere in der weiterführenden Schule weiter. Die einen leben auf – endlich werden sie gefordert, die anderen erleben eine Verlängerung ihres Frusts. Man kann natürlich eine Gleichbehandlung erreichen, indem man die Förderung der anderen weiter hinauszögert. Wenn man hierzulande nicht in der Lage ist, die Nachteile zu kompensieren, so fallen jedem noch so schulfernen Politiker Möglichkeiten ein, die anderen auszubremsen. Auch so ist Gleichheit zu erreichen.
In der weiterführenden Schule spielen Bücher und Nachschlagewerke und verständnisvolle Eltern, die auch Zeit haben bzw. sich nehmen, eine sehr große Rolle. Es geht nicht um direkte Hilfen, sondern um Interesse zeigen, Hinweise auf Bücher, den gemeinsamen Besuch der Stadtbücherei, des Zoos, von Museen … . Wenn fünf Kinder einer Sexta nicht wissen, was eine Brombeere ist, drei Kinder noch nie etwas von einem Teddybären gehört haben und ein Drittel noch nicht das Senckenberg Museum besucht hat, obwohl sie alle in Frankfurt wohnen, so ist klar, dass diese Kinder Nachteile haben, die allerdings nicht direkt messbar sind. Der Wortschatz schrumpft. Die 13. Jahrgangsstufe, mit der ich eine Studienfahrt unternahm, war selbst ganz betroffen, als ich ihnen am zweiten Tag vorhielt, dass ihre elaborierte Hochsprache hauptsächlich mit zwei Worten („geil“, „Scheiße“) auskommt. Hauptsächlich durch Lesen wird der Wortschatz erweitert – die eine lesen, die anderen nicht.
Verschärft wird die Situation der Kinder durch die Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre. Für einige ist Deutsch schon die „erste Fremdsprache“; dann haben sie sich mit Englisch gerade ein Jahr angefreundet (kämpfen aber noch mit Problemen), da kommt schon die nächste Fremdsprache hinzu.
Biologie wird in Hessen in der Klasse 6 des Gymnasiums einstündig unterrichtet. Schwache Leistungen sind häufig mit mangelnder Disziplin gekoppelt. In einer Klasse mit 33 Schülerinnen und Schülern (gewünschter Normalfall in Hessen) ist es eigentlich nur möglich, ihn (meistens ist es ein „er“) an einem Einzeltisch zu isolieren, statt ihn zu integrieren.
Die Ordnungsmaßnahmen, die gegen Schülerinnen und Schüler, bei denen alle pädagogischen Möglichkeiten wirkungslos waren, angewandt werden dürfen, sind untauglich. Es muss ein Katalog von Maßnahmen stufenweise "abgearbeitet" werden; die ersten Stufen sind völlig ungeeignet und berühren die Schülerin oder den Schüler kaum. Diese Vorschriften und die einzuhaltenden Fristen verschleppen und rufen den Eindruck hervor, dass man alles machen kann. Der Zeitaufwand für die Lehrkraft ist groß, der Erfolg gleich null - Resignation auf der einen, Frechheit auf der anderen Seite nehmen zu.

Jürgen Kaube: Schulabbrecher, FAZ vom 04.01.2007

" … Unter den jährlich knapp achtzigtausend Schulabbrechern sind doppelt so viele Jungs wie Mädchen. Und es sind überproportional viele Ausländer. An den Berufsschulen bricht außerdem jeder Fünfte, mehr als ein Drittel der Ausländer, ab. … Denn es ist ja nicht so, dass aufgrund einer Laune der Natur die Mädchen einfach doppelt so schlau sind. Sie geben sich nur deutlich mehr Mühe und verachten die Anforderungen weniger, die an sie gestellt werden. … Kein Ministerium der Welt kann Zahlen verändern, die in Tausenden von Fällen Einstellungen entspringen, die man je nachdem fatalistisch, cool, verächtlich oder wehleidig nennen kann. … "

Ist die Schülerin / der Schüler sehr schwach, so muss in Hessen von der Lehrkraft ein „Förderplan“ erstellt werden. Von den Eltern und den Schülern wird er trotz Erläuterungen kaum verstanden – aber es kann wieder ein Häkchen gemacht werden. Viele Eltern schreiben kaum noch Briefe und haben Probleme, sie zu verstehen. Briefe von Lehrkräften über Schülerinnen und Schüler sind ähnlich abgefasst wie Beurteilungen und Zeugnisse in der Industrie. D.h. sie umschreiben die Probleme. Für viele Eltern ist der Griff zum Handy viel nahe liegender und sie können vielfach nicht verstehen, warum das die Lehrerin / der Lehrer nicht auch so macht.
Gibt es Probleme, gibt es Nachhilfe – aber auch nicht für alle. Die Millionen, die jährlich in Deutschland ausgegeben werden, werden wiederum nicht gleichmäßig von der Elternschaft aufgebracht. Zunehmend gilt: Gibt es keine Probleme, gibt es Nachhilfe. Seit Mathematik verbindliches Prüfungsfach ist, hat sich vieles geändert. Privatschulen und Nachhilfekräfte brauchen keine Lobby, sie haben ja die Kultusministerien.
Eigene Kinderzimmer und ungestörte Arbeitsplätze sind auch nicht zufällig verteilt.

Liest man von Donata Elschenbroich: Weltwissen der Siebenjährigen, München 2001 oder von Oliver Sacks: Onkel Wolfram, Hamburg 2002, so muss man sehr nachdenklich werden. Kinder, die eine solche reiche Jugendzeit hatten und haben, machen an der Schule, an der ich unterrichte, 10 Prozent einer Klasse aus.

Wenn da die weiterführende Schule eine Kompensation erreichen kann, müssen sich Lehrerinnen und Lehrer sehr anstrengen und zusätzlich viele glückliche Zufälle eintreten.

2. Kultusministerium und Schulämter

Das Kultusministerium und die Staatlichen Schulämter in Hessen unterbieten, was die Verweildauer auf der Stelle betrifft, alle nordamerikanischen Manager. Als erstes wird man „abgeordnet“ – d.h. man hilft aus und wird „betrachtet“. Dann geht man zurück und wartet auf die Beförderung. Aus Sicht der Ämter hat das Vorteile, aus Sicht der Schule nur Nachteile. Ich bleibe jetzt im Allgemeinen, obwohl ich von konkreten Fällen spreche. So ist es nicht förderlich, bei seiner Arbeit zu viele Probleme zu sehen. Man ist ja zum Problemlösen da und außerdem – falls die Probleme kommen, ist man ja ohnehin schon weg.
In der Praxis bedeutet das z.B., dass die Gruppen die einen Lehrplan erarbeiten, in der Zeit bis zur Fertigstellung wechselnde Ansprechpartner im Ministerium haben. Der Wechsel in eine höhere Position war sicher immer gerechtfertigt, aber für die Sache war es nicht gerade dienlich. In vielen Ländern wird die Lehrplanarbeit als wichtig angesehen.

Im Ministerium ist man weit weg von der Wirklichkeit. Das war wahrscheinlich schon immer so. Da ein Besuch vom Ministerium selten und immer angekündigt ist, können sie auch gar nicht die Praxis kennen lernen. Wenn ich noch daran denke, für was vor dem letzten Besuch der Ministerin an unserer Schule auf einmal Geld vom Stadtschulamt da war und wie die Schule geblitzt hat!

Ich möchte einige Punkte ansprechen, die gut gemeint waren, sich in der Praxis aber negativ ausgewirkt haben:

2.1 Viele Zusatzaufgaben

Allerlei Schulentwicklungspläne müssen dauernd geschrieben und fortgeschrieben werden. Das bindet viele Kräfte und es sind häufig Absichtserklärungen (Aktionspläne!). Das ist nur ein Beispiel aus der Menge der Zusatzaufgaben.
Die Lehrpläne sind umfangreich und legen den Stoff so weitgehend fest, dass kaum noch Unterrichtszeit für zusätzliche Aktivitäten bleibt. Es wäre viel vernünftiger, die Zeit für Fachkonferenzen zu verwenden, in denen die konkrete Umsetzung der Inhalte durchdacht wird. Es gibt immer noch Kolleginnen und Kollegen, denen nicht klar ist, was sie da eigentlich unterrichten sollen.

2.2 „Punkte“

Das leitet über zum nächsten Problem über, das in der Theorie vernünftig ist und in der Praxis verpufft. Jede Lehrkraft muss „Punkte sammeln“. Da es aber keine vernünftigen fachbezogenen Veranstaltungen auch nur in dem annähernd notwendigen Ausmaß gibt, die Punkte aber verlangt werden, führt das dazu, dass alles akkreditiert wird. Hauptsache Punkte!

2.3 Vertretungsstunden

Da in der Schule alles zusammenhängt – das ist in der Praxis so – führt das gleich zum nächsten Problem: Unterrichtgarantie plus. Fortbildung der einen bedeutet Vertretungsunterricht für die anderen.
 Der Begriff ist sehr unglücklich gewählt, da er nahe legt, dass „Unterrichtsgarantie“ eine Mogelpackung ist. Entweder ist „Unterrichtsgarantie“ eine Unterrichtsgarantie – dann kann es kein „plus“ geben. Oder sie ist es nicht – was ist sie dann?
Bis zur Klasse 7 einschließlich mag die Regelung ja auch in der Praxis vernünftig und hilfreich sein; darüber hinaus ist sie für alle Beteiligten sehr anstrengend und wenig effektiv.
Das Geld hätte man besser in die Vertretungsreserve für längerfristige Krankheitsfälle oder die Lehrerversorgung gesteckt.
Die „Lehrerversorgung“ einer Schule deckt auch nicht den Bedarf zu 100% ab.
Bei der Schulleitung ist es ähnlich. Nach Gerüchten müssen in Frankfurt immer Studiendirektorenstellen unbesetzt bleiben, weil so viel Geld nicht „im Topf ist“. Man überlege sich das! Nie ist eine Einarbeitung möglich! Ich erinnere mich schon nicht mehr, wann die Schulleitung an der Schule, an der ich unterrichte, vollständig war. Falls die Stellen wichtig sind, geht hier Geld vor Schule.

2.4 Beförderung

Einmal im Berufsleben ist eine Beförderung vorgesehen. Sie findet nicht immer statt.
Die Beförderung zum Oberstudienrat ist mit gutem Unterricht nicht zu erreichen. Man muss etwas anderes in den Vordergrund stellen. Nicht selten leidet dann der Fachunterricht. Dann wird die Stelle ausgeschrieben – ursprünglich eine gute Idee. Der Ausschreibungstext passt auf eine Person in Deutschland. Jetzt ist man mit viel Mehrarbeit auf dem gleichen Stand wie früher.
Bei meiner Beförderung verlangte das Schulamt eine Oberstufenstunde zu sehen. Auch völlig praxisfremd – das ist leicht und kann jeder. Unterricht in einer Mittelstufenklasse verlangt viel mehr, manchmal alles!
Einstellungen sollten – schon aus Gründen der Alterstruktur des Kollegiums – kontinuierlich stattfinden und nicht im „Schweinezyklus“. Mal lässt man die Besten laufen, dann stellt man alle ein!

2.5 Referendarausbildung

Zu der neuen Organisation der Referendarausbildung habe ich noch nicht eine einzige positive Bemerkung gehört.

http://www.bossert-bcs.de/biologie/refausbildung/index.htm

3. Unterricht der Schülerinnen und Schüler an der weiterführenden Schule

Der Unterricht soll Inhalte und Arbeitsmethoden vermitteln; ältere Schülerinnen und Schüler sollen befähigt werden, immer selbständiger zu arbeiten. Dabei sollen schwächere Schülerinnen und Schüler so gefördert werden, dass am Ende die Defizite gemeinsam aufgearbeitet wurden.

Das alles gehört zum Aufgabenbereich und muss von den Lehrerinnen und Lehrern angegangen werden. Ich glaube, dass viele das auch ernsthaft versuchen. Ich führe nun Punkte auf, die das Vorhaben erschweren.

3.1. Verhältnis von Gesellschaft zu Schule / Lehrkräften

Das schlechte Verhältnis ist sicher der Hauptgrund vieler Schwierigkeiten. An ihm sind alle direkt Beteiligten Schuld. Zusätzlich verschlechtert wurde das Ansehen durch Politikerschelte und den früher möglichen Schlendrian in den Schulen, der durch mangelnde Kontrolle oder absichtliches Wegsehen ermöglicht wurde.
Auch hier wird die Misere durch einen Blick auf Finnland oder Japan verdeutlicht. Es ist nur eine langfristige Änderung vorstellbar – und damit bleibt das Haupthindernis loch lange Zeit bestehen.

Die im folgenden Zitat überspitzt dargestellten Erziehungsziele erleichtern nicht das Unterrichten.

Gerd Roellecke: Wer pflegt liebevoll? , FAZ vom 05.01.2007

" … Heute geht es allein um das Wohl des Kindes. Das Wohl ergibt sich aus dem, was das Kind selbst will, und aus seinen Karrieremöglichkeiten. Die Gesellschaft ist nur noch über die Karriere mit dem Kindeswohl verbunden. … "

3.2. Stundentafeln

Für viele „Nebenfächer“ ist ein kontinuierliches Arbeiten nicht möglich. Am Fach Biologie (Hessen) kann man das verdeutlichen.

5

6

7

8

9

10

G 9

2

2

2

0

2

  0

G 8

2

1

2

0

2

Sek. II

Die Regel sind drei Lehrerwechsel; zweimal 1 Jahr Pause in G9 bzw. 1 Jahr Pause in G8. Lehrkraft und Klassen müssen sich immer wieder neu aufeinander einstellen; nach der Pause müssen Anknüpfungspunkte gefunden werden, Wissen muss reaktiviert werden.

Ein weiterer Gesichtspunkt:

Klassenstufe 6 (G8 , Hessen)         - eine Stunde Erdkunde
                                                       - eine Stunde Biologie
                                                       - eine Stunde Physik (als neues Fach)
                                                       - eine Stunde Geschichte (als neues Fach)

Es geht natürlich – es findet ja jeden Tag statt. Aber selbst ein Laie sieht die Probleme, die „nebenher“ auch noch gelöst werden müssen.
Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 6 (G8) und 12, die gewissenhaft ihre Hausaufgaben machen, haben deutlich mehr Wochenstunden Arbeitszeit als viele Eltern.

3.3. Leistungen

Einmal geht es um die Schulleistungen und zum anderen um die im internationalen Vergleich. Kultusministerium, Schulleitung, Lehrkräfte haben es mit vereinten Kräften bisher immer erreicht, dass die Schülerleistungen annehmbar aussahen. Seit einiger Zeit wird aber in internationalen Vergleichen getestet, ob sie auch annehmbar sind. Hier können die Schülerinnen und Schüler nur mittelmäßig abschneiden, weil sie schlechter vorbereitet sind als in anderen Ländern.

Die Aufgaben im internationalen Vergleich verlangen die Anwendung des Wissens; gestellte Probleme sollen gelöst werden.

Immer wenn die Schule von außen untersucht oder auch nur betreten wird, platzen Seifenblasen. PISA ließ die Leistungsblase platzen. Die Übernahme von Vertretungsstunden durch Personen, die von außen kommen (Hessen, "Unterrichtsgarantie plus"), ließ die Erziehungsblase platzen. Viele Schülerinnen und Schüler sind weder durch Eltern, noch durch Kindergarten und Schule erzogen worden. Manche Klassen sind inzwischen für Vertretungskräfte von außerhalb "gesperrt". Bisher hat man verdrängt und beschönigt, dass die Fälle von Gewalt, über die in den Medien berichtet wird, die Spitze einer breiten Pyramide sind.

3.3.1 Die Stundentafel

An der Stundentafel (Kultusministerium Hessen, G8) soll erläutert werden, dass problemlösendes Denken nur schwer zu erreichen ist.

Unterrichtsfächer

Kl. 5

Kl. 6

Kl. 7

Kl. 8

Kl.9

Summe

Deutsch

6

5

4

4

4

23 

1. Fremdsprache

5

4

4

4

4

21 

2. Fremdsprache

-

5

5

3

3

16

Mathematik

5

5

4

4

4

22

Sport

3

3

3

3

2

14

Religion / Ethik

2

2

2

2

2

10

Kunst

2

2

1

2

-

7

Musik

2

2

1

-

2

7

Bio

2

1

2

-

2

7

Chemie

-

-

2

2

2

6

Physik

-

1

2

2

2

7

Erdkunde

2

1

-

2

-

5

Politik und Wirtschaft

-

-

2

2

3

7

Geschichte

-

1

2

2

2

7

WPU / 3. Fremdsprache

-

-

-

2 / 3

2 / 3

4 / 6

Klassenlehrerstunde

1

-

-

-

-

1

Schülerstunden

30

32

34

34 / 35

34 / 35

164 / 166

„Bio“ soll sicher für Biologie stehen.

Sieht man sich die Stundentafel an, so sind die ersten beiden Jahre voll gestopft mit Fächern, in denen hauptsächlich „skills“ eingeübt werden. 16 bzw. 19 Stunden Hauptfachunterricht in 5 bzw. 6. Der Schwerpunkt liegt ganz eindeutig auf Fertigkeiten (was am Anfang sicher auch wichtig ist) und „knowledge“. „Problemlösend“ bedeutet Zusammenhänge in der „Lebenswirklichkeit“ herzustellen, zu erkennen, ein vernetztes Grundwissen aufzubauen. Fächer, die zu einem „understanding“ führen, haben eine geringe Stundenzahl und stehen häufig isoliert. In welchen Klassenstufen kann man Biologie, Chemie und Physik vernetzen? Wann können Erdkunde, Politik und Wirtschaft und Geschichte sich aufeinander beziehen?

Die Gesamtstundenzahl der Fächer, die Fertigkeiten und Werte vermitteln, ist riesig. Die Gesamtstundenzahl der Fächer, die den naturwissenschaftlichen Teil des Weltbildes vermitteln sollen, ist verschwindend klein – sie übersteigt geringfügig die Summe der Stunden aus Sport und Religion / Ethik.

Mathematik zählt zum naturwissenschaftlichen Feld, ist aber keine Zusammenhänge der Welt erklärendes Fach. Man benötigt es zum Rechnen. – Über die Defizite des Mathematikunterrichts ist auch schon viel geschrieben worden.

http://www.bossert-bcs.de/biologie/pp2/img13.html

3.3.2 Der Unterricht

In den Fächern, die Zusammenhänge vermitteln können, ist der Unterricht noch zu selten problemlösend orientiert. Entsprechende Aufgabenstellungen sind selten.
Wenn aber problemlösendes Arbeiten und Denken, überprüft mit problemlösenden Aufgaben, nicht von der Jahrgangsstufe 5 an eingeübt wird, kann es nicht geleistet werden. Dahin führt nur ein langwieriger Weg.
Zu lange wurde als Lösung der Aufgabe hingeschrieben, was oben auf der Schulbuchseite oder im Heft stand.

http://www.bossert-bcs.de/biologie/motivation/mot.htm
http://www.bossert-bcs.de/biologie/experiment/index.htm

Die Schulbücher sind keine Hilfe, sondern verstärken das Problem.

http://www.bossert-bcs.de/biologie/schulbuch/index.htm

3.4 Hilfen und Eingliederung

Der wichtigste Punkt zuletzt.

Viele der „Spitzenländer“ wie Finnland oder Japan haben eine homogene Schülerpopulation. Von ihnen kann man unter „Hilfen“ viel lernen. Muss man Integrationsprobleme lösen, muss man vom „Weltmeister“ lernen.
Sie (Durham, 1996) haben es in zehn Jahren von ganz unten, nach ganz oben geschafft.
Norm Green, Kathy Green: Kooperatives Lernen, Velber 2006 gewährt einen Einblick, wie man Schülerinnen und Schüler fördern kann. Es handelt sich um eine sehr durchdachte Weiterentwicklung der Gruppenarbeit zu einem Team, das kooperativ lernt.

Skizze des Vorgehens:
Das Team wird wohldurchdacht vom Lehrer zusammengestellt („Die Namenskarten der Schüler sind unter Berücksichtigung von kulturellen Hintergründen, beeinträchtigenden Bedingungen, Geschlecht, sozialen Beziehungen und Abwesenheitsproblemen arrangiert worden.“), es wird eine Gruppenidentität entwickelt (Gruppenname, Gruppenlogo, Gruppenmotto, Gruppenziele, …) und gleichzeitig das Selbstwertgefühl des Einzelnen unterstützt (sehr viele praktische Hinweise).
Dann werden komplexe Aufgaben angegangen, die nur vom Team in Zusammenarbeit gelöst werden können. Ohne soziale Kompetenzen ist das nicht möglich. Der Lehrer beobachtet und unterstützt bei Bedarf und lernt selbst.

Langfristig muss die Gruppe im eigenen Interesse jeden integrieren und jeder muss früher oder später die Integration wünschen.

Man sieht leicht, dass sich kooperatives Lernen nicht auf ein Fach beschränken darf. Ein Ansatz in Deutschland (W. Lohre (Hrsg.), H. Klippert: Auf dem Weg zu einer neuen Lernkultur, Gütersloh 1999) geht von einem Lehrer-Dreier-Team (nicht drei Lehrern!) aus, die mindestens 15 Stunden in der Klasse unterrichten. Man sieht, dass das nicht ohne eine weitgreifende Veränderung der Schule möglich ist – und die hat es bei uns eben nicht gegeben.

Im bestehenden Schulsystem würde ein Versuch verlangen,

         -          dass möglichst viele Lehrer dauerhaft zusammenarbeiten,
         -          dass in jedem Fach die Gruppenzusammensetzung erhalten bleibt,
         -          dass umfassendere Aufgaben (Projekte) häufig sind,
         -          dass Räume und Materialien der Gruppenarbeit entsprechen,
         -          …

Ich denke, dass man sogar einen Versuch wagen könnte – mit viel Einsatz, viel Kreativität und viel Lernen auf allen Seiten. Nötig wäre aber eine Entlastung von den vielen kleinen und großen Verwaltungsroutinen (siehe Frankreich), die die Lehrer ständig bedenken und erledigen müssen.

Man sollte aber auch Gefahren nicht übersehen. Der Ansatz ist leichter zu verwirklichen, wenn man fachfremden Unterricht in größerem Umfang in Kauf nimmt. Das ist in der Klassenstufe 5 schon verheerend. Jeder kann ein Schulbuch vorlesen – das ist ja unser Problem. Wer die Sekundarstufe I vernachlässigt, muss sich über die Leistungen der Sekundarstufe II nicht beschweren.  – Wer das nicht glaubt, sehe sich meine Seiten zur 6. Klasse an und überlege, ob fachfremder Unterricht auch nur in die Nähe solcher Stunden kommt.

http://www.bossert-bcs.de/biologie/frosch.htm
http://www.bossert-bcs.de/biologie/grordnung/index.htm
http://www.bossert-bcs.de/biologie/froesche/index.html
http://www.bossert-bcs.de/biologie/bromelien/bromel.htm

4. Fazit

So wie die Erfolge der „Spitzenländer“ auf eine Vielzahl von günstigen Faktoren und außerordentlichen Leistungen zurückgehen, so summieren sich in Deutschland bzw. einzelnen Bundesländer die angesprochenen negativen Bedingungen und Nicht – Leistungen zu der immer wieder bestätigten Mittelmäßigkeit.

Woran liegt es?

         -          Verhältnis Gesellschaft – Schule
         -          Einstellung der Eltern (zu geringe Förderung; „Schule ist Sache der Lehrer und des Kindes.“)
         -          ungünstige Stundentafel und falsche Methodik im Unterricht
         -          Schulbuchkatastrophe
         -          schlecht konzipierte Referendarausbildung
         -          Gruppenarbeit steckt noch in den Kinderschuhen
         -          schlechte Disziplin, mangelnde Arbeitshaltung der Schüler – keine Sanktionsmöglichkeiten der Lehrer
                    (man vergleiche Frankreich, USA)
         -          Überlastung von Schulleitung und Lehrern mit Verwaltungsaufgaben
         -          Leistung wird nicht anerkannt
         -          Resignation auf allen Seiten

Die Schule wird niemals durch „Macher“, die nichts von den Zusammenhängen verstanden haben, verbessert. Schon gar nicht durch eine Einzelmaßnahme. Beispiel: Die Ganztagsschule mit ihren zusätzlichen hervorragenden Angeboten fördert natürlich die ohnehin guten Schülerinnen und Schüler. Nur die gehen hin – die anderen gehen heim / müssen nach Hause gehen. Sie hängen mit ihrer Clique herum oder müssen für die Eltern arbeiten. So hat ein Mädchen nicht mehr zu der Computer AG kommen dürfen, weil sich die Arbeitszeiten der Mutter geändert haben und sie ihren kleinen Bruder betreuen muss.

Verbesserungen sind schwierig. Wenig hilfreich sind besserwisserische Ratschläge aus Salem oder Bielefeld. Wird z.B. für Bielefeld ein Korrekturfaktor einbezogen, der die soziale Stellung der Eltern erfasst, so sind die Ergebnisse der Laborschule ganz normal – das sollte bei dem ganzen Aufwand eher peinlich sein. Wenn manche Schulen ihre 300 Sextaner aus über 1000 Bewerbern auswählen (sicher nicht auslosen), so ist das Ergebnis nicht verwunderlich. Ein Bekannter von mir besuchte ein Internat, bei dem die Klassengröße von 5 bis 13 auf 12 (!) begrenzt war. Ab 13 Kindern / Jugendlichen wurde die Klasse geteilt. Es sind nicht Einzellösungen gefragt, sondern flächendeckende für ganz Deutschland.

Das Erziehungs- und Bildungssystem eines jeden Landes ist ein komplexes Netzwerk. Es ist nichts geholfen, ein Merkmal in Deutschland einzuführen.

Was ist nötig?

Deutschkenntnisse, Zusammenarbeit von Kindern, Eltern und Lehrern, gefolgt von gegenseitiger Anerkennung und Achtung, motivierender Unterricht, Leistungen müssen erwartet und erbracht werden, umfassende Hilfen durch die Gruppe und die Lehrkräfte müssen angeboten und angenommen werden, Sanktionsmöglichkeiten bei Disziplinproblemen müssen wieder vorhanden sein, viel Zeit muss investiert und ausgehalten werden, …

Das ist ein langer Weg mit viel Arbeit, vielen Kompromissen, kreativen Ansätzen und Lösungen und der immerwährenden Gefahr der Resignation bei allen Beteiligten.

Nötig wäre eine Arbeitsgruppe aus Leuten, die nicht schon alle „Bescheid wissen“, die die vorgelegte Liste prüfen, ergänzen und schulnahe Lösungswege aufzeigen.

 

 

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updated Januar 2007
© B.Bossert