Cloquet hasste die Wirklichkeit, aber er sah ein, dass es nach wie vor die einzige Gegend war, wo man ein richtiges Steak kriegen konnte.
Woody Allen
Viele Menschen gehen davon aus, dass es eine reale Welt gibt – die Annahme ist naheliegend. Jedem Hundebesitzer ist klar, dass jedes Lebewesen die Welt anders riecht bzw. wahrnimmt (Jakob von Uexküll: Umwelt und Innenwelt der Tiere, 1909).

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Diesen Blickwinkel konnten nur wenige Menschen einnehmen. Das Bild zeigt, dass unsere alltägliche Weltsicht ganz wörtlich genommen begrenzt ist und es zeigt auch, dass sie vielfältig erweiterbar ist. Seit den Aufnahmen (Besatzung von Apollo 8, 24.12.1968) kann jeder dieses Bild von der Erde vor sich haben. Nebenbei wird auch deutlich, dass „die Erde keinen Notausgang hat“.
Von dem Teil der Welt, in dem wir uns gerade befinden, nehmen wir auch nur einen Teilausschnitt wahr. Uns Menschen fehlt z.B. ein Magnetfeldsinnesorgan wie es ein Rotkehlchen besitzt und der Hörbereich unserer Ohren ist eng begrenzt, verglichen mit dem eines Hundes oder einer Fledermaus. Mit technischen Geräten (Kompass, Fledermausdetektor) können wir den Wahrnehmungsbereich aber erweitern. Durch diese Erweiterung wird auch das Bild von der Welt erweitert. Nicht nur Synästhetiker oder Autisten leben in einer besonderen eigenen Welt, sondern jeder einzelne Mensch.
Die reale Welt ist immer die gleiche. Nicht die Welt ist eine Konstruktion, sondern unsere Ansichten über sie (Alan Mugrave).
Untersucht man die Leistungen von Sinnesorganen genauer, so stellt man in einigen Fällen große Unterschiede zwischen den physikalischen Messungen und der menschlichen Wahrnehmung fest. Im Bereich des Sehens spricht man dann von „optischen Täuschungen“. Sie können angeboren oder erlernt sein; sie können auf die Augenfunktionen, die Informationsweiterleitung (Sehnerven) und auf die Wahrnehmungskonstruktion (Sehrinde Großhirn) zurückgehen.
Franz Müller-Lyer (1889)

Die abgebildete „optische Täuschung“ wurde 1889 von dem Psychiater Müller-Lyer beschrieben. Obwohl die beiden senkrechten Strecken gleich lang sind, erscheint die linke deutlich länger. Da beide Strecken auf der Netzhaut gleich lang abgebildet sind, kann die Täuschung nicht auf den optischen Apparat des Auges zurückgehen. Die Illusion entsteht im Gehirn.

Selbst wenn die Figuren auf einem Maßstab liegen, tritt die Täuschung auf.
Für einzelne Personen kann man bestimmen, wie stark die Abweichung empfunden wird (Größe der Illusion).
Die abgebildete Figur und die Teilfiguren kann man auf Papier oder auf Overheadfolie ausdrucken (Vorlage siehe unten). Im vorliegenden Fall wurde auf Folie gedruckt. Ein weißer etwas stärkerer Papierstreifen wurde als Führung aufgeklebt. Die ausgeschnittene Teilfigur kann an dem Papierstreifen entlang geschoben werden und die Strecke zwischen den beiden Pfeilspitzen stufenlos verändert werden.

Die Testperson wird aufgefordert, die Länge der Strecke so einzustellen (auf Blickwinkel achten), dass für sie beide Strecken gleich lang erscheinen.
Dann kann man die Länge der eingestellten Strecke ausmessen.
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Da die Illusion mit den Pfeilen bzw. umgekehrten Pfeilen an den Enden zusammenhängen muss, kann man die Winkel variieren.

Abbildung aus Gregory
Wir betrachten nur die schwarz gezeichnete Kurve, bei der blauen handelt es sich um Ergebnisse aus einem sehr komplizierten zweiten Versuch.
Die Versuchsergebnisse bestätigen die Annahme.
Die am weitesten akzeptierte Erklärung kann gut mit Hilfe der beiden Fotos erläutert werden.


Abbildungen aus Gregory
Obwohl die Abbildungen und auch das Bild auf der Netzhaut zweidimensional sind, „sehen wir“ jeweils einen Raum. Links und rechts interpretieren wir die senkrechte Strecke als eine Ecke / Kante. Je nachdem, ob es sich um eine äußere oder innere Kante handelt, wird durch einen Großhirnmechanismus ein Korrekturfaktor eingerechnet, der die perspektivische Verfälschung kompensiert. D.h. bei der Konstruktion der räumlichen Wahrnehmung bezieht das Gehirn auch Annahmen mit ein. Es nimmt an, die linke Kante ist näher, die rechte weiter weg – der Korrekturfaktor soll zur „wahren Länge“ führen.
Wie Bilder, die Kleinkinder anfertigen, zeigen, wird ein Verständnis der Perspektive erst nach und nach entwickelt. D.h. die angeführt Hypothese zur Erklärung kann bei ihnen noch nicht zutreffen.

Zwei Schülerinnen haben die abgebildeten Figuren entworfen und mit ihrer Hilfe im Rahmen eines kleinen Projektes Kindergartenkinder befragt.

Die Schülerinnen haben sich große Mühe gegeben; sie haben die Frage in eine Geschichte eingekleidet und auch viele Fehlermöglichkeiten (z.B. Sehwinkel) bedacht. Alle befragten Kinder im Alter von 4 und 5 Jahren sahen Größenunterschiede.
Dieses nicht erwartete Ergebnis kann auch mit dem Problem „Größenunterschiede“ zusammenhängen. Falls die Kleinkinder nicht zwischen „Hase“ und „Körper / Rumpf des Hasen“ unterschieden haben, wird das Untersuchungsergebnis trivial.
Die Projektarbeit war trotzdem erfolgreich – sie hat einen guten Einblick gegeben in die vielen methodischen Probleme, die sich selbst bei kleinen Untersuchungen ergeben.
Führt man in der Schule oder im Rahmen der Ausbildung an einer Universität Versuche durch, die die Wahrnehmung des Menschen betreffen, so ist es naheliegend, kleine Gruppen zu bilden und jeder ist einmal das Untersuchungsobjekt.
In Psychologie und Soziologie hat das zu einem Standardfehler und damit zu WEIRD (seltsamen) Ergebnissen geführt. WEIRD ist die Abkürzung für Probanden aus „Western, Educated, Industrialized, Rich and Democratic Societies“. Der Fehler ist den Wissenschaftlern nicht peinlich, sondern hat zu einem neuen Forschungsfeld von „kulturfreien oder kulturfairen Tests“ geführt. Man kam zu der „tiefen Erkenntnis“, dass man Befunde von Studien mit WEIRDs nicht auf den Rest der Menschheit verallgemeinern darf. Man hätte auch zu einer noch tieferen Erkenntnis über die Qualität der Ausbildung und der Versuchsplanung und -auswertung in den Fächern kommen können.
„Damit beide gleich erscheinen, verlängerten Studenten aus den USA die rechte Linie (siehe Abbildung oben) im Schnitt um rund 20 Prozent, Bewohner der afrikanischen Kalahariwüste aber nur um rund ein Prozent.“
Wenn man in einer Umgebung „ohne Ecken und Kanten“ aufwächst, arbeitet die Wahrnehmung ohne Korrekturfaktor – d.h. diese Illusion wäre erlernt.
Falls man etwas gründlicher nachgedacht oder auch nur nachgelesen hätte, hätte man das schon lange vorher wissen können. Untersuchen Verhaltensforscher die Handlungen eines Schimpansen, dann erhält man als Ergebnis die Leistungen dieses Tieres. Besonders beim „Sprachvermögen“ einzelner Weibchen (z.B. „Sarah“) war klar, dass das Ergebnis nicht verallgemeinert werden kann.
Auch die Untersuchungen eines Pygmäenstammes zeigten, dass die Wahrnehmung von dem Lebensraum abhängt. Besprach man mit Angehörigen des Stammes das folgende Bild, so waren sie der Ansicht, dass der Mann mit dem Speer auf den Elefanten zielt. Für sie ist der Elefant klein, für „uns“ ist er weit entfernt.

Man hat diese abweichende Interpretation auf den Lebensraum des dichten Urwaldes, der keine weiten Blicke ermöglicht, zurückgeführt. Die Bilder, die dieser Stamm anfertigt (siehe abgebildete Gottheit), sind flächig.

Eine andere interessante Frage wäre, ob bei Personen, deren Arbeit ein gutes „Augenmaß“ verlangt und auch herausbildet (Handwerker, Facharbeiter), geringere Abweichungen zeigen.
Borst und Grothe beschreiben in dem Artikel „Die Welt im Kopf“ eine eindrucksvolle Helligkeitsillusion an sehr interessanten Beispielen. Diese Illusion scheint genetisch fixiert zu sein. Sie führt dazu, dass man genau gleiche Farbtöne an unterschiedlichen Stellen einer Abbildung unterschiedlich wahrnimmt (Helligkeit und Farbton). Bei der Interpretation dieser Illusion geht man auch davon aus, dass „das Gehirn“ Informationen des Auges und die Annahme, dass das Licht von oben kommt, zu einer Wahrnehmung verrechnet. Der Korrekturfaktor gleicht einen angenommenen Helligkeitsgradienten aus und stellt ihn dadurch her!
Literatur
Borst, Alexander und Grothe, Benedikt: Die Welt im Kopf in: Bonhoffer, Tobias und Gruss, Peter (Hrsg.): Zukunft Gehirn, München 2011
Deregowski, Jan B.: Pictoral Perception and Culture, Scientific American 11/1972
Gregory, Richard L.: Visual Illusions, Scientific American 11/1968
Knopf, Monika: Babys Welt, Gehirn&Geist 7-8/2011
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9. September 2011
© B.Bossert