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Bossert, Ulrich : Kriterien zur Beurteilung von Lehrplänen - In: Biologie in der Schule. - Berlin 48 (1999) 1. - S. 1 - 3
Mit den Auswahlkriterien Schülerinteressen, Arbeitstechniken, die fünf Reiche, Gesellschaftsrelevanz, Arbeitsweisen, Allgemeine Biologie und naturwissenschaftliche Denkweise, die in /1/ begründet werden, lassen sich nicht nur Einzelstunden planen und beurteilen, sondern auch Lehrpläne überprüfen. Liest man den ausführlichen allgemeinen Teil des Rahmenplans Biologie, Sekundarstufe I des Hessischen Kultusministeriums /2/, so findet man alle oben angeführten Gesichtspunkte zumindest im Ansatz berücksichtigt, wenn auch ein Gesamtkonzept fehlt.
Da man davon ausgehen muß, daß ein Rahmenplan, der für ein ganzes Bundesland verbindlich ist und auch einige Jahre gültig sein soll, sorgfältig ausgearbeitet und formuliert ist, ist man berechtigt, ihn wörtlich und ernst zu nehmen.
Die Prüfung beschränkt sich aus Platzgründen auf die drei ersten Rahmenthemen.
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Rahmenthema |
Verbindliche Inhalte | Verbindliche Arbeitsweisen / Methoden | Weitere mögliche Arbeitsweisen / Methoden |
| Sehenlernen in der Natur (1) |
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Sehenlernen in der Natur (2) |
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Lebensansprüche von Pflanzen (3) |
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Dargestellt sind die ersten drei Rahmenthemen für Klasse 5/6 des Rahmenplans Biologie, Sekundarstufe I des Hessischen Kultusministeriums. Die unverbindlichen Felder wurden weggelassen.
Die Vorgaben legen nahe, mit einem naturkundlichen Unterrichtsgang (realistischer Weise eine ganztägige Exkursion) zu beginnen, so daß die Kinder einen Eindruck von der Vielfalt der Pflanzen und Tiere gewinnen. Dabei kann auch schon Material gesammelt werden. Aus den Beobachtungen ergibt sich die übergeordnete Problemstellung von selbst: "Wie kann man die Vielfalt ordnen und überschauen ?"
Jetzt sollte sich eine Phase der Hypothesenbildung und eine handlungsorientierte eigenständige Problemlösung durch die Schüler anschließen. - Welche Hinweise und Hilfen bietet hierfür der Rahmenplan ?
Wenn man die beiden letzten Punkte der verbindlichen Inhalte, die an Monographien Schmeilscher Prägung erinnern und zur Lösung der Fragen nicht beitragen und den Punkt "Arbeit mit einfachen Bestimmungshilfen" aus dem Bereich verbindliche Arbeitsweisen, der eine Anwendung der gefundenen Ordnungssysteme ist, wegläßt, so bleiben noch:
| für den Bereich der Pflanzen: | für den Bereich der Tiere: |
| - äußere Ordnungsmerkmale und .... | - äußere Gemeinsamkeiten und ... |
| - Bau von Sproßpflanzen ... | - Grobklassifikation ... |
Man kann nur feststellen, daß der Rahmenplan an der entscheidenden Stelle abbricht und jede Angabe zu anzuwendenden Methoden, einzuschlagenden Wegen und Zielvorstellungen fehlen.
Der erste Punkt der verbindlichen Inhalte erfordert eine Beschäftigung mit der Pflanzenmorphologie, die in dem Umfang, wie sie für die Erstellung eines Ordnungssystems nötig ist, in keiner Weise gerechtfertigt ist. Es wird nicht klar, was beabsichtigt ist. Auch die Anweisung, Pflanzen zu kategorisieren, läßt Umfang und System offen. Früchte und Samen kann man übrigens nicht kategorisieren.
Fraglich ist, was mit "Bau von Sproßpflanzen" gemeint ist, da auch hier ein Prädikat fehlt. Soll der Aufbau bei der Einordnung genutzt werden (Abgrenzung zu "niederen Pflanzen") oder ist es ein eigenständiger Punkt ? Eigentlich kann nur der äußere Bau gemeint sein; innerer Bau wäre ohne das Erarbeiten der Funktion auf jeden Fall sinnlos. Wenn allerdings Angepaßtheiten an den Lebensraum besprochen werden sollten, ist das aber ohne Kenntnis der Funktionen nicht möglich.
Wenden wir uns den Tieren zu.
Hier ist man als Leser noch ratloser. Zu welchem Zweck stellt man äußere Gemeinsamkeiten zusammen ? Was nutzt das (alleine ?!) für die Aufstellung eines Systems ?
Der verbindliche (!) Inhalt "Grobklassifizierung von Wirbellosen und Wirbeltieren an je einem Beispiel, ist ein Widerspruch in sich.
Welches System ? Wird es den Kindern vorgegeben ? Wenn nein, wie soll es erarbeitet werden ? Wie kann an zwei Beispielen Klassifizierung deutlich werden ?
An Hand der vorgegeben verbindlichen Inhalte wird nicht klar, ob die Kinder von einer Fragestellung ausgehen oder ob einfach nur mikroskopiert wird. Wenn der erste Punkt ( der Spiegelstrich schließt aus, daß es sich um eine Überschrift handelt) das Endergebnis der Unterrichtseinheit vorwegnimmt, ist problemlösendes Arbeiten sowieso nicht mehr möglich.
Der verbindliche Inhalt zum Bau der Zellen ist vom Inhalt und Umfang her völlig unklar. Nach meinen Erfahrungen ist es in Klasse 5/6 unmöglich, mit der ganzen Klasse die lichtmikroskopisch sichtbaren Zellbstandteile (bei der Pflanzenzelle wurden Plasmamembranen vergessen) zu erarbeiten. Da "einfache mikroskopische Präparate anfertigen" unter dem Punkt "weitere mögliche Arbeitsweisen" steht, bleibt unklar, in welchem Umfang praktisches Arbeiten erwartet wird.
Selbst wenn das unter einem unvertretbar hohen Zeitaufwand gelänge, wäre das Ergebnis ohne das Eingehen auf die Funktion sinnlos. Da nur von "Baustein" und "Aufbau" die Rede ist, gehe ich davon aus, daß der Punkt "Funktion der Zellbestandteile" aus dem hier nicht wiedergegebenen Feld "Fachwissenschaft Biologie" der Reduktion zum Opfer gefallen ist.
Falls man den Kindern die Funktionen mitteilt (erarbeiten kann man sie in dieser Altersstufe nicht), hat man eine forschend - entwickelnde Erarbeitung zu einem geeigneten späteren Zeitpunkt unmöglich gemacht.
Wie wenig das Ganze durchdacht ist bzw. wie unsicher Begriffe benutzt werden , zeigt auch die verbindliche Arbeitsweise "Zeichnen von Zellen und Zellverbänden".
Auch hier wird das Ergebnis wieder vorweggenommen.
Die Anweisung, physiologische Versuche unter kontrollierten Bedingungen zur Samenkeimung und zur Photosynthese bzw. dem Pflanzenwachstum durchzuführen, hört sich gut an, ist aber sicher nicht realistisch.
Die verbindliche Anweisung "Beobachten, Protokollieren und Auswerten von Versuchsergebnissen" reduziert die naturwissenschaftliche Denkweise auf den handwerklichen Teil - der Gedankengang wird unterschlagen.
Falsch formuliert ist "Samenanzucht unter verschiedenen Bedingungen". Die Aussage "Pflanzen stellen ihre Nährstoffe selbst her" ist grob falsch.
Im ganzen Rahmenplan gibt es kein weiteres Rahmenthema, das sich auch nur im weitesten Sinne mit Pflanzen beschäftigt. Ausgenommen ist Rahmenthema 12 (Klasse 9/10), in dem es u.a. um Pflanzenzucht, Vererbung und Gentechnik geht. Da die Blütenökologie vollständig weggefallen ist, fehlen hierfür wesentliche Grundlagen.
Kehrt man an den Ausgangspunkt der Überlegungen zurück, so kann man resümieren, daß Schülerinteressen (mit Einschränkungen), Arbeitstechniken, die fünf Reiche, Gesellschaftsrelevanz, Arbeitsweisen und Allgemeine Biologie (mit Einschränkungen) berücksichtigt werden. Da aber z.T. falsche Beispiele gewählt, Form und Funktion nicht verknüpft wurden und die naturwissenschaftliche Denkweise nicht berücksichtigt wurde, ist die Katastrophe größer als sie vom ausgewählten Stoff her sein müßte.
Zusammenfassend kann man sagen, daß es sich um einen Lehrplan handelt (andere Rahmenthemen haben auch gravierende Fehler), dem der "rote Faden" ganz fehlt bzw. an entscheidenden Stellen abreißt. Die innere Struktur, die dem ganzen Rahmenplan fehlt, fehlt auch den einzelnen Rahmenthemen. Deshalb ist der Lehrplan nicht geeignet, dem Schüler zu helfen, ein naturwissenschaftlich fundiertes Weltbild zu entwickeln und bietet schlechte Voraussetzungen für das lebenslange Lernen. Hinzu kommen Ungenauigkeiten und grobe Fehler in den Formulierungen des Rahmenplans. Aber dafür ist er verbindlich.
Literatur
/1/ Bossert, U.: Die schwierige Lage des Biologieunterrichts - Vorschläge zur Verbesserung. In: Biologie in der Schule. - 47 (1998) 5 - S. 262 - 267
/2/ Hessisches Kultusministerium: Rahmenplan Biologie, Sekundarstufe I. - Wiesbaden, 1996