Das Vorwissen und die neu erworbenen Grundkenntnisse der Schülerinnen und
Schüler ergeben nur dann eine Grundlage für eine Erweiterung durch
lebenslanges Lernen, wenn sie strukturiert sind. Die Inhalte werden nur zu einem
Basiswissen, wenn sie systematisiert und Konzepte der Biologie einsichtig werden.
Mit diesem Grundwissen kann man weitere Informationen beurteilen und neue Probleme
angehen.
Überlegt man, welche Aspekte ein guter Biologieunterricht abdecken soll, so kommt man zu dem folgenden Schema.

Grundsätzlich kann man den Lehrplan / Unterricht nach jedem der Felder strukturieren. In den einzelnen Bundesländern, der DDR und all den verschiedenen Lehr- und Rahmenplänen nach 1945 ist auch fast alles ausprobiert worden, obwohl es offensichtlich ist, dass einige der Felder als Strukturierungshilfe zu keinem biologischen Basiswissen und Konzeptdenken führen können. Wenn man gar, wie bei dem Hessischen Rahmenplan Biologie von 1996 geschehen, mehrere dieser Felder zur Strukturierung benutzt, lässt man die Schülerinnen und Schüler völlig ohne Orientierungshilfe.
Als System bietet sich von den aufgeführten Feldern die "Allgemeine Biologie" an. Die Lösung ist nicht ideal, da die Gebiete sehr groß, gegeneinander isoliert und schlecht geeignet sind, Konzeptdenken zu entwickeln. Es war eine der wesentlichen Leistungen des Arbeitskreises "Gymnasialbiologie" des vdbiol in den Jahren 1999 und 2000 die Erschließungsfelder als Systematisierungsprinzip zu entwickeln.

Abbildung aus: Thomas Freiman: Kumulatives Lernen mithilfe von Erschließungsfeldern. PdN-BioS 7/50 S. 20
D.h. in dem obigen Auswahlrahmen wird die Spalte "Allgemeine Biologie" durch die "Erschließungsfelder" ersetzt. Im Hessischen Lehrplan Biologie (Gymnasialer Bildungsgang) von 2002 wurden außerdem die "fünf Reiche" durch "Biodiversität" ersetzt. Dann ergeben sich die folgenden Inhalte.

Die Erschließungsfelder sind überlegenes Ordnungsprinzip; die anderen
Felder dürfen aber nicht vernachlässigt werden.
Erschließungsfelder sind eine Hilfskonstruktion, ein Vehikel - zuerst
für den Lehrer und dann für die Schüler. Indem der Unterrichtsgegenstand
in die Mitte des Kreises gestellt wird, rückt er in das Zentrum all der
aufgeführten Erschließungsfelder, unter deren Blickwinkel er untersucht
werden kann - die ganze Komplexität der Biologie wird deutlich. Im Laufe
des Unterrichts lernen die Schüler diese Facetten wiederholt kennen und
machen sich diese Sicht- und Vorgehensweise zu Eigen.
Was zuerst dem Lehrer als methodisches Hilfsmittel, eine Art Checkliste, gedient
hat, wird für die Schülerinnen und Schüler zu einer ganzheitlichen
Sichtweise - zuerst einzelner biologischer Themen und dann des ganzen Fachgebietes.
Sie führt bei aller Reduktion im Einzelfall letztendlich zu einem Systemdenken.
Über Zahl und Bezeichnung der einzelnen Felder kann man lange diskutieren. Dass es schwierig ist, die einzelnen Felder gegeneinander abzugrenzen, ist ein Qualitätszeichen. Es ist ein Merkmal für eine tragfähige Einteilung. Der Organismus ist ein System von ineinander greifenden Strukturen, die nahtlos zusammengefügt sind und in ihren Funktionen überlappen, zusammenwirken und vernetzt sind. Es handelt sich um keine Torte, die man in sauber getrennte Stücke zerteilen kann.
Es wurde lange überlegt, welchen Namen man den Feldern geben sollte. "Prinzipien" wurde verworfen, weil die Künstlichkeit der Hilfskonstruktion zu wenig zum Ausdruck kommt. "Konstrukte" zeigt die Funktion sehr deutlich, wurde aber aus Marketingerwägungen nicht beibehalten. Sowohl "Verstehensfelder" als auch "Erschließungsfelder" machen deutlich, dass Ausschnitte eines Systems behandelt werden, dass eine Reduktion stattfindet, weil man die Komplexität nicht bewältigen kann. So wird das Thema handhabbar.
Für die Lehrkräfte sind die Erschließungsfelder eine große Hilfe. Es gibt noch wenig Beispiele, wie man bei den Schülerinnen und Schülern die Sichtweise festigen kann.
An der Unterrichtseinheit "Lebewesen sind an ihren Lebensraum angepasst - Amphibien" soll der Nutzen der Erschließungsfelder erläutert werden.
| Hessischer Lehrplan Biologie (Gynasialer Bildungsgang) |
Vorschläge für die Umsetzung (Beispiele auf dieser Homepage) |
| Regulation der Sauerstoffversorgung | Hautatmung bei Amphibien |
| Größenordnungen bei Fröschen | Größenordnungen bei Fröschen |
| Steuerung der Metamorphose | Amphibienentwicklung |
| Strategien der Brutpflege | Brutpflege bei Amphibien |
Die verschiedenen Themen werden jeweils unter dem Blickwinkel einiger weniger
Erschließungsfelder betrachtet. Sie werden Schülerinnen und Schülern
nicht explizit genannt, sondern kommen in den jeweiligen Zusammenfassungen am
Ende der Themen (siehe Kästen der letzten Übersicht) zum Ausdruck.
Die vier folgenden graphische Darstellungen verdeutlichen, dass eine Unterrichtsstunde (Puzzle) nur komplett ist, wenn der Unterrichtsinhalt (links oben) unter Systemgesichtspunkten (Erschließungsfelder) betrachtet wird; im Idealfall ist der Ablauf wissenschaftspropädeutisch ausgerichtet und schließt den Erwerb von instrumentellen, personalen und sozialen Kompetenzen ein.
Nimmt man alle vier Beispiele zusammen, d.h. man legt die vier Kreise übereinander, so sieht man, dass in der Unterrichtseinheit Amphibien unter allen Aspekten bearbeitet wurden.

Im Laufe des Unterrichtsprozesses öffnen sich für den geübten Schüler durch Transferleistungen immer wieder kleine Erschließungsfelder. Die aktuelle Stunde steht in Bezug zu einer früheren, in der ein ganz anderes Thema auch unter diesem Blickwinkel untersucht wurde. Im fortgeschrittenen Stadium geht das Denken in Erschließungsfeldern von den Schülern aus.
Nach der Betrachtung des Tieres / der Tiergruppe unter dem Blickwinkel einzelner Felder können am Ende eine Zusammenschau und Anwendung stehen.
Beispiel: Welche Erklärungsansätze könnte es für das weltweite Amphibiensterben bei gleichzeitiger Zunahme der Missbildungen geben?
Mit Hilfe der in den vier Unterrichtskomplexen erarbeiteten Ergebnisse ist nicht nur eine Hypothesenbildung möglich - es können sogar Überprüfungsmöglichkeiten vorgeschlagen werden.
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Januar 2003
© B.Bossert