Das Verschwinden der Inhalte und Ansprüche

 

1. Die Situation

 

Die Bildungspolitik hat (in Hessen) zu einem Kaleidoskop von Selbstzufriedenheit verbunden mit Dummheit geführt, das zu einem Förderprogramm der Privatschulen wurde. Der Trend weg von dem chaotischen Aufbewahrungsraum hin zu einem strukturierten Lernraum hält unvermindert an.
Da das Kaleidoskop nicht nur eine bunte Folge von sich ergänzenden Fehlentscheidungen ist, sondern auch aus Sicht der Entscheidungsträger als ein „Schönbildschauer“ fungiert, besteht wenig Hoffnung auf Besserung.

Eine Bestandsaufnahme:

Ausgangspunkt sind drei gute Absichten:

Eine variierende subjektive Auswahl von Kompetenzen bei einer starken Vernachlässigung der Inhalte führt dazu, dass jede/jeder mitreden kann. Das macht den „Unterricht“ für Lehrer und Schüler viel einfacher und führt zur Selbständigkeit: Die Schüler lesen das Buch jetzt in Gruppenarbeit. Da Regelunterricht und Ganztagsangebote zeitlich nicht getrennt sind und z. T. ineinander übergehen (was grundsätzlich gut ist – wenn der „Unterricht“ noch Unterricht wäre), ist es für jüngere Schüler schwer zu unterscheiden, was gerade stattfindet – es herrscht immer Kindergeburtstagsstimmung. Der Spaß am Lernen wurde erreicht! – durch das Verschwinden der Inhalte und Zusammenhänge.

Jetzt musste man es nur noch einrichten, dass man die Prüfung bestehen kann, ohne dass man eine Ahnung hat, worum es geht. Auch das ist gelungen!

Der „Erfolg“ ist, dass es jetzt mehr als je zuvor auf die Eltern ankommt.

 

Und alle denken, sie hätten etwas gelernt und begriffen und wären „auf das Leben“ vorbereitet – als könnte man mit einfachsten Mitteln auf hochkomplexe Zusammenhänge vorbereitet werden.
Die Universitäten wundern sich – aber sie haben ja die Lehrer alle ausgebildet!

 

2. Schlaglichter

 

2.1 Landesabitur
Bei den schriftlichen, zentral gestellten Biologieaufgaben in Hessen kann man kaum versagen. Es gibt Aufgaben (Bereich Ökologie), die man ohne Vorwissen lösen kann, Aufgaben mit im Text enthaltenen Lösungen und Standartreproduktionen, mit denen man sicher rechnen kann.
Zudem stehen Aufgabenvorschläge zur Auswahl. Die Kursteilnehmer wählen aus vier Aufgaben zwei aus.
Im Landesabitur 2008 war der Lösungsvorschlag zu einer Aufgabe des Grundkursbereichs falsch. Beim Landesabitur 2009 war eine Teilaufgabe des Leistungskursbereichs falsch gestellt. Das führt natürlich zu Schwierigkeiten bei der Korrektur und zwingt zu einer gewissen Nachsicht bei der Bewertung.

Drohen in einem Fach null Punkte, so ist die „Präsentation“ die Rettung. Bei dieser Art der fünften Abiturprüfung gibt es keine Untergrenze des Niveaus, allerlei fremde Hilfen sind möglich und man kann mit bunten Folien (PowerPoint) Eindruck machen. So haben an unserer Nachbarschule 50 (!) Schülerinnen und Schüler eines Abiturjahrgangs im Fach Mathematik eine Präsentation vorgeführt.

 

2.2 Die Unterrichtsinhalte
„Ein Zuviel an Didaktik wäre dann gegeben, wenn die Lerngegenstände allzu stark vereinfacht und vereindeutigt werden, bis sie in ihrem Sachanspruch völlig verschwinden. … Aber es gibt auch ein didaktisches Zuwenig: Wenn alle Lern-Sachen Ansichtssachen sind und jedes Lernen als ein Prozess individueller und interaktiver Konstruktion betrachtet wird, wenn alles Neue selbstständig und selbsttätig eigenaktiv erschlossen werden soll, …“
Terhart, Ewald: Didaktik, Stuttgart 2009
In der neueren Schulpraxis ist es gelungen, beide Extreme gleichzeitig zu verwirklichen: Arbeitsblätter, die jedes Nachdenken überflüssig machen, Schulbücher der Sekundarstufe 1, die anspruchslos und ohne System sind, Schulbücher der Sekundarstufe 2, die den naturwissenschaftlichen Gedankengang auf den Kopf stellen: erst werden die Ergebnisse erzählt, dann folgen in einer „box“ Versuche und Methoden.
Lösungen von „Rätsel“ - Aufgaben, Lückentexte, kleinstschrittige Arbeitsanweisungen, in Häppchen zerlegter Unterrichtsstoff und eine Überbetonung der Vermittlungsmethoden erschweren es, komplexe Zusammenhänge darzustellen und zu erkennen.
Im Vordergrund stehen Arbeitstechniken und der Erwerb von Kompetenzen – Inhalte sind von sekundärer Bedeutung; sie sind weitgehend austauschbar und werden im Extremfall nach den einzuübenden Methoden ausgewählt. So laufen ja auch „Methodenwochen“ oft ab – die Methode ist Selbstzweck. Es fragt sich, welche „Kompetenzen“ man so erwirbt.
Das Ziel, dass alle mitmachen können, wird durch Vereinfachung und die große Gewichtung formaler Techniken erreicht.

 

2.3 Reform - Kaskaden
„Beobachtet man das jeweils reformierte System, hat man den Eindruck, dass das Hauptresultat von Reformen die Erzeugung des Bedarfs für weitere Reformen ist.“
Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, Frankfurt 2002

 

2.4 Bildungspolitik
„Es ist widersinnig, erst den Begriff der Bildung, den Unterricht und das Studium zu entleeren, sie danach mit Aufgaben anzufüllen, die in die Zuständigkeit der Sozialpolitik, des Managementtrainings oder der Familien fallen, um ihnen zuletzt bei Nichtbewältigung dieser Aufgaben Versagen vorzuwerfen. Wir überfordern und unterfordern die Schulen und Hochschulen zugleich.“
Kaube, Jürgen: Bestanden? Aber wir haben doch gar nichts gelernt! FAZ vom 02.01.2009

Schäden an Schulgebäuden werden beseitigt, um die Konjunktur zu fördern. Lehrermangel macht Seiteneinsteiger-Programm unerlässlich – die Eignung wird am Schüler getestet. Kurz-Referendariate gegen Lehrermangel. Die Qualität des Lehrers ist Nebensache, Hauptsache die Stelle ist besetzt (= lebenslang blockiert). Wo man hinsieht weitsichtige Entscheidungen, die am Wohl der Kinder orientiert sind.

Spitze ist Berlin – wenn es um das Wohl der Kinder geht.
In Berlin werden in Zukunft 25% der Plätze an Gymnasien und Sekundarschulen verlost. Die Gewinner müssen das in den Augen der Lokalpolitiker für Kinder völlig ungeeignete Gymnasium besuchen und die Verlierer (!) dürfen die allein für die Bildung von Kindern geeignete „Berliner Grundschule“ weiterhin besuchen.
Berlin verlost Plätze an Schulen, FAZ vom 12.06.2009

Stellte Flaubert das Ideal der Aufklärung der Dummheit des einzelnen Individuums gegenüber, die sich zu einem Druck der kleinbürgerlichen Gesellschaft formieren konnte, so stehen jetzt individuelle Rationalität und definierte Wertvorstellungen einem leeren Erziehungs- und Bildungsrahmen gegenüber.

 

2.5 Arbeitsplatz
Alle wollen (angeblich) die Ganztagsschule – aber es fehlen die räumlichen Voraussetzungen.
Die Schülerinnen und Schüler verbringen die freien Stunden auf den Fluren, weil Aufenthalts- und Arbeitsräume für sie fehlen. Von einem Platz, an dem man in Ruhe arbeiten kann, ist man weit entfernt. Der Freiraum für individuelle Interessen schwindet. Die Teilnehmerzahlen bei „jugend forscht“ gehen zurück.
Auch dem Lehrer kann die Schule keinen Arbeitsplatz (Schreibtisch, Regal) zur Verfügung stellen; der Wohnzimmercharakter des Lehrerzimmers dominiert. Es wird gearbeitet, gegessen, sich unterhalten, telefoniert, … Arbeits- und Privatleben gehen ineinander über, Rückzugsmöglichkeiten fehlen.

 

2.6 „Bildungsanstrengung“
Malcom Gladwell untersucht in seinem Buch „Überflieger“ (Frankfurt 2009) warum manche Menschen erfolgreich sind und andere nicht. Er kommt zu dem Schluss: „Der Unterschied liegt allein in der Anstrengung. Wenn wir über Talent reden, reden wir über die Bereitschaft, hart zu arbeiten.“ (Der Spiegel 3/2009). Zu Leistungen auf höchstem Niveau sind nach seinen Recherchen mindestens 10.000 Stunden Einsatz nötig. Dazu ist eine Umgebung nötig, in der es möglich ist, so intensiv zu üben.
Sein Beispiel für die Schule: „“Wenn man eine Gruppe von Zehnjährigen aus einem westlichen Land vor eine sehr knifflige Aufgabe stellt, versuchen sie ungefähr eine Minute lang, diese zu lösen, und geben dann auf. Die asiatischen Kinder dagegen bemühen sich auch noch nach einer Viertelstunde.“

 

2.7 Freiheit
Die angestrebte Emanzipation der Schülerinnen und Schüler ist mit (Wahl-) Freiheit verbunden. Sie eignen sich keine Inhalte von Romanen, keine ästhetischen Vorstellungen, kein reines Wissen geschichtlicher Fakten usw. an, sondern entwickeln in der kritischen Diskussion Ansichten und Wertvorstellungen.
So weit die Theorie.
In der Schulpraxis spielen aber die Freiheiten (Plural!) zweiter Ordnung die große Rolle – alles zu tun, was man will und beim Konsum (Turnschuhe bis Handy) eine unendliche Zahl von Wahlmöglichkeiten zu haben.
Es wird nicht vermittelt oder nicht erkannt, dass man das oben genannte Ziel nur erreichen kann, wenn man sich auf die Unterrichtsarbeit einlässt und im Interesse dieser Arbeit die vielen kleinen Freiheiten aufgibt.

 

3. Rationalität und Unterricht

 

3.1 Rationalität
Präsident Obama hat momentan (August 2009) „Gegenwind“ bei der von ihm vorgeschlagenen Reform des Gesundheitswesens. Obwohl seine Partei eine große Mehrheit besitzt, wird sein Wahlkampfversprechen im Kongress zerredet. Selbst wenn man annimmt, die Politiker bemühten sich um rationale Entscheidungen, so kommen sie trotz aller Bemühungen zu ganz verschiedenen Ergebnissen, weil sie von ganz unterschiedlichen Wertvorstellungen ausgehen. Es stehen sich Ablehnung und Befürwortung des Kindermädchenstaats (Nanny - State) gegenüber.

Auch die Ökonomen haben einmal gedacht, dass das Verhalten der (erwachsenen!) Menschen auf rationalen Entscheidungen beruht und haben schöne Formeln entwickelt, die aber Gier, Dummheit, Herdenverhalten, Misstrauen usw. nicht als Faktoren enthielten.
Heute machen sich alle lustig über die Beschränktheit der Ökonomen.

Sieht man sich Talkshows an, so fragt man sich, ob die Leute eigentlich zwischen rationalen Gedanken, Vorurteilen und auf Emotionen zurückgehenden Argumenten unterscheiden können. Falls sie das nicht können, muss man sich über ihre „Entscheidungen“ nicht wundern.

Malcolm Gladwell stellt in seinem Buch „Blink: The Power of Thinking Without Thinking“ sogar die Frage, ob durchgängig rationale Entscheidungen sinnvoll und erfolgsversprechend sind.

 

3.2 Unterrichtsplanung
Die vorangestellten Überlegungen lassen sich alle auf die Unterrichtssituation übertragen. Ginge im Unterricht alles rational zu, so könnte jeder sich hinsetzen und gute Stunden planen und der Erfolg wäre determiniert. - Der Lehrer tritt in seine Klasse, die Reparaturwerkstatt der Gesellschaft, vermittelt genial – medial die komplexesten Weltsichten und löst nebenbei die aufgetürmten gesellschaftlichen Probleme.
Die Ergebnisse der „behavioral economics“ gelten aber auch für den Unterricht: Nicht Rationalität sondern Voreinstellungen und Emotionen bestimmen den Schulalltag – das fängt schon mit dem Aufstehen an.
Die Grundlagen jedes Unterrichts sind nicht rational: die Inhalte (Rahmenrichtlinien, Lehrplan, Bildungsstandards) sind von Politikern vorgegebene wenig ausdifferenzierte Ziele und die Art der Vermittlung („zeitgemäße“ Methodik) hängt von dem derzeitigen „Erkenntnisstand“ der didaktischen Mode ab. Beide Grundlagen werden also von den wechselnden Wertvorstellungen der Gesellschaft bestimmt und in jeden Schulunterricht gehen viele abgesprochene und unausgesprochene Vorentscheidungen und Wertungen ein, so dass eine rationale Planung illusorisch ist.
Gäbe es eine Vorstellung, dann gäbe es ein Ziel mit Etappenzielen und es gäbe mit allzeit motivierten Schülerinnen und Schülern keine Disziplinproblem, keine ausgebrannten Lehrer und keine Schüler ohne Abschluss.
Zwischen dem, was ein mit Theorie „randvoller“ Lehrer vorhat und der Unterrichtssituation, die er bewältigen muss, liegen Welten (Praxisschock).

Die 34 Menschen (33 + 1) der Klasse durchlaufen lebenslang einen individuellen Entwicklungsprozess, befinden sich in jedem Moment des Unterrichts in einer persönlichen Situation, die von der jeweiligen Leistungsfähigkeit, den wechselnden Motivationen und Emotionen usw. bestimmt wird und folgen einem Unterrichtsprozess, der fachliches Basiswissen, fachspezifische Prinzipien und fächerübergreifende Kompetenzen zum Ziel hat und die Inhalte horizontal und vertikal vernetzen soll.
Für die Unterrichtsplanung geht man aber immer noch von dem „didaktischen Dreieck“ aus, in dem Konstrukte die lebenden Subjekte ersetzen.
„Das Medium Kind ist kein Kind. Es ist eine soziale Konstruktion, die es dem Erzieher ermöglicht, daran zu glauben, man könne Kinder erziehen.“
Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, Frankfurt 2002

Die Illusionen haben gravierende Folgen:

  1. von Referendaren werden „gute“ Stunden erwartet,
  2. ausgebildete Lehrer und Ausbilder halten immer „gute“ Stunden,
  3. Scheitern muss man nicht mit bedenken, weil es ja gar nicht möglich ist,
  4. es wird nicht auf den Umgang mit Kritik und Scheitern eingegangen.

Bücher, die das Scheitern von Unterricht und an ihm gescheiterte Schüler beschreiben und nach psychologischen (!) Lösungen suchen und emotionale (!) Zuwendung fordern, überraschen und verwirren.
Das darf nicht sein!

Pennac, Daniel: Schulkummer, Köln 2009

Bei der Bewältigung von Schwierigkeiten und Kummer spielt der Rückhalt in der Familie eine große Rolle.

Für einen guten Unterricht ist Planung notwendig, aber nicht hinreichend – jede Stunde ist experimentell, weil komplex und kontingent.

Der Artikel von Christian Rüede zeigt, dass eine genaue Planung den Unterrichtszielen entgegen steht und die Handlungsmöglichkeiten der Kinder einschränkt.

Rüede, C. (2007): Standards für Standards. Gymnasium Helveticum 61, 29-32.

 

4. Ökonomie und Unterricht

 

    

Familie
Je nach Schultyp und Einzugsgebiet ist der Anteil an „schwierigen“ Schülerinnen und Schülern unterschiedlich hoch.
Die Gründe sind vielfältig (die Aufstellung ist natürlich nicht vollständig, da jedes Kind ein Individuum ist):

Friederike Reents: Die Rettung der Kindheit – Eltern, erzieht euch selbst!
Buchbesprechung (M. Winterhoff: Tyrannen müssen nicht sein, Gütersloh 2009) in der FAZ vom 25.05.2009

„In der symbiotischen Eltern-Kind-Beziehung begreifen Eltern ihr Kind wie einen eignen Körperteil, ihre Psyche ist mit der des Kindes verschmolzen; ohne es zu merken, werden sie von diesem gesteuert. … Die mangelnde Abgrenzung bringt die psychische Entwicklung des Kindes zum Stillstand, <es verharrt in der frühkindlich-narzisstischen Phase, sein Weltbild ist so geprägt, dass es nicht zwischen Menschen und Gegenständen unterscheiden kann> …"

Der Spiegel – Titel betrifft eine Minderheit; bei vielen Kindern wären informierte und aktive Eltern eine große Hilfe und ein Fortschritt.

Betrachtet man die Situation an den Schulen unter dem Gesichtspunkt der Effizienz der eingesetzten Mittel, der investierten Zeit und der persönlichen Anstrengungen, so kommt man zu einem einfachen und nahe liegenden Schluss: Familien und Schülerinnen und Schüler müssen mehr gefordert werden.

 

Angewandte Biologie im Gartenbaubetrieb:
Auf der x1 – Achse wird die Lichtstärke (= Kosten) in einem Gewächshaus abgetragen und auf der y – Achse das Pflanzenwachstum (Fotosyntheseaktivität = Gewinn). Mit steigender Lichtintensität wachsen die Pflanzen stärker – der Gewinn steigt.

Ab einem gewissen Punkt muss man die Kosten aber unverhältnismäßig stark steigern, um auch nur einen kleinen Zuwachs zu erreichen.
Ökonomischer ist es, den Lichtwert konstant zu halten und die Temperatur (x2 – Achse) zu erhöhen. Jetzt wird mit geringerem Einsatz eine starke Erhöhung erreicht.

Wir auch hier eine weitere Steigerung unrentabel, so kann man die Temperatur konstant halten und den CO2 – Gehalt (mit Hilfe der Abgase der Heizung, x3 – Achse) erhöhen.

Bezug zur Schule
In diesem Fall sollen auf der x1 – Achse die Anstrengungen der Lehrkräfte abgetragen werden und auf der y – Achse der Lernerfolg des Schülers / der Schülerin. Auf der x2 – Achse werden der Einsatz des Jugendlichen und auf der x3 – Achse die Förderung durch die Familie abgetragen.

Durch die vielen Veränderungen der letzten Zeit an Schule und Unterricht sind immer nur minimale Erfolge (wenn überhaupt) erzielt worden. Die Erklärung könnte ganz einfach sein – wir sind bei „der blauen Kurve“ (=Schule) in dem Sättigungsbereich und mit weiteren Anstrengungen erreicht man nur noch kaum messbare Fortschritte. D.h. jetzt müsste man prüfen, in welchem Bereich der Bemühungen sich die Familie bewegt.

Diese Überlegungen können auch ganz leicht die Erfolge der Privatschulen erklären.

 

5. Geld und Bildung

 

In letzter Zeit gab es in der Gesellschaft und der Presse eine Diskussion, die als Ergänzung von Abschnitt 4 gesehen werden kann.

 

5.1 „Pest, Hunger und Krieg sind glücklich überwunden – nun sind die Alten da“
In der FAZ vom 16.05.2010 geht Frank Schirrmacher in „Roland Kochs Wette“ auf einen verdeckten Generationenkonflikt ein.
In der NZZ vom 25.05.2010 schreibt Joachim Günter unter „Ohne Lobby – Die deutsche Jugend“ zum gleichen Thema (aus dem Artikel ist das satirische Zitat entnommen).
Beide kommen zu dem allbekannten Ergebnis: Bildung der Jungen entscheidet die Zukunft der heute Arbeitenden.
Die Fragen sind:

 

5.2 „Mehr Geld für die Bildung bringt gar nichts“
Bei einigen Diskussionen geht es um die nach meiner Meinung (siehe oben) richtigen Überlegungen, ob es sich nicht eher um Strukturprobleme handelt, die nicht unbedingt mehr Mittel verlangen, sondern eine Akzentverschiebung.

In der FAZ vom 23.05.2010 untersucht Winand von Petersdorff in dem Artikel „Mehr Geld für die Bildung bringt gar nichts“ die Bildungserträge und kommt zu dem Ergebnis, dass eine Mittelverschiebung notwendig ist: „Der Staat finanziert die gut ausgebildeten Kinder der Mittelschicht. Besser wäre es, das Geld zu nehmen und es für die vernachlässigten Babys der Unterschicht auszugeben.“ Seine Überlegungen sind mit überzeugenden Materialien unterlegt.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Lisa Becker: „Intelligent in Bildung investieren“ (FAZ vom 28.05.2010): „Immer wieder ist zu hören, dass Bildungseffekte umso größer sind, je früher Bildung beginnt. … Doch wird dabei meistens übersehen: Dieser Effekt gilt nur für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern; dann ist er allerdings sehr stark. Für Kinder aus bildungsnahen Mittelschichtfamilien ist bisher keine Wirkung nachgewiesen worden.“
Dazu reicht aber Geld alleine nicht aus; die Kindergärten und Schulen müssen den Kontakt zu den Eltern suchen und sie überzeugen, dass sie sich für die Bildung ihrer Kinder einsetzen müssen.

Das Umverteilungsproblem wird auch von Martin Spiewak in „Prüfen statt basteln“ (Die Zeit vom 10.06.2010) angesprochen. „Mehr Geld bringt nicht unbedingt mehr Bildung.“ Auch dieser Artikel spricht die frühe Förderung an. „Das frühe Lernen in der Kita nutzt nämlich vor allem Kindern aus bildungsfernen Familien. Für sie rentiert sich jeder investierte Euro bis zu siebenmal, … Für sie kann eine gute Kita sogar eine schicksalskorrigierende Wirkung haben.“ Auf die Notwendigkeit, die Eltern dieser Kinder zu aktivieren, wird nicht eingegangen.

Wenn Kinder aus „bildungsfernen Familien“ im Nachteil sind, wäre es eigentlich logisch, sich um die bildungsfernen Familien zu kümmern. Zu immer weiteren Mitteln müssen Gespräche kommen, die das Ziel haben, die Einstellungen zu verändern und Interesse und Mitarbeit zu wecken. Das ist sicher sehr mühsam.

 

5.3 „Hochschulreife als Hochschulpflicht“
Strukturprobleme der weiterführenden Schulen

Dass es sich um ein Strukturproblem der weiterführenden Schulen handelt, legt der Artikel von Christian Geyer: „Der Schwarzmarkt der Bildung“ (FAZ vom 19.05.2010) nahe. Er zitiert eine Bertelsmann-Untersuchung. Neben dem öffentlichen Schulsystem hat sich ein privates Unterstützungssystem etabliert.

In dem Artikel „Hochschulreife als Hochschulpflicht“ in der FAZ vom 19.05.2010 untersucht Gerald Wagner: „Doch weshalb verzichten so viele Arbeiterkinder auf ein Studium?“

Der dargelegten Argumentation kann ich mich nicht anschließen; ich sehe die Zahlen eher als weiteren Beleg für Strukturprobleme der weiterführenden Schulen an. Der Unterricht bereitet nicht auf selbständiges Arbeiten aufgrund einer selbst vollzogenen Einsicht vor und der Wust von unstrukturierten Datenmassen wird nicht als tragfähige Grundlage für ein Studium angesehen. Das kann dazu führen, dass man sich ein Studium ohne Hilfen der Eltern nicht zutraut – und die Schulsituation wird fortgeschrieben.

Fächerabwahl und ausschließlich sekundäre Motivation in vielen Fächern sind keine gute Voraussetzung für das Studium.

Damit bin ich wieder bei meiner schon häufig dargelegten Meinung, dass die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler und die vermittelten Inhalte endlich in den Mittelpunkt der Überlegungen rücken müssen.

Voraussetzungen sind allerdings Kommunikationsfähigkeit und Rückhalt in der Familie bei allen Jugendlichen.

 

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Domäne  Bossert

Januar 2010, updated Juni 2010
© B.Bossert