Halbaffen im tropischen Regenwald.

 

1. Der tropische Regenwald

 „Wo zwischen den Wendekreisen nicht nur das Wechseln kalter und warmer Jahreszeiten fehlt, sondern auch ausgesprochen trockene Monate nicht vorkommen, entwickelt sich, sofern der Mensch nicht störend eingreift, ein immergrüner Wald. … Nicht so sehr die hohe Temperatur und auch nicht eigentlich die jährliche Gesamtregenmenge sind für den tropischen Regenwald notwendig, sondern vielmehr die Gleichmäßigkeit der Bedingungen während des ganzen Jahres. Der wärmste Monat ist oft nur 0,5 – 1° wärmer als der kälteste, und der <trockenste> Monat kann noch 3mal so viel Regen haben wie der regenreichste bei uns. …

Der tropische Regenwald bietet das ganze Jahr hindurch einen ähnlichen Anblick: Nie sehen wir ihn kahl, aber auch nie im frischen Grün wie einen europäischen Laubwald im Frühjahr. Wohl wechselt auch am einzelnen Baum das Laub; aber dieser Laubwechsel erfolgt so gleichmäßig verteilt über das ganze Jahr, dass wir immer glauben können, ein Gemisch der Bilder aller Jahreszeiten durcheinander vorzufinden: Einzelne Bäume oder Äste zeigen frisches Grün, andere altes Laub, einzelne stehen kahl. …“

nach: Erwin Bünning: Der tropische Regenwald, Berlin 1956 (leicht verändert)

 

Regenwald

 

2. Halbaffen

Die Ergebnisse stammen von Untersuchungen, die Pierre Charles-Dominique
http://www.globalcanopy.org/structure/members/CharlesDominique.jpg
in Afrika durchgeführt hat.

2.1 Verbreitung – Fragestellung

Betrachtet man das Vorkommen von Bärenmaki, Potto und einigen Galago – Arten, so sieht man, dass sie sich die Gebiete teilweise überlappen.

 

Galago        Potto

 

Der Wissenschaftler fragte sich, ob das zu einem starken Wettbewerb um die zur Verfügung stehenden Nahrung führt.
Die Frage kann durch Beobachtungen alleine geklärt werden; ein Experiment ist auch nur schwer vorstellbar (vorerst noch gar nicht, weil es noch keine Vermutungen gibt). Man kann dann zwar nicht ganz sicher sein, ob die einzelnen Folgerungen aus den vielen Nachforschungen richtig sind – ergibt sich aber ein in sich stimmiges Gesamtbild, in das sich alle Einzelheiten ohne Widerspruch einfügen, so werden die Schlüsse mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffen.

Unter
http://www.bossert-bcs.de/biologie/einfue5/index.htm
hatten wir erarbeitet, dass Aussehen des Tieres (äußerer Bau), seine Lebensweise (insbesondere seine Fortbewegung) und sein Lebensraum in Wechselbeziehungen stehen.

Unter
http://www.bossert-bcs.de/biologie/modellrind/index.htm
hatten wir gesehen, dass der innere Bau (Organe, besonders das Verdauungssystem) auch wichtige Aufschlüsse geben kann.

Es gilt also, möglichst umfassendes Material zu sammeln:

-          äußerer Bau (Körpergröße, Schwanzform, Länge der Arme und Beine,
           Form der Hände und Füße, …)
-          Verhalten (Aktivität, Sozialverhalten, Nahrungssuche, …)
-          sein Revier in dem großen Lebensraum tropischer Regenwald)
-          seine inneren Organe (Magengröße, Länge des Dünndarms,
           Blinddarm vorhanden, …), Inhalt des Verdauungssystems, Zusammensetzung des Kots, …
-          …

 

2.2 Untersuchungsergebnisse

U1 – Die untersuchten Arten

 

Westlicher Kielnagelgalago

Buschwaldgalago

Zwerggalago

Potto

Bärenmaki

Kopf-Rumpf-Länge [cm]

18 - 21

 

 

 

19 – 21

11 - 13

31 – 37

23 – 30

Schwanzlänge [cm]

28 - 31

 

23 – 28

16 - 18

4 – 7

1

Gewicht [g]

270 - 360

 

190 – 340

50 - 85

850 – 1600

150 – 500

Lebensweise

nachtaktiv

Da alle Arten im Augenhintergrund eine lichtrelektierende Schichte („Katzenaugen“) besitzen, ist ihre Lichtempfindlichkeit erhöht.

Merkmale

Nägel lang, in der Mitte gekielt und mit scharfer Spitze,

Darmtrakt besonders lang,

große Augen

 

 

 

sehr große bewegliche Ohren

sehr gutes Gehör, kann gut klettern und springen

auch kleine Reptilien, Vögel, Säuger als Beute, langsame Fortbewegung

hervorragender Geruchsinn

 

U2 – Das Habitat – „die Adresse“

Von dem Lebensraum erhält man einen Eindruck, wenn man in google unter der Einstellung „Bilder“ die Suchbegriffe „regenwald stockwerke“ oder „rainforset layers“ eingibt und sich die Darstellungen ansieht.
Pierre Charles-Dominique hat die Anzahl der Tiere einer Art pro Fläche gezählt.

 

 

Westlicher Kiel-nagelgalago

Buschwald-galago

Zwerggalago

Potto

Bärenmaki

Tiere pro Quadratkilometer

15

15

50

8

2

Die Zählungen wurden nachts mit Scheinwerfern (Augen!) durchgeführt.

Dabei wurde auch festgehalten, wo sich die einzelnen Arten vorzugsweise aufhielten. Die Ergebnisse sind in der folgenden Abbildung dargestellt.

 

Stockwerke

 

U3 – Die Nahrung

Nahrungsanteil [%]

Westlicher Kiel-nagelgalago

Buschwald-galago

Zwerggalago

Potto

Bärenmaki

Baumsäfte / Harze

75

0

10

21

0

Früchte

5

73

19

65

14

Insekten

20

25

70

10

85

 

2.3 Aufgaben

A1 – Ökologische Nische – „der Beruf“

Definition: Die ökologische Nische ist nicht nur ein Raum, sondern die Summe aller Ansprüche (abiotische und biotische Faktoren), die das untersuchte Lebewesen hat.
http://www.bossert-bcs.de/biologie/boeko/index1.htm
Die Kombination ergibt einen Hyperraum.
Charakterisiere zusammenfassend die ökologische Nische jeder Halbaffenart und beantworte die Ausgangsfrage (Nahrungskonkurrenz).
In dem untersuchten Regenwald leben 100 weitere Säugetierarten (auch Affen) und 300 Vogelarten.
Welchen Vorteil ergibt sich für die untersuchten Halbaffenarten dadurch, dass alle nachtaktiv sind?

A2 – Körpergröße

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Körpergröße und Nahrungszusammensetzung?
Welcher Zusammenhang besteht zwischen Körpergröße und Reviergröße?
Welche Gründe könnte es dafür geben?

A3 – Verdauungssystem

Der Verdauungstrakt des Bärenmaki ist kurz; der Westlicher Kielnagelgalago (Tabelle) besitzt einen sehr langen Darm.
 Interpretiere diese Beobachtung als Angepasstheit.

 

Bärenmaki

 

A4 – Nahrung

Skizziere eine Zelle eines Insekts, eine junge Blattzelle, eine Zelle aus dem Fruchtfleisch und eine Speicherzelle eines Samens
Versuche grob den Gehalt an Proteinen, Fetten und Kohlehydraten abzuschätzen.
Alle Futterarten (außer Saft, Harz) enthalten Ballaststoffe – welche sind das?

 

Literatur

Grzimeks Enzyklopädie Säugetiere, Band 2, München 1988
John Terborgh: Lebensraum Regenwald, Heidelberg 1993
Hans-Peter Krull: Nahrungswahl bei Primaten – Unterricht Biologie 249 (11/1999)
Silke Schreiber: Halbaffen im Regenwald – ein Beispiel für ökologische Einnischung – Unterricht Biologie 290 (12/2003)