Wie erzeugt man Motivation für den Lernprozess ?

Schon frühzeitig haben Pädagogen und Philosophen über Möglichkeiten zur Motivation der Schülerinnen und Schüler nachgedacht und Vorschläge zusammen gestellt.

Wie man sehen wird, ist alles schon gesagt - es muss endlich umgesetzt werden.

Jean - Jacques Rousseau : Emile (1762)

"Völlig erhitzt, erschöpft und ausgehungert verlaufen wir uns immer mehr. Schließlich setzen wir uns hin, um uns auszuruhen und Rat zu halten. ...

>Jetzt ist es zwölf Uhr, genau die Zeit, wo wir gestern von Montmorency aus die Lage des Waldes feststellten. Wenn wir doch genauso vom Wald aus die Lage von Montmorency feststellen könnten! ... Sagten wir nicht, daß der Wald ...<
>nördlich von Montmorency läge.<
>Also muß Montmorency ...<
>südlich des Waldes liegen.<
>Wir haben doch zur Mittagszeit ein Mittel, um Norden festzustellen?<
>Ja, durch die Richtung des Schattens.<
>Aber den Süden?<
>Ja, wie macht man das?<
>Der Süden liegt genau dem Norden gegenüber.<
>Das stimmt; man braucht nur die dem Schatten gegenüberliegende Seite zu suchen. Oh! Da, da ist Süden! Bestimmt liegt Montmorency auf der Seite dort.<
>Da kannst Du recht haben - gehen wir doch diesen Pfad durch den Wald hinunter.<
>Ah! Ich sehe Montmorency! Da, direkt vor uns liegt es. Gehen wir essen, laufen wir, rasch - die Astronomie ist doch zu etwas gut.<

Merkt euch, daß, wenn er diesen letzten Satz auch nicht ausspricht, er ihn doch denken wird. Das macht nichts, wenn nur nicht ich es bin, der ihn sagt.
Ihr vermittelt die Wissenschaft - allerhand! Was mich betrifft, ich kümmere mich um das geeignete Werkzeug, sie zu erlangen."

John Dewey : "How We Think" (1910)

"Die Initiative liegt beim Lernenden.

Wenn wir uns das rege Interesse und die gespannte Aufmerksamkeit vergegenwärtigen, mit der Erzählungen und dramatische Darstellungen verfolgt werden, so können wir wertvolle Anregungen für die Wahl des geeigneten Beobachtungsmaterials erhalten. Die Aufmerksamkeit erreicht immer dann einen Höhepunkt, wenn ein Interesse an dem dramatischen Konflikt besteht. Die Spannung wird durch die Verbindung von Neuem und Altem, Vertrautem und Unerwartetem hervorgerufen, zwischen denen die Handlung schwankt. Verschiedene Möglichkeiten eröffnen sich, aber die Situation bleibt mehrdeutig ...

Wenn aber - ganz gleich wie unbestimmt - verschiedene Erklärungen entstehen, rivalisierende Möglichkeiten auftreten, dann gibt es eine strittige Frage, dann ist etwas zu entscheiden.

Die Schwierigkeiten, denen das Kind begegnet, sollen jedoch nicht durch den Erzieher auf das kleinste Maß reduziert werden; er soll sich ihrer vielmehr in verständnisvoller Weise bedienen, denn sie bilden den natürlichen Anreiz zu einer forschenden Stellungnahme.

... Diese Methoden gehen von der richtigen Voraussetzung aus, daß Beobachtung ein aktiver Prozeß ist. Der Beobachtende nimmt eine suchende, fragende Haltung ein. Er will Verborgenes und Unbekanntes entdecken, denn es wird benötigt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, ein praktisches oder ein theoretisches. ...

Wir sehen also, daß die Beobachtung sowohl am Anfang als am Ende des Reflexionsprozesses steht. Am Anfang hat sie die Natur der Schwierigkeit genauer und bestimmter festzustellen, am Ende den Wert eines hypothetischen Schlusses zu prüfen."

Friedrich Copei : "Fruchtbare Momente im Bildungsprozeß" (1930)

nach: Theodor Wilhelm: Pädagogik der Gegenwart, Kröner, Stuttgart 1977
"Es gibt Lernsituationen, die in sich schlüssig, unproblematisch, "gesund" sind. F.Copei schildert in seinem Buch ... jene kostbare Situation auf einem Schulausflug, wo der Klassenkoch schnell Milch braucht und das eine Loch, das er in die Dose schlägt, keine hergibt: es gibt keine Ruhe, bis er und die ganze Gesellschaft erfahren haben, warum ein zweites Loch nötig ist."

Planung der Ausgangssituation - Problemstellung ("Einstieg")

Wie lässt sich Motivation erreichen? Kann man sich in der Schule "gezielt verirren", um zu zeigen: "Wozu ist das gut?"
Ergeben sich "fruchtbare Momente" auf Bestellung?
Wie kann man also erreichen, dass der zu lernende Inhalt für die Schülerinnen und Schüler zum eigenen Problem wird?
Lernsituationen müssen in der Schule (leider) organisiert werden.
Manche verurteilen eine solche Planung, da sie darin eine zu starke Lenkung der Schülerinnen und Schüler sehen. Aber bedenken wir: Obwohl die Situation für Emiles Lehrer traumhaft ist (Ganztagsschule, Verhältnis von Lehrer zu Schüler ist 1 : 1), greift er zu umfassenden, "hinterlistigen" Manipulationen: Der Schüler wird hoch motiviert (erhitzt, ausgehungert), vorsätzlich in die Irre geführt und kurz vor dem durch den Wald verdeckten Ziel durch ein gelenktes Unterrichtsgespräch zur Erkenntnis gebracht, auf die dann unmittelbar die Belohnung erfolgen kann (die Parallelen zur operanten Konditionierung sind offensichtlich).
Kann man trotz der Notwendigkeit einer Konzeption diese Beeinflussungen gering halten?
Ja, indem der sorgfältige und umfangreiche Entwurf sich auf die Ausgangssituation konzentriert, die zur Problemstellung führt.

Nochmals: Bei der Ausgangssituation ist Planung, Beeinflussung zulässig, nötig, wichtig und auch im Sinne der Schülerin und des Schülers (man bedenke die Alternativen!) und auch nicht als verdeckte Manipulation anzusehen, da die Situation klar ist.


Bei John Dewey findet man Grundsätzliches. In Horts Rumpfs Büchern gibt es eine Fülle von konkreteren Hinweisen, wie die Ausgangssituation zu gestalten ist.


Horst Rumpf (1986, 1987, 1991)

Die künstliche Schule und das wirkliche Leben, München 1986; Mit fremdem Blick, Weinheim 1986; Unterricht und Identität, Weinheim 1986; Belebungsversuche, Weinheim 1987; Didaktische Interpretationen, Weinheim 1991

"Wer oder was provoziert auf der Objektseite die Entdeckung : ein von Komplexität und Mehrdeutigkeit gereinigter Stimulus, in dem vorgezeichnete Entdeckungswege niedergelegt sind, die von Lehren namhaft gemacht werden, oder eine komplexe, viele Resonanzen weckende Vorgabe, in der sowohl Probleme (Unstimmigkeiten) wie Lösungsrichtungen und Verfahren zu entdecken sind, und zwar durch Mobilisierung von Deutungsschemata, die Diskrepanzen und Lücken als solche aufdecken ?

Als man uns Mathematik und Physik auf eine gewaltsame Weise aufzwang, anstatt uns erst an die Verzweiflung der Unwissenheit zu führen und unser kleines tägliches Leben, unsere Hantierungen und alles, was sich zwischen Morgen und Abend im Hause, in der Werkstatt, am Himmel, in der Landschaft begibt, in Tausende von Problemen aufzulösen, von peinigenden, beschämenden, aufreizenden Problemen - um unserer Begierde dann zu zeigen, daß wir ein mathematisches und mechanisches Wissen zu allernächst nötig haben, und uns dann das erste wissenschaftliche Entzücken an der absoluten Folgerichtigkeit dieses Wissens zu lehren!

Die Schüler, die bei Galilei in die Lehre gehen, werden nicht durch geschickte Maßnahmen darum gebracht, in Verwirrung zu fallen.

Imagination und Interesse aber werden durch eine gewisse Dosis Fremdheit nicht etwa beeinträchtigt, sondern begünstigt.

Und ohne die Fähigkeit zu staunen werden die Menschen schnell zu Bescheidwissern und Erledigern.

Man muß also etwas, was man in irgendeiner Weise "hatte", verlieren, um es in einer neuen Weise sich anzueigenen.

.. die theoretische Vorplanung ist kein fixsternartiges, nur zu exekutierendes Design - sie ist eine Arbeits- und Entwicklungshilfe für engagierte Subjekte, deren Hauptinteresse nicht die Ausführung von präfabrizierten Lernentwürfen, sondern die Realisierung eigener Lernmöglichkeiten ist.

Kenntnisse und Fertigkeiten von anderen zu übernehmen ist keine Schande. Man muß solches lernen, um in unserer Gesellschaft zu überleben. Aber wenn dies die einzige oder vorherrschende Form der Aneignung bleibt, zerfällt in den Menschen die Wahrheitsfähigkeit."


Das alles sollte nicht entmutigen, sondern Ansporn sein! "Damit das Mögliche entsteht, muß immer wieder das Unmögliche versucht werden."

Leider gibt es kein Rezept. Jede Stunde, jeder Stoff fordern spezielle Überlegungen, Ideen und den Zuschnitt auf die Lerngruppe. Aus der Vielfalt der Lebenswelt und der Fülle der fachwissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse versucht man, "durch das planlose Umherstreifen, durch die planlosen Streifzüge der Phantasie" eine Eingebung für einen Ausgangspunkt zu finden. Dann kommt die Ausarbeitung.
Jede Stunde ist anders, wird durch die Schülerinnen und Schüler hin und her gewendet, "gesteuert" durch Versuch und Irrtum - ein Prozess eben. Ein Unterrichtsplan ist nie fertig. Leider gibt es unter den Lehrerinnen und Lehren auch viele "Bescheidwisser".

 

Lehrer Lehrer Lehrer Lehrer
Lehrer Lehrer Lehrer Lehrer
Lehrer Lehrer Lehrer Lehrer
Lehrer Lehrer Lehrer Lehrer

Zeichnung: Renate Krause

 

Wohlgemerkt, hier geht es erst um die Anfangsmotivation, aus der sich die Problemstellung ergeben soll.
Die Situation, das Phänomen, das Erlebnis soll komplex, schön, interessant, aufregend und dadurch dauerhaft tragfähig sein und Freude bereiten. Für alle ist jetzt der Kenntnisstand gleich.
Es wäre wunderbar, wenn es gelänge, von der Schönheit der Erscheinungen der Ausgangssituation einen Bogen zu schlagen zu der "eigentümlichen Schönheit, welche aus der harmonischen Ordnung der Teile hervorgeht und welche von der reinen Intelligenz erfaßt werden kann", die am Ende steht.

Den Begriff "Einstieg" assoziiere ich mit direkt, abhaken, Brechstange, Aktivitäten auf Lehrerseite und benutze ihn aus diesem Grunde nicht.

Wenn die Stunde beginnt, hat der Lehrer seine erste aktive Phase (Vorbereitung) schon hinter sich; jetzt tritt er zurück. Jetzt wird es spannend, jetzt wundern sich die Schülerinnen und Schüler, sind verblüfft, stellen sich Fragen, keimen die ersten Ideen. Jede Anregung ist wertvoll, wird gesammelt, mit anderen in Beziehung gesetzt, auf früher Erfahrenes, Gelesenes, Gelerntes bezogen. Das ist die nicht verplante Phase, hier muss man Zeit lassen. Hier ist Raum für Schönheit und Gefühle, Irrtümer und Umwege, Ratlosigkeit und wankende Ansichten. Die Sprache ist die Umgangssprache.
Die Lehrerin / der Lehrer sammelt (Stichpunkte an der Tafel) ohne Kommentar, ohne zu ordnen oder zu werten; gibt vielleicht sparsame, "offene" Hinweise.

Walter Moers : Die 13 ½ Leben des Käpt`n Blaubär
München 2001 - 6. Mein Leben in den Fisterbergen

" ... Professor Nachtigaller sagte öfter solche Sachen, wahrscheinlich um uns aus der Fassung zu bringen. Es steckte Methode in diesen scheinbar sinnlosen Behauptungen: Bevor man dahinterkam, daß sie völlig blöde waren, hatte man schon in alle möglichen Richtungen gedacht. Und das war genau, was Professor Nachtigaller wollte: Wir sollten denken lernen, und zwar in möglichst verschiedene Richtungen. ... "


Die Anfangsphase hat zwei Ziele: Motivation und / durch Problemstellung - das sind aber nur die unmittelbaren Absichten. Zusätzlich muss es erreichbar sein, im weiteren Verlauf möglichst viele der folgenden Gesichtspunkte einzubeziehen. Das muss von Anfang an mit bedacht werden.


Felder, die im Biologieunterricht abgedeckt werden sollen

 

Negativbeispiele

- Schulbücher kann man in der Regel an einer beliebigen Stelle aufschlagen und findet negative Beispiele.
- Filme, bei denen durch die Kommentare oder noch schlimmer durch eingeblendete Schrift das Wundern und Denken überflüssig gemacht wird.
- Abbildungen (z.B. Dias) mit eingezeichneten Pfeilen, die auf die wichtige Stelle zeigen.
- "Die in der Stunde ausgeteilten Kleinmagnete ... hatten die Doppelfärbung; ... sie kommen mit solchen Polen schon auf die Welt, die Bank des Schülers."
- Kreuzworträtsel
- ...


Beispiele

Die Möglichkeiten sind durch die Organisationsform der "normalen" Schule eingeschränkt. Es soll hier aber nicht gejammert werden.
Beide Beispiele stehen am Anfang eines Kurses "Verhaltensbiologie" und zeigen zwei Möglichkeiten (von vielen), wie man beginnen könnte.


1. Reiz-Reaktion-Kette

Es ist die erste Kursstunde. Nachdem man sich vorgestellt hat und die Liste der Kursteilnehmer durchgegangen ist, sollte man sofort mit dem Thema beginnen. Zu besprechende Formalien usw. sollte man auf die nächste / über nächste Stunde oder die Tutorenstunde verschieben.

Die Schülerinnen und Schüler werden gebeten, sich das folgende Bild genau anzusehen und aufzuschreiben, in welcher Stimmung sich nach ihrer Meinung die beiden Personen befinden.

 

Comic Comic Comic Comic
Comic Comic Comic Comic
Comic Comic Comic Comic
Comic Comic Comic Comic

Das Dia wird ausgeblendet und die notierten Meinungen verglichen. Normalerweise entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch.

Wie kommt es zu unterschiedlichen Ansichten?
Wie kommt es zu gleichen Meinungen?
Sind Gestik und Mimik und ihre Interpretation angeboren?

Am Anfang steht das für alle gleiche projizierte Bild - am Ende die unterschiedlichen Meinungen. Welche Stationen sind dazwischen geschaltet?


Reizreaktion


Wirken die beiden Personen auf Schülerinnen und Schüler unterschiedlich?
Wie kommt ein Raumeindruck zustande?
Farbenwahl, Farbenwirkung?
Textinterpretation?

Nun wird es Zeit, klar zu machen, dass die genaue Aufklärung der Abläufe beim Menschen, je nach Einstellung, ein Horror- oder ein Wunschprogramm ist und nicht gelöst werden kann (vergleiche "Organisationsebenen").


2. Kursprogramm - von den Schülerinnen und Schülern erstellt

Herr Thorsten Schweikart hatte die folgende Idee.

Nachdem er einige "motivierende" Dias gezeigt hatte und einem kurzen gemeinsamen Gespräch darüber, bat er die Schülerinnen und Schüler seines Leistungskurses, Fragen, die sie geklärt haben möchten, in Gruppenarbeit zusammen zu stellen. Die Fragen wurden auf Plakatkarton geschrieben und im Biologieraum aufgehängt. So war das Programm immer vor Augen und die erledigten Punkte konnten abgehakt werden.

Plakat1 Plakat 2
Plakat 3 Plakat 4
Plakat 5

 

Hier enden die Überlegungen zur Motivation. Zur Fortsetzung siehe Experiment.

 

 

zurück zum Biologieunterricht zum  Anfang
Domäne  Bossert counter

 

Januar 2003
© B.Bossert