Die Zahl der Schülerinnen und besonders der Schüler, die „ausbildungsmüde“ sind und sich einzelnen Fächern oder der Schule verweigern, nimmt auch im Gymnasium zu. Sie sind häufig „nicht deutscher Herkunft“ und / oder stammen aus „bildungsarmen Schichten“. Sie machen den Lehrkräften in mehrfacher Hinsicht schwer zu schaffen: einmal in der Unterrichtspraxis, dann gedanklich (Wie kann man sie erreichen? Wie kann man sie unterstützen?) und dann noch als PISA - Standardvorwurf (Sie werden in der weiterführenden Schule nicht gefördert!).
Zu diesem Themenkreis folgen einige Anregungen zum Nachdenken, die über die schon vorhandene Internetseite
http://www.bossert-bcs.de/biologie/didatiktheorie/index.htm
hinausgehen. Ich stelle Verbindungen zwischen Gedankengängen aus Romanen und Büchern zur Soziologie her.
Clemens Meyer: Als wir träumten; Frankfurt 2007
Dag Solstad: Scham und Würde, Zürich 2007
A. und M. Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern, München 1969
Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen, München 2008
„… Er trat ins Klassenzimmer, schloß die Tür hinter sich und setzte sich ans Lehrerpult, das auf dem Podest vor der Tafel stand, die den größten Teil der einen Längswand einnahm. Tafel und Kreide. Schwamm. Fünfundzwanzig Jahre im Schuldienst. Als er ins Klassenzimmer kam, eilten die Schüler zu ihren Plätzen. Vor ihm neunundzwanzig junge Menschen von circa achtzehn Jahren, die ihn ansahen und seinen Gruß erwiderten. Sie nahmen die Stöpsel aus den Ohren und steckten sie in die Hosentaschen.
…
Manche sahen ins Buch, andere schauten zu ihm auf, wieder andere sahen aus dem Fenster. Die Minuten tickten langsam dahin. Der Lehrer redete weiter über den fiktiven Dr. Relling, der anscheinend eine unsterbliche Äußerung in Ibsens Schauspiel getan hatte.
…
Es war nicht so sehr die Tatsache, daß sie sich langweilten, sondern die gekränkte Miene, mit der sie ihre Langeweile zum Ausdruck brachten. …“
Dag Solstad: Scham und Würde, Zürich 2007
Es wird deutlich, dass sich hier zwei „Welten“ gegenüber stehen. Der Lehrer, der einen Geistesblitz hatte und seine neue Sicht aus der Perspektive einer Nebenfigur vermitteln will und die Schüler, die für die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe keinen Bedarf mehr haben.
Die Szene ist überzogen dargestellt und zeigt besonders deutlich das Grundproblem der heutigen Schule:
BÜCHER, BÜCHER, BÜCHER, BÜCHER, BÜCHER, BÜCHER, ...
Der kollektive Kern unserer Kultur ist eine Schriftwelt, die noch immer expandiert. Daneben gibt es die Computer- und Internetwelten, die in der Schulpraxis eine kleine Nebenrolle spielen.
Die Lehrer leben in der Welt der Bibliotheken und kommunizieren (auch) über Briefe; die Schüler leben in den Fernsehwelten und kommunizieren über Handy und SMS. Sind die Fernsehwelten schon irreal, so werden sie von den virtuellen Spielewelten noch übertroffen. Nun ist „Bücher lesen“ genau wie „Rotwein trinken“ nicht ein Merkmal eines Menschen, sondern beides steht für eine Kombination von Eigenschaften - eben eine ganze Welt mit besonderen Ansichten. Aus dieser Lebenswelt mit besonderen Ansichten ergeben sich auch die Aussichten.
Viele Eltern und Jugendliche verkennen die Bedeutung von Büchern. Wenn die Familie bei Wissens- und Wertevermittlungen - aus welchen Gründen auch immer - nicht helfen kann, dann bleiben nur noch Bücher - und zwar viele. Grundwissen und Grundwerte lassen sich kaum aus dem Internet gewinnen, sondern nur durch eine Menge an Büchern. Die einzige Chance, die besteht, wird noch nicht einmal erkannt.
Nun wäre zu überlegen, welche Gründe für den Schulerfolg eine Rolle spielen. Es kann an der Schule und den Lehrkräften und / oder an dem Schüler und seiner Familie liegen. Einmal würde das bedeuten, dass die Schule das Leistungsvermögen der Kinder falsch einschätzt und sie nicht ausreichend fördert und zum anderen kann es sein, dass das Leistungsvermögen des Kindes gering ist und seine Familie es ungenügend auf den Schulbesuch vorbereitet hat.
Diese Frage versucht Heinz Bude in „Die Ausgeschlossenen“ für Hauptschüler zu beantworten. Das Buch hat den deprimierenden Untertitel „Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft“.
Er beschreibt zwei Schichten der Bevölkerung mit ganz unterschiedlichen Kulturen.
„Eine markante Gruppe des deutschen Bildungssystems sind die <ausbildungsmüden Jugendlichen>. … Den Ton geben die Jungen mit dem <n.d.H.>-Siegel [„nicht deutscher Herkunft“] an. Diese Jugendlichen bringen ihre pädagogischen Betreuer … zur Verzweiflung …
Auf den ersten Blick geht die meiste Zeit mit Rumhängen, Blödeln und Quatschen vorbei. Aber darin steckt eine doppelte Botschaft: Man vereitelt nach vorn mit allen Mitteln, was gefordert ist, und beweist sich nach hinten als Virtuose im Austricksen des Systems. Hauptsache, man hat etwas zu lachen. Das Lachen ist in der Gegenkultur der Ausbildungsmüden eine komplexe Äußerung mit einem spezifischen sozialen Sinn. Es definiert zum einen den Status in der Bezugsgruppe der Gleichaltrigen. Der Wettbewerb geht darum, ein Opfer allgemeinem Gelächter auszuliefern. Je persönlicher, schärfer und treffender, desto besser. … Im Lachen quittiert man die jeweilige Situation, das heißt man bestätigt sie und durchbricht sie zugleich. … Die Bedingungen, die man aushebelt, die man aber gleichwohl nicht überwinden kann, geben Anlaß zum Lachen.“
…
„So zeigt sich die Unterschicht als eine Kultur eigener Art, die sich der Dominanzkultur der Mittelschicht gegenüberstellt: Wo jene auf Leistung fixiert ist, hat diese die Vermeidung von Schwierigkeiten im Auge, wo jene auf Kommunikation und Kompromiß aus ist, pflegt diese einen Stil der furchtlosen Härte, wo jene Bildung anstrebt, setzt diese auf Cleverneß, wo jene Erbauung will, sucht diese Erregung, wo jene an Selbstverwirklichung glaubt, überlässt sich diese dem Schicksal, wo jene sich zur Autonomie zwingt, überantwortet sich diese der Autorität.“
Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen, München 2008
Das Buch hat mich beeindruckt und deprimiert. Beeindruckt durch „Aha-Effekte“ an vielen Stellen, die Schlaglichter auf Szenen des Schulalltags warfen; deprimiert wegen der angenommen Ausweglosigkeit der Situation.
Dann kam es aber noch schlimmer: „Als wir träumten“
„ … Ich denke in solchen Nächten viel an Alfred Heller, den wir Fred nannten und dessen Gesicht von der Sauferei graublau geworden ist wie allerfeinster Schimmel. Er war ein paar Jahre älter als wir, sah aber aus wie fünfzehn, trug eine runde Brille wie ein lieber Schüler, fuhr aber ohne Führerschein geklaute oder irgendwo billig gekaufte Autos durchs Viertel und die ganze Stadt. Es war seltsam, bei ihm im Auto zu sitzen, denn es gab kaum Platz, weil überall Bierbüchsen lagen, und wir machten die verrücktesten Sachen, wenn wir unterwegs waren. Irgendwas passierte mit uns, wenn wir einstiegen, irgendwas ließ uns alle Hemmungen verlieren, wir fühlen eine absolute Freiheit und Unabhängigkeit, die wir nie gekannt hatten und die wir jetzt aus uns herausbrüllten; es schien als wären Freds verbeulte Autos verzaubert von der Hexe mit den fünf Katzen, die bei mir nebenan wohnte. Manchmal benutzten wir das heruntergekurbelte Seitenfenster als Surfbrett und hielten uns mit einer Hand am Dach fest. Das war wie Karussell fahren nach einer Flasche <Stroh 80>.
Einmal, als wir nachts durch die Stadt rasten, ließ der besoffene Fred das Lenkrad los und sagte: <Scheiße, ich kann nicht mehr.> … „
Clemens Meyer: Als wir träumten; Frankfurt 2007
Stellt man dieser Welt der durch nichts zu erreichenden Jugendlichen Alexander Mitscherlichs Zielvorstellung, die die Globalisierungsprobleme schon vorhersah, gegenüber, so ist man völlig ratlos.
„ … Der entscheidende Punkt, den es zu illustrieren galt, war die unerprobte Lage, in der wir uns moralisch zu entscheiden haben. Eine Bevölkerungszunahme in nie vorher ereichtem Maße, technische Entwicklungen bisher unbekannter Art können nicht mit den tradierten kollektiven Handlungsanweisungen beantwortet werden. Ein herkömmliches Moralangebot stellt eine Handlungsanweisung dar, die sich an Präzedenzfällen ausrichtet. Es geht aber um das Unvorhergesehene. Für die offenen Apparate der Kybernetik, für die <Antibabypille> und tausend und ein anderes Ding gibt es keinen Präzedenzfall. Die einzige Chance, sich auch in solchen Überraschungssituationen einigermaßen erfolgreich zu orientieren, kann nur in der Schärfung der kritischen Vernunft liegen, bei jener Fähigkeit also, die in der Tradition durch rasch sich einstellende Urteilsschablonen ausgeschaltet werden sollte. Das bedeutet nichts weniger als einen Umsturz in der Erziehung. Es ist nötig, ein möglichst hohes Maß von Selbständigkeit von früh an zu schulen, um Vorurteilen, die im moralischen Gewand auftreten, begegnen zu können. Selbständigkeit kann das Individuum nur erreichen, wenn es sich in den Anfangsversuchen, in denen es seine Initiative übt, vom Mitgefühl, von der Teilnahme seiner Nächsten sicher getragen weiß. Fehlt dieses Band, dann entsteht nicht Selbständigkeit, sondern der Mensch fällt unvermeidlich auf die Anreize zur Konformität zurück, ohne es zu lernen, sein Verhalten tiefer zu begreifen; psychologisch: ohne ausreichend kritische Selbstwahrnehmung zu entwickeln. In dieser Selbstentfremdung ist er gegenwärtig dem stärksten Druck ausgesetzt, eine Haltung einzunehmen, in der er die Übernahme von Verantwortung scheut, aber in seiner Einstellung zu Hilfeleistungen seiner Gesellschaft anspruchsvoll ist. …
… Suchen wir in unserer Lage nach einem Mittel, das uns zwingt, unser Handeln moralisch, das heißt mitmenschenfreundlich zu lenken, so kann das nur eine unentwegte Bemühung um einfühlendes Denken sein; weder sentimentale Einfühlung mit dem anderen noch idealistische Weltverbesserungsideen stehen uns an, auch Verharren in den frühen unbewußten Identifikationen ist uns nicht erlaubt, gefordert ist einfühlendes Denken: eine Bereitschaft also, sich sowohl in den anderen einzufühlen, wie die <Lage> (seine Lage, meine Lage - unsere Beziehung) kritisch zu reflektieren. …“
Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern, München 1969
Die Probleme, die durch diese Gegenüberstellungen aufgedeckt wurden, sind durch Schule - auch eine Ganztagsschule - nicht zu lösen.
Nehmen wir an, die Lehrkraft hat sich in der Schule wirklich bemüht - der Schüler geht nach Hause und setzt sich vor „Grand Theft Auto IV“, auf dessen Verpackung in Amerika vor „teilweiser Nacktheit, intensiver Gewalt, unanständiger Sprache und dem Gebrauch von Drogen und Alkohol“ gewarnt wird und versinkt in dieser Welt.
Die Überzeichnungen sollen die Probleme verdeutlichen - nicht zur Hoffnungslosigkeit führen, sondern zu dem Schluss, dass die Jugendlichen und ihre Familien in die Bemühungen viel stärker einbezogen werden müssen.
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Juni 2008
© U. und B. Bossert