NZZ vom 13.09.2006 - "Der Papst prangert "gottlose Wissenschaft"
an
…
Am Dienstag hat sich Papst Benedikt XVI. in Regensburg in seiner Predigt gegen
alle Versuche gewendet, die göttliche Schöpfung mit naturwissenschaftlichen
Argumenten widerlegen zu wollen. Die Welt und die Menschen seien kein zufälliges
Produkt der Evolution. … "
Geht man davon aus, dass der Bericht korrekt ist und das trifft bei der NZZ im Normalfall zu, muss man sich über Joseph Ratzingers mangelhaftes naturwissenschaftliches Vorstellungsvermögen wundern.
Es gab eine Zeit, da waren alle Bibelleser Fundamentalisten, d.h. sie nahmen den Text wörtlich. Das war möglich, solange man nicht den gesunden Menschenverstand benutzte und etwa wie z. B. ein ketzerischer Mönch im Mittelalter versuchte, die Größe von Noahs Arche zu berechnen.
Viele Menschen sehen heute in dem Bibeltext nicht eine wörtlich zu nehmende Botschaft - und die Kirchen stimmen ihnen teilweise und unterschiedlich weitgehend zu. Wie der Zeitungsartikel zeigt, sind sie zu dem letzten Schritt nicht in der Lage.
Seit Galilei korrigieren die Kirchen, manchmal mit einigen hundert Jahren Verspätung, unter Zwang ihr Textverständnis und damit ihr Weltbild. Statt den "großen Sprung" zu wagen, revidieren sie immer die Vorstellungen, die zum jeweiligen Zeitpunkt wirklich überholt sind.
Zur Entstehung des Weltalls und der Erde gibt es Theorien. Die Evolutionstheorie reicht mit ihrer Erklärungskraft von der Entstehung des Lebens (Hyperzyklus) bis zum Menschen (Genomübereinstimmungen mit den Menschenaffen). Physiker und Biologen verstehen einige Viren und Teilsysteme von Bakterien so weit, dass sie Lebensabschnitte mit Computerprogrammen simulieren können. Dabei kommt man zu neuen Einsichten, die sich im Experiment bestätigen lassen. Systembiologen arbeiten an der "Verbesserung von Zellen" und an der Synthese der ersten Zelle.
Man sieht leicht, dass es vorausschauend wäre, keinen Teil der Bibel wörtlich zu nehmen.
Nach dieser Einleitung kommen wir nun zur "gottlosen (Natur-) Wissenschaft". Das ist eigentlich ein Pleonasmus - da die Grundlage der Naturwissenschaft das reproduzierbare Experiment ist, ist sie, muss sie "gottlos" sein. Im naturwissenschaftlichen Gedankengang ist für nicht messbare Kräfte kein Platz. Naturwissenschaftlern kann es auch nie um das Widerlegen religiöser Vorstellungen gehen - das können sie gar nicht. Dazu sind keine Versuche möglich. Sie benötigen im naturwissenschaftlichen (!) Denken aber auch keine Glaubenssätze.
Hätte sich Joseph Ratzinger gegen gottlose Wissenschaftler gewand und
hätte man unter "gottlos" auch "ohne Wertvorstellungen"
verstehen können, so hätte man ihm zustimmen können, ja müssen.
Da naturwissenschaftliche Vorstellungen nur ein Teil des Weltbildes sind, muss
jeder Mensch für sich Wertvorstellungen entwickeln und haben. Normen können
nicht von Naturwissenschaften angeboten werden. Sie müssen von jedem Menschen
mühsam erworben und (um-) gebildet werden. Dabei bieten ihm viele Personen
und Institutionen Hilfestellungen an: die Familie, Bekannte und Freunde, Kirchen
und Parteien, Philosophen und RTL, …
Zwischen den beiden Sichtweisen der Welt kann es aus methodischen Gründen
keine Grenzüberschreitungen geben - jedes Individuum ist aber gezwungen,
für sich selbst eine Synthese zu finden. Da jedes Individuum abhängig
von Entwicklungsalter, Erfahrungsschatz, Wissens- und Glaubensstand einmalige
Sichtweisen hat, ist eine Gespräch nur dann sinnvoll und möglich,
wenn man anerkennt, dass der andere auch recht haben könnte. Dazu kommt,
dass es in den Naturwissenschaften nur momentane "Wahrheiten" gibt
und auch die Institution Kirche mit ihren Ansichten nicht im Mittelalter stecken
geblieben ist. Es laufen Prozesse ab, die beide Sichtweisen verändern.
Gefährlich sind Personen, bei denen entweder die eine oder die andere
Sichtweise wenig ausgebildet ist oder gar fehlt.
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Oktober 2006
updated Februar 2008
© B.Bossert