„Nun weißt du auch, dass in jeder Stadt die Patienten gleichfalls aus Sklaven und freien Leuten bestehen. Die Sklaven werden so ziemlich in den meisten Fällen wieder von Sklaven ärztlich behandelt. Die letzteren laufen herum und warten in den Arztstuben, und keiner von den Doktoren dieser Art gibt bei irgend einer Erkrankung irgend eines Hausbedienten nähere Rechenschaft oder lässt sich eine solche geben. Er verordnet nur nach seiner Erfahrung die Mittel, die er für probat hält, als wüsste er´s ganz genau; dann rennt er, wie ein hoher Potentat, mit hohem Selbstgefühl flugs zu einem andern krankgewordenen Bedienten, und dadurch schafft er allerdings seinem Herrn eine Geschäftserleichterung in der medizinischen Praxis. Dagegen der freigeborene Arzt behandelt bei seinen Besuchen meistenteils nur die Erkrankungen von gleichfalls freien Leuten. Er sucht diese Krankheit von ihren Anfang an und nach ihrer Natur zu erforschen, lässt sich in nähere Besprechungen mit dem Kranken selbst und dessen Angehörigen ein, lernt dabei selbst von dem Patienten und belehrt zugleich den Erkrankten, soweit dieser einer Belehrung fähig ist, und verordnet nicht früher, bis er denselben irgendwie überzeugt hat. Dann erst, indem er dem Kranken stets durch seine vorgehaltenen Gründe eine gewisse Willigkeit zu verschaffen sucht, führt er ihn zur Gesundheit und sucht die Sache fertigzubringen. Ist nun ein Arzt, der auf diese oder jene erstere Art kuriert, der bessere Arzt; und ist es nicht ebenso ein Lehrer in der Gymnastik? Ist es derjenige, der auf einem doppelten Wege die eine Wirkung hervorbringt, oder derjenige, welcher nur durch ein Mittel, und mit der schlechteren Methode von beiden, mit der rauheren Methode seine Arbeit verrichtet?“
Platon: Die Gesetze (Nomoi) 720D
Sämtliche Werke, Band III, Heidelberg 1982
Da es sich um rhetorische Fragen handelt, brauchen wir keine Antwort zu geben - wir müssen den Vorschlag nur auf die Schule übertragen und entsprechend handeln!
Platon übertrug diese Vorstellung auf die Gesetzgebung. Es sollte nicht ein „einfaches Gesetz“ mit Befehl und Strafandrohung erlassen werden. Er verlangte das „verdoppelte Gesetz“, das die Notwendigkeit, die Gründe und Zwecke seines Befehls integriere.
„Rhetorisch ungeschickt, geradezu linkisch trennt Platon … , was er soeben zusammengeführt hatte: … [in] ein Gesetz und eine Vorrede zum Gesetz. …
Am 10. August 1792 stürmte das Volk die Tuilerien. Louis XVI. wurde verhaftet, vom Thron verjagt und mit ihm, gleich am nächsten Tag die Präambel. Das Gesetz wurde, nicht anders als Louis XVI., guillotiniert. Es rächte sich bitterlich, dass Platon vom <einfach zweifachen Gesetz> Abstand genommen und dessen zwei Teile säuberlich separiert hatte, Prolog und Gesetz. So konnte die Hinrichtung gelingen: Kopf ab, und was bleibt, ist der Rumpf …“
Marie Theres Fögen: Das Lied vom Gesetz, München 2007

http://www.kemet.de/Ausgaben/4-2006/Ismailia.htm
So geht es meist auch den Lehrplänen, die in „Aufgaben und Ziele“ und „Unterrichtspraktischer Teil“ unterteilt sind. Sie besitzen zwar einen „Kopf“ - aber viele begnügen sich mit dem „Torso“.
Die Motivation sitzt im Kopf.
Mit der Einführung des Landesabiturs in Hessen wird es nötig, den Unterricht noch gründlicher als bisher zu planen und umzusetzen.
Anzustreben ist
- eine stärkere Förderung der Schülerinnen und Schüler
- eine verbesserte Sicherung des Wissens (Heftführung)
- eine zuverlässige Erfüllung des Lehrplans
- eine Erhöhung der Übungsphasen
Das ist sicher nicht ohne eine erhöhte Arbeitsbelastung aller zu erreichen.
01. Den Schülerinnen und Schülern sollte am Anfang ohne zu Dramatisieren die Lage (zentrale Aufgaben) erläutert und der Anforderungskatalog (Lehrplan) vorgestellt werden. Es kann nötig sein dazu eine gestraffte und / oder kommentierte Fassung zu erstellen.
02. Kursinhalte sollten vor Beginn des Halbjahres genau auf die Wochenstunden verteilt werden. 10 - 15% Stundenausfall sollte berücksichtigt werden.
03. Tutorenstunde, Studientag und Projektwoche (z.B. Versuche zur Gentechnik) können vielleicht genutzt werden.
04. Konzepte, Prinzipien betonen (mit guten Abbildungen), Zusammenfassungen am Ende eines Themenabschnitts, kontinuierlich ein Glossar erstellen.
05. Auf geeignete Bücher der Schulbibliothek hinweisen, die Schülerinnen und Schüler auffordern digitale Kameras (Tafelbild, Versuchsaufbau usw.) und Internet (Abbildungen, Schemata, Zusammenfassungen) verstärkt zu nutzen.
„Lektüren“ empfehlen - z.B. Christiane Nüsslein-Volhard : Von Genen und Embryonen, Reclam 18262
06. Zusammenfassungen für Wiederholungen aus 9 und 11 erarbeiten.
07. Geeignete Abschnitte (z.B. Fotosynthese) der Schulbücher zu längerfristigen Hausaufgaben nutzen
und
geeignete kürzere Themen der Lehrpläne in Hausaufgaben / Arbeitsblätter umsetzen
und
ab und zu einen Lehrvortrag einschieben
und dann
in den entsprechenden Stunden die Hausaufgaben nicht abfragen, sondern Aufgaben (z. B. Beispielaufgaben aus dem Kultusministerium) lösen, zu deren Bewältigung die Inhalte nötig sind.
Auf den letzten Punkt soll etwas näher eingegangen werden. Einerseits ist sicher wichtig das Herangehen an problemlösende Aufgaben zu üben und andererseits werden die Schülerinnen und Schüler darauf drängen, dass die im Internet stehenden Beispielaufgaben besprochen werden. Beides könnte man auf die unter Punkt 07 angedeutete Weise erreichen.
„Lernen mit Aufgaben“ - sichere Bewältigung des Lehrplans + Verstärkung der Übungsphasen !
Außerdem wäre es wünschenswert, dass der Unterricht problemlösend gestaltet wird. Einerseits hätte es den Vorteil, dass die Schülerinnen und Schüler motivierter sind und mehr Beteiligungsmöglichkeiten haben und andererseits würde problemlösendes Denken geschult.
Vergleiche hierzu: http://www.bossert-bcs.de/biologie/motivation/mot.htm
Beim problemlösenden Unterricht ist nicht das geplante Unterrichtsthema „das Problem“, sondern es ist die Problemlösung für eine Fragestellung, die sich aus der Darstellung einer Situation (unmittelbar, als Film, als Bericht, ...) ergibt. Im Chemieunterricht gibt es dazu in England und auch in Deutschland viele Ansätze. Man geht von einer Alltagsbeobachtung aus, kommt zu einer Fragestellung, die dann zu einer chemischen Untersuchung führt, die chemische Kenntnisse und Grundkonzepte vermittelt. Die methodische Kunst besteht nun darin, sich nicht nur für ein Einzelproblem eine solche Problemstellung auszudenken, sondern für ein strukturiertes Basiswissen. D.h. die erarbeiteten Inhalte müssen zusammenhängendes Grundwissen und Konzepte ergeben, die jeweiligen Situationen, die zu den Problemstellungen führen, müssen keinen Zusammenhang haben. Ziel eines solchen Unterrichts ist es natürlich nicht, „Wissen zu vermitteln, das im Alltag weiterhilft“, sondern das problemlösende Denken und Arbeiten zu fördern.
Im Biologieunterricht bieten sich zum Thema Genetik z.B. Krankheiten als Ausgangspunkt an, die dann auf mehreren Ebenen (Stammbaum bis verändertes Protein) untersucht werden können. Die Problemlösungen sind Stammbaumanalysen, Chromosomenuntersuchungen, Vergleich von Tertiärstrukturen usw., die Fragestellungen ergeben sich vom Patienten, vom Fall her.
Über den Ablauf des Unterrichts ist mit der Problemstellung noch nichts entschieden; alles ist offen und möglich - vom Lehrervortrag bis hin zum Projekt.
Betrachtet man das folgende Schema, so sieht man, dass man auch bei der gewissenhaftesten Erfüllung des Lehrplans, letzte Unsicherheiten nicht vermeiden kann.

Bei der Lehrplangestaltung können Teile der Fachwissenschaft Filter 1 und 2 passieren und werden so Inhalte des Lehrplans. Filter 1 ist allen bekannt, die virtuelle oder auch praktische Umsetzung (Filter 2) durch den Lehrplangestalter bleibt unbekannt. Setzen die Lehrerinnen und Lehrer die Inhalte nun in ihren konkreten Unterricht um, so bleibt in vielen Fällen (z.B. Apoptose) unklar, wie stark der Stoff vertieft werden soll. Diese Unsicherheiten, die durch die doppelte Projektion entstehen, können nur im Laufe der Zeit durch direkte oder indirekte Kommunikation (Fortbildungsveranstaltungen, genauere Handreichungen und durch die sich ergebende Sammlung von Aufgabenstellungen) beseitigt werden.
Oktober 2005
updated Februar 2008
© B.Bossert