Biologie und Chemie

 

Zum Verhältnis von Biologie und Chemie gibt es die verschiedensten Vorstellungen. Sie reichen von der Ansicht, dass „Biologie“ ohne „Chemie“ unmöglich ist (verpflichtende Fächerkombination in Bayern) bis zu der Auffassung, dass „die Chemie“ im Biologieunterricht höchstens am Rande vorkommen soll (Schülereinwand: „Ich habe doch Chemie abgewählt!“).

Betrachtet man die naturwissenschaftliche Forschung, so wird immer stärker oder ausschließlich die molekulare Ebene untersucht. D.h. man versucht die Vorgänge auf höheren biologischen Ebenen durch biochemische Untersuchungen zu erklären.

Für den Biologieunterricht in der Schule ist es die Frage, ob man sich durch Biologiestudium und Selbststudium alleine auch hinreichende Kenntnisse in Chemie erwerben kann. Das wird subjektiv ganz unterschiedlich beurteilt. Chemielehrer sehen sich in der Lage, jederzeit fundierte Meinungen zu Biologie und politischen und ethischen Fragen im Rahmen der Naturwissenschaften zu äußern. Das ist ohne entsprechende Studienabschlüsse gut möglich, kann aber auch zu krassen Fehleinschätzungen führen. Das gilt im übertragenden Sinne natürlich auch für den Biologielehrer.

Mich hat ein Vortrag von Jean-Marie Lehn (Nobelpreis für Chemie 1987): „Von der Materie zum Leben : Chemie? Chemie!“ (Frankfurt, 17.05.2006) zu einem Lösungsansatz angeregt.

Seine Definition von Chemie: Chemie behandelt die Struktur und Transformation der Materie

Sein Arbeitsgebiet : Erforschung von Molekülen mit strukturspezifischer Wechselwirkung von hoher Selektivität

Darin steckt schon der Lösungsansatz zum richtigen Verhältnis von Biologie und Chemie.

Historisch gesehen stand am Beginn der Chemie die Beschäftigung mit Atomen und Molekülen, die zum Periodensystem, zu Strukturformeln und Synthesen führte. – Reine Chemie

Die Biochemie entstand als ein Zweig der Medizin, als man erkannte, dass Analysen von Blut und Urin und anderen Körperflüssigkeiten zur Diagnose mancher Krankheiten beitragen können. Im Frühstadium wurde die Biochemie „physiologische (funktionelle) Chemie“ genannt und ergänzte die morphologische (strukturelle) Biologie bzw. Humanmedizin. – Reine Chemie

Dann folgte die supramolekulare Chemie, die sich mit der Assoziation von Molekülen zu übergeordneten (Supra-)Strukturen beschäftigt. Beispiele sind

-          Enzym und Substrat
-          Killerzelle und Krebszelle
-          HIV und Wirtszelle
-          DNA

Die supramolekulare Chemie geht dann über in eine „constitutional dynamic chemistry“; was darunter zu verstehen ist, zeigt der folgende Abschnitt aus dem Internet.

http://www.otago.ac.nz/conferences/supramolecular/lehn_plenary.html

 

From Supramolecular Chemistry to Constitutional Dynamic Chemistry

Diese Chemie, die Interaktion, Dynamik und Evolution der Moleküle mit einbezieht, kann ohne die darüber liegenden biologischen Ebenen nicht gedacht werden. Falls man diese Perspektive einbezieht, betreibt man dann noch Chemie?

Der Bereich der Strukturbiologie der Universität Frankfurt, der sich mit der dreidimensionalen Struktur biologisch wichtiger Moleküle und ihrer Funktionsweise beschäftigt, wird als Exzellenzcluster gefördert. Ein Schwerpunkt liegt auf Proteinen und Proteinkomplexen in biologischen Membranen. Im Rahmen der Initiative soll die Forschung auf große Proteinkomplexe in der gesamten Zelle ausgedehnt werden. Das daraus resultierende Verständnis soll auch zur Entwicklung neuer Arzneimittel verwendet werden.
Frankfurter Rundschau vom 14.10.2006

Biologie, Chemie, Medizin und Pharmazie gehen ineinander über (Lebenswissenschaften).

Es geht nicht um die Einzelmoleküle, sondern um ihr Verhalten und die Information, die sie tragen. Die zentrale Rolle der Information reicht über alle Ebenen: genetische Information, Informationsfluss in der Zelle, zwischen Zellen, …, Kommunikation in Populationen und Biozönosen.

An einem zentralen Thema soll geprüft werden, welche Folgerungen für den Biologieunterricht zu ziehen sind.

Als Beispiel wird der Glucosefluss (nicht nur die Glycolyse!) im Menschen untersucht.

Er ist für den Menschen wichtig (Diabetes), gut untersucht (Materialfülle), zeigt sehr viele unterschiedlich arbeitende Regulationsstellen (siehe unten) und ist sehr gut geeignet, Transportvorgänge und Enzymaktivitäten zu verbinden (siehe Übersichtsbild). Ziel ist es, Zusammenhänge zu verstehen und einen kleinen Einblick in die Komplexität des Systems zu erhalten.

Bei dieser Art der Betrachtung ergeben sich von selbst „vernünftige“ Aufgabenstellungen.

Von Schulbüchern wird man allerdings auch hier im Stich gelassen.



Schema Glucosefluss


Die Übersicht zeigt den Glucosefluss. Die Überlegungen gelten für Kurse der Oberstufe (Cytologie, Stoffwechsel).

Man beginnt – wie immer! – auf der Organismus-Ebene.

 

Nr.

Ebene

Thema

Prinzipien / Ziele

 

von
7
nach
1

 

Organismus

 

Nahrungsaufnahme,
Wiederholung: Zusammensetzung der Nahrung,
Fokus auf Glucose und Polysaccharide

 

Ebenen: Organismus – Molekül,
Rasterwissen: Größenverhältnisse (mittelgroße Moleküle, Makromoleküle,)

 

 

1

 

Organe

 

Verdauungsorgane,
Verdauung der Stärke,
Einschub möglich: Experimente zur Arbeit der Amylase,
Resorption der Glucose (nur Kenntnisnahme)

 

 

Oberflächenvergrößerung,
membrangebundene Enzyme,
Aktivität ist abhängig von verschiedenen Parametern,
Membrantransport

 

2
und
3

 

Teilsystem

 

Blutzuckerspiegel
http://www.bossert-bcs.de/biologie/traub.htm

Aufstellung Transportvorgänge
Dünndarm Blut
Blut Muskel
Blut Leber
Leber Blut

siehe Schema

 

Regulation
Systemüberblick Fragen

Hypothesen zum Transport:
selektiv?
gerichtet?
geregelt (Insulin)
geregelt (Glucagon)

Stofffluss
Hypothesen zur Regulation:
Auflistung der Stellen, an denen reguliert werden sollte

 

 

3



und



4, 5, 6

 

Membran
Proteine






Moleküle

 

Versuchsergebnisse werden interpretiert 
=  die ausgewählten Punkte werden genauer untersucht

Die Punkte in diesem Feld sind nur als Netz zu untersuchen


Substrat, Enzym, Produkt
Enzymaktivitäten

 

Modelle von Transportmolekülen
- erschlossen aus Daten zum Transport


Systemeigenschaften,



Spezifität, KM-Werte, DG, unterschiedliche Ausstattung der Zellen (6),
Modelle, Regulationsvorgänge

 

 

7

 

 

Moleküle

 

glykämischer Index

 

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Gesundheitsvorsorge

 

 

Geht es nun an die Ausgestaltung des skizzierten Verlaufs, so sollte man als Grundsatz Lehns oben erwähnte Definition „Chemie behandelt die Struktur und Transformation der Materie“ berücksichtigen.

D.h. die ausführliche Betrachtung von einzelnen Reaktionsschritten (z.B. Phosphorylierungsreaktion von D-Glucose durch ATP mit Hilfe der Hexokinase , Strukturformeln, Zwischenschritte, Rolle des Mg2+, …) ist nicht Sache des Biologieunterrichts. Das bedeutet nicht, dass man nicht laufend Anknüpfungspunkte und Hinweise zur Ergänzung und Vertiefung durch den Chemieunterricht gibt.

Die Funktionsweise der Transporter und Enzyme und das Zusammenwirken der vielen Regulationsstellen sind die Themen!

Dazu sind Übersichtskarten wie das legendäre Boehringer-Poster „Biochemical Pathways“ sehr hilfreich. Es ist aber kaum noch erhältlich; als Buch gibt es sie auch.

Gerhard Michal (Hrsg.): Biochemical Pathways, Biochemie-Atlas, Heidelberg 1999

J.G. Salway: Metabolism at a Glance, Oxford 2004

Beide Bücher sind hervorragend und ergänzen sich gegenseitig. Man selbst und auch die Schülerinnen und Schüler sollten vor dem Gebrauch nicht zurückschrecken. Der Streckenplan der Deutschen Bahn oder das U-Bahnnetz einer Großstadt sind auch auf den ersten Blick verwirrend. In beiden Fällen geht es aber nur um einen winzigen Ausschnitt, eine einzige Verbindung – und die kann man gut herausarbeiten und im Zusammenhang verstehen.

 

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Domäne  Bossert



Oktober 2006
© B.Bossert