Beim forschend-entwickelnden Unterricht steht am Beginn idealer weise eine Konfrontation mit einer komplexen Situation, die Beziehung zur Lebenswelt hat. Aus ihr ergeben sich Fragestellungen, Probleme, die in der Umgangssprache formuliert und behandelt werden. Man konzentriert sich völlig auf Inhalte, neue Fachbegriffe zum Thema werden, soweit nötig, nachträglich eingeführt, um den Gedankenfluss nicht zu stören. Erst werden die Inhalte erarbeitet, dann folgt der Begriff - alles andere ist ein methodischer Fehler.
Werden Querverbindungen zu Bekanntem (Erschließungsfelder) hergestellt, benutzt man selbstverständlich die schon vertrauten Fachausdrücke.
Insgesamt sollte man die Fachsprache sparsam und nach Prüfung verwenden. Das soll an einem Beispiel verdeutlicht werden. Der Begriff "Chromatid" aus der deskriptiven Phase der Cytologie ist entbehrlich; man kommt viel besser mit den Begriffen "Original" und "Kopie" aus. Dann muss man sich auch keine Gedanken um den Übergang vom Chromatid zum Chromosom machen. Die Grundlagen (2n, 4n, DNA-Mengen) sind davon unberührt.
So wie jede "Wahrheit" nur ein Durchgangsstadium ist, sind auch Fachbegriffe einem Wandel unterworfen und sollten nicht überbewertet werden. Wenn sie benutzt werden, sollten ihre Grenzen diskutiert werden, damit einem voreiligen "Bescheidwissen" vorgebeugt wird. Auch hier ein Beispiel: Im Moment kann niemand, der auch nur einigermaßen auf dem Stand der Diskussion ist, den vermeintlich einfachen Fachbegriff "Gen" für Eukaryoten definieren.
Der Wert der Fachausdrücke
"Ausdrücke, die mit intentionaler Genauigkeit gebraucht werden, um eine Bedeutung auszudrücken, und zwar die ganze Bedeutung und ausschließlich die Bedeutung, werden Fachausdrücke genannt. Vom Standpunkt der Erziehung sind Fachausdrücke etwas Relatives und nicht etwas Absolutes. Denn ein Wort ist ein Fachausdruck nicht wegen seiner sprachlichen Form oder seiner Ungewöhnlichkeit, sondern weil es verwendet wird, um seine Bedeutung genau zu fixieren. Gewöhnliche Wörter bekommen eine besondere fachliche Bedeutung, wenn sie im Hinblick auf dieses Ziel verwendet werden. Immer wenn das Denken exakter wird, wächst auch (verhältnismäßig) die Zahl der Fachausdrücke. Die Einstellung der Lehrer diesem Problem gegenüber ist sehr verschieden und schwankt zwischen zwei Extremen. Einerseits finden Fachausdrücke in immer steigendem Maß Verwendung, unter der Annahme, daß das Erlernen eines neuen Ausdrucks, begleitet von mündlichen Beschreibungen oder Definitionen, gleichbedeutend mit der Erfassung neuer Ideen sei. Wenn dann das Ergebnis zum größten Teil in einem Anhäufen von isolierten Ausdrücken besteht, in einem Kauderwelsch oder in gelehrten Phrasen, und so die Urteilsfähigkeit gelähmt wird, erfolgt die Reaktion nach der entgegengesetzten Richtung. "Fachausdrücke" werden verbannt. "Dingwörter" bestehen und keine Substantive, "Tätigkeitswörter" und keine Verben. ... Dieser Reaktion liegt ein gesunder Instinkt zugrunde: die Abneigung gegen große Worte, die ohne richtiges Verständnis angewendet werden. Aber die fundamentale Schwierigkeit liegt nicht in der Verwendung der Wörter, sondern der Ideen. Wenn die Idee nicht erfaßt wird, ist nichts gewonnen, wenn man Ausdrücke der Alltagssprache verwendet. Wenn die Idee verstanden wird, kann eine präzise Ausdrucksweise dazu beitragen, die Ideen zu fixieren. Man sollte mit Wörtern, die eine präzise Bedeutung haben, sparsam umgehen, langsam auf ihre Verwendung vorbereiten und sich bemühen, die Bedingungen herzustellen, die die Verwendung von präzisen Ausdrücken wirklich erfordern."
Am Ende des Problemlösungsprozesses kann sich die Notwendigkeit eines Fachbegriffs ergeben. Er wird dann eingeführt und ist mit der erarbeiteten, behandelten "Idee" von selbst verbunden. Die Definition ist klar.
Am Ende noch ein Zitat aus einem Leserbrief in der NZZ vom 31.12.2003
"Das Schlimmste ist meines Erachtens aber die zunehmende Unfähigkeit, Gedanken in ganzen Sätzen auszudrücken. ... Schnelle Lösungen in kurzen Schlagworten finden - das wird über die heutige Medienkultur ausgezeichnet trainiert, und in dieser brauchbaren Fähigkeit sind viele Jugendliche gut geübt. In Ruhe zuhören, etwas verstehen wollen, lesen, durchdenken und verarbeiten und daraus selbst einen Gedanken formulieren - diese Fähigkeit ist unterentwickelt, ..."
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Januar 2004
© B.Bossert