Beispiel und Erweiterung
Der „Berliner Schlüssel“ ist ein ausgezeichnetes Beispiel zu Collingwoods Ausführungen.

Fände ein Archäologe späterer Zeiten einen Berliner Schlüssel, so könnte er lange rätseln, ohne zu einer Vorstellung der Funktion zu kommen.
Bruno Latour geht sogar so weit, dass er die Grenzen zwischen Objekt und Subjekt aufhebt. Er sieht sie im praktischen Handeln als interagierende Einheit an.
Bruno Latour: Der Berliner Schlüssel. Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften, Berlin 1996
Auflösung unter: http://www.kerfin.de/
Die Darstellung zeigt eindrucksvoll, dass wir Menschen anderen Menschen ganz selbstverständlich Nützlichkeitserwägungen zuschreiben. Wenn etwas für etwas zum Einsatz kommt, unterstellen wir eine Ziel-Mittel-Logik.

aus: http://www.bossert-bcs.de/biologie/handlungsorientiert/index.html
Menschen suchen in allem, was sie sehen und beobachten einen Sinn, sie versuchen zu verstehen.
Wir sind so sehr an zweckgerichtete Hilfsmittel und Werkzeuge und zielgerichtetes Verhalten gewöhnt, dass wir die Sichtweise als ein universelles Deutungsmuster benutzen.
Wir wenden es auf menschliche Handlungen an, aber auch auf Tiere, Götter, Naturgewalten und auch auf Unverständliches und Sinnloses.
Verhalten sich Menschen so, dass wir auch nach gedanklichem Hin- und Herwenden keine Ziel-Mittel-Logik erkennen (schreiendes Baby, unmotivierter Schüler, „Aussteiger“), so sind wir relativ ratlos und unsicher.
Unser Bezugspunkt ist immer der Mensch. Die menschlichen Eigenschaften sehen wir in dem Körperbau („Oberarmknochen“ beim Pferd) und besonders im Verhalten von Tieren.
Diese Sichtweise nennt man anthropomorph (vermenschlichend) oder teleologisch (zielgerichtet).
Die zweck- und zielgerichteten Deutungsmuster hat man auch auf Entwicklungsprozesse (Evolution, Ontogenese) übertragen. Beobachtungen im Pflanzen- und Tierreich lassen sich zweckgerichtet interpretieren. Damit die Pflanze mehr Licht bekommt, wächst sie in Richtung der Lichtquelle. Damit die Giraffe die Blätter hoher Bäume erreichen kann, hat sie einen langen Hals. Damit der Specht besser seine Nahrung unter der Borke erreicht und seine Höhle zimmern (!) kann, hat er eine Reihe von Anpassungen.
Überall in der Natur sieht man perfekte Zweckmäßigkeit.
Die Frage war nun, wie es zu den zweckgerichteten Anpassungen kam.
Historisch gab es drei Lösungsvorschläge:
Die Natur ist perfekt angepasst, weil sie den perfekten Schöpferplan widerspiegelt.
In dieser Sichtweise tritt das Individuum völlig zurück. Alles wird durch die göttliche Ordnung und den göttlichen Plan bestimmt; der Mensch muss sich unterwerfen.
Für naturwissenschaftliche Erklärungen oder gar Vorhersagen ist kein Bedarf und auch kein Raum.
Denkmal Lamarck in Paris im Jardin des Plantes; L. Dittrich, S. Duttrich und I. Faust: Das Bild der Giraffe, Hannover 1993
Lamarck ging von einer Evolution d.h. von Veränderung im Laufe der Zeit aus und stellte erste Überlegungen zu Evolutionskräften an – eine ganz moderne Sicht.
Seine Erklärung ohne Schöpfer deutet die Anpassung als durch Gebrauch und Übung erworbene Modifikation, die vererbt wird.

http://biologiafacil.wordpress.com/2009/05/13/as-ideias-de-lamarck/
Die Giraffe folgt einem inneren Bedürfnis; sie hat das Ziel an die Blätter von hohen Bäumen zu gelangen.
Die Erklärung trifft in dieser allgemeinen Form nicht zu. In neuester Zeit gibt es allerdings Hinweise, dass einige wenige erworbene Eigenschaften vererbt werden können (Epigenom).
Lamarcks Deutung trifft natürlich auf die zweite nachgeburtliche Evolutionsschiene des Menschen, die kulturelle Evolution, in vollem Umfang zu.
Darwin drehte die Sichtweise um und erschütterte damit das damalige Weltbild.
Falsch: Damit der Specht gut an die Insekten unter der Borke gelangt, hat er einen kräftigen Schnabel.
Richtig: Weil der Specht einen kräftigen Schnabel hat, hat er den Vorteil, gut an die Insekten unter der Borke zu gelangen.
Das Verhalten des einzelnen Tieres wird durch Motivationen (z.B. Hunger) und die dadurch ausgelösten starren oder auch durch Lernen veränderbaren Programme (z.B. das der Futtersuche) bestimmt.
Seine Gesamtfitness bestimmt den Anteil seiner Gene im Genpool der nächsten Generation.
Das Tier hat kein Ziel – sein Leben ist zweck- und sinnlos.
Überträgt man die Sichtweise auf den Menschen, so ist er nicht mehr „die Krone der Schöpfung“ und sein biologisches Leben ist auch sinnlos – den Sinn des Lebens muss er in dem kulturellen Bereich suchen.
Dass die Deutung der Evolution und ihrer Kräfte ohne Schöpfer auskommt, ist keine Widerlegung eines Schöpferplans. Solche Aussagen fallen nicht in den Bereich der Naturwissenschaften, da sie durch Experimente nicht überprüft werden können.
Friedrich Dessauer hat einen Gedankengang entwickelt, der immer wieder – in letzter Zeit besonders von Mathematikern – aufgegriffen wurde.
Der Schöpfer hätte nicht alle Geschöpfe erschaffen aber die Naturgesetze, nach denen sie sich entwickeln und er hat dem Menschen die Fähigkeit gegeben, die Gesetzmäßigkeiten zu entdecken.
Was von der älteren Denkweise erhalten bleibt, ist der Zusammenhang von Struktur und Funktion. Nur der Grund für die Entstehung der Funktion ist ein anderer.
Die Entstehung der Struktur – proximate Gründe (Gene, Steuerung in der Ontogenese)
Gebrauch der Struktur (Funktion) – proximate Gründe (Verhaltenssteuerung, feste neuronale Programme usw.)
Folgen – Fitnessänderungen – Veränderung der Nachkommenzahl – Genpool der Population – langfristige Zunahme der Gene und ihrer Träger – ultimate Gründe
Bei den folgenden Beispielen sind medizinische Fachbegriffe und englische Bezeichnungen angegeben, um ein besseres Suchen von Bildern im Internet zu ermöglichen.

Betrachtet man im Rahmen eines Evolutionskurses die Entwicklung zum Menschen, so vergleicht man u. a. auch Schädel verschiedener Hominiden und rezenter Affen.
Die Abbildung zeigt einen Schädel eines männlichen Gorillas. Ein auffälliges Merkmal ist der Knochenvorsprung, der als Knochenkamm bezeichnet wird.
Dazu kann es spontane Äußerungen und längere Überlegungen geben, bei denen es um das Vorhandensein an sich, die Gründe für die Ausbildung der Struktur und die möglichen Funktionen geht.

Der Kaumuskel (Musculus temporalis, temporalis muscle) hebt den Unterkiefer an und schließt so den Mund. Von seiner Kraft hängt es ab, wie stark das Säugetier zubeißen kann.
L. Aiello and C. Dean: Human Evolutionary Anatomy, London 1990

Schädel eines Paranthropus boisei mit einem Knochenkamm (cranial crest). Auf diesem Bild sieht man deutlich Einzelheiten der Struktur (breite Basis, Wölbungen), die man unter biomechanischen Gesichtspunkten untersuchen könnte.
L. Aiello and C. Dean: Human Evolutionary Anatomy, London 1990
Die stark entwickelten Kaumuskeln des Gorillas enden nicht im Schläfenbereich, sondern reichen bis zu dem Knochenkamm. Diese starke Verankerung und die Muskelstärke stabilisieren das Kiefergelenk und ermöglichen einen kräftigen Biss.



Bedingt durch den aufrechten Gang „balanciert“ der Mensch seinen Kopf auf der Wirbelsäule. Der Schwerpunkt des Kopfes liegt vor der Wirbelsäule; die dadurch entstehende Zugkraft wird durch die hinteren Halsmuskeln ausgeglichen.
Geht ein Gorilla auf Armen und Beinen, so entstehen große Zugkräfte. An der stark verbreiterten Knochenplatte (vergleiche Seitenansicht oben) greifen die starken Nackenmuskeln des Gorillas an. Sie sind an den Dornfortsätzen der Wirbeln verankert. Das Zusammenspiel von großen Ansatzflächen und Muskelvergrößerung ergibt Vorteile für die Funktionen (Zubiss, Stabilität des Körperbaus).

Halswirbel und zwei Brustwirbel eines Gorillas mit zum Teil stark vergrößerten Dornfortsätzen.
L. Aiello and C. Dean: Human Evolutionary Anatomy, London 1990

Raffaels Engel (Ausschnitt Weihnachtsdose bzw. Sixtinische Madonna) zeigen zwei typische Haltungen,
die die Halswirbelsäule entlasten.
Das Brustbein (Sternum) des Huhns (und der Vögel allgemein) zeigt an der Außenseite (Facies muscularis) einen sehr großen Knochenvorsprung (Carina sterni), an dem Flugmuskeln (Brustmuskeln M. pectoralis und M. supracoracoideus) angreifen.


Einzelheiten unter
http://www.bossert-bcs.de/biologie/vogelflug/index.html
Auch beim Schulterblatt sieht man einen Knochenvorsprung, den die Mediziner beim Menschen Schultergräte genannt haben.

Das Schulterblatt (Skapula) des Menschen bildet zwei Mulden (Fossa supraspinata und Fossa infraspinata), die durch die Schultergräte (Spina scapulae) getrennt sind. Die „Gräte“ hat den Vorteil, dass die Ansatzfläche für die Muskeln durch einen senkrecht stehenden Knochenvorsprung vergrößert wird. Zudem wird der Knochen stabiler.
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Béatrice Fontanel: Monster, München 2003
Der Mensch lebt in zwei Welten – wenn er sich dessen auch nicht immer bewusst ist. In der naturwissenschaftlichen Weltsicht gibt es natürlich keine Monster, sondern nur Lebewesen, die in der Summe ihrer Eigenschaften an ihren Lebensraum angepasst sind.
In der Wertewelt des Menschen kann und sollte er zu ästhetischen Urteilen kommen und er „darf“ den Frosch „schaurig-schön“ finden. Selbst Mathematiker lassen manchmal die Logik hinter sich und sprechen von der Schönheit eines Beweises.
Man muss sich nicht immer krampfhaft bemühen, überkorrekt zu formulieren – man sollte aber immer wissen, in welcher Welt man gerade ist.
Manchmal verhilft es zu einem Aha-Effekt, wenn man die Denkkette umdreht:
Durch die Produkte der Kosmetikfirma wurde die junge Dame schön und sexy.
Weil die junge Dame dem momentanen Schönheitsideal entspricht, wurde sie als Model für Werbeaufnahmen ausgewählt.
Durch Schwimmen erhält man eine athletische Figur.
Wenn man durch seine genetischen Anlagen und seine Entwicklung beim Training eine athletische Figur erreicht hat, kann man bei Schwimmwettkämpfen erfolgreich sein.
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1. Oktober 2010
, Ergänzung 26.12.2011
© B.Bossert