oder
http://www.bossert-bcs.de/biologie/2kulturen/index.htm
Die in diesem Artikel angesprochenen Unterschiede zwischen Geistes- und Naturwissenschaften haben mich weiterhin beschäftigt.
In Biologie, Chemie, Physik und besonders in Mathematik werden Ideengebäude entwickelt, die menschenleer sind es sei denn, der Mensch kommt als Untersuchungsobjekt vor. Da es (nur) ein Bild der Welt ist, muss niemand in ihm leben. Deshalb ist es auch nicht gravierend, dass es keine Wertvorstellungen enthalten kann. Es ist die Sichtweise des Wissenschaftsbetriebes; allen Beteiligten sind die einschränkenden Prämissen bewusst. Die berufliche und private Lebenswelt der Wissenschaftler ist natürlich nicht anonym und wertfrei, sondern ganz normal bis skurril.
Was auf dem Weg zu „trockenen“ Fachartikeln alles passiert, kann man in den beiden Büchern nachlesen:
James D. Watson: Die Doppel Helix, Hamburg 1969
James D. Watson: Gene, Girls und Gamow, München 2003
Die Leistungen in Forschung und Lehre von James Watson sind unumstritten. In den beiden Büchern gibt es mehrere Abschnitte, die seine Wertvorstellungen wiedergeben das ist auch bei Autobiographien ganz legitim. Die Leser können diese Wertvorstellungen aber frei diskutieren sie sind nicht schon deshalb brauchbar, weil sie von einem Nobelpreisträger stammen.
Wie weit naturwissenschaftliche Leistungen und persönliche Urteile zu Themen außerhalb seines Spezialgebietes auseinanderklaffen, zeigten seine Vorstellungen zu farbigen Menschen. Sie führten zur Absetzung von verschiedenen Ämtern und zu seinem vorzeitigen, nicht freiwilligen Rückzug aus der Wissenschaft.
FAZ vom 23.10.2007 „Rassist oder Scherzbold?“
NZZ vom 24.10.2007 „Rassistische Äusserungen des Nobelpreisträgers Watson“
Naturwissenschaftler leben in einer Welt voller Emotionen und Wertmaßstäben und entwerfen eine virtuelle Teilwelt, deren Anwendungen unser Leben einschneidend mitbestimmen können in der aber niemand leben kann (und will).
Diese beiden Welten die Arbeits- und Ideenwelt müssen bei der Popularisierung und Vermittlung der naturwissenschaftlichen Ergebnisse auch dargestellt werden.
Die Lebenswelt der Wissenschaftler, ihre Forschungsarbeit (oft auf gewundenen Wegen) und das glänzende Ergebnis (als stringenter Gedankengang dargestellt) sollten dabei in gleicher Breite beschrieben werden.
Nur so lernt man neben dem Ergebnis auch den Weg (naturwissenschaftliche Denkweise) kennen.
Beispiele: Die beiden oben genannten Bücher und
Paul de Kruif: Mikrobenjäger, Frankfurt 1980 (Erstausgabe 1926)
Charles Wassermann: Insulin, München 1978 (Erstausgabe 1966)
Gegenbeispiel:
Bücher über Albert Einstein oder Stephan Hawking gibt es in sehr großer Zahl.
z.B.
Hubert Mania (Hrsg.): Das große Stephen Hawking Lesebuch Leben und Werk, Hamburg 2003
In diesem Extremfall ähnlich wie in Büchern über Albert Einstein steht die faszinierende Persönlichkeit im Vordergrund und die wissenschaftlichen Leistungen, die ohnehin in diesen beiden Fällen schwer zu vermitteln und zu verstehen sind, sind Beiwerk. Wie sie erarbeitet wurden ist auch schwer nachzuvollziehen und dazustellen.
Siehe auch.
http://www.bossert-bcs.de/biologie/welt/artikel/index.htm
Der antiquarische Fund des alten Suhrkamp Buches führte zu der folgenden Lektüre.
Jürgen Habermas: Technik und Wissenschaft als <Ideologie|> , Frankfurt 1968
„Max Weber hat den Begriff der <Rationalität> eingeführt, um die Form der kapitalistischen Wirtschaftstätigkeit, des bürgerlichen Privatrechtsverkehrs und der bürokratischen Herrschaft zu bestimmen. Rationalisierung meint zunächst die Ausdehnung der gesellschaftlichen Bereiche, die Maßstäben rationaler Entscheidung unterworfen werden. Dem entspricht die Industrialisierung der gesellschaftlichen Arbeit mit der Folge, dass Maßstäbe instrumentalen Handelns auch in andere Lebensbereiche eindringen …“
Diese Stelle führte zu der Originalliteratur.
Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Erftstadt 2005 (Original 1905)
„Der spezifisch moderne okzidentale Kapitalismus nun ist zunächst offenkundig in starkem Maße durch Entwicklung von technischen Möglichkeiten mitbestimmt. Seine Rationalität ist heute wesenhaft bedingt durch Berechenbarkeit der technisch entscheidenden Faktoren: der Unterlagen exakter Kalkulation. Das heißt aber in Wahrheit: durch die Eigenart der abendländischen Wissenschaft, insbesondere der mathematisch und experimentell exakt und rational fundamentierten Naturwissenschaften. …
Denn wie von rationaler Technik und rationalem Recht, so ist der ökonomische Rationalismus in seiner Entstehung auch von der Fähigkeit und Disposition der Menschen zu bestimmten Arten praktisch rationaler Lebensführung überhaupt abhängig. Wo diese durch Hemmungen seelischer Art obstruiert war, da stieß auch die Entwicklung einer wirtschaftlich rationalen Lebensführung auf schwere innere Widerstände. Zu den wichtigsten formenden Elementen der Lebensführung gehörten in der Vergangenheit überall die magischen und religiösen Mächte und die am Glauben an sie verankerten ethischen Pflichtvorstellungen. …“
Überträgt man aber die wertfreie mechanistische naturwissenschaftliche Sichtweise (nur mit ihr kann berechnet werden) auf die Technik, die dann wiederum in der Industrie eingesetzt wird und dann die Arbeitsabläufe bestimmt, so wird dadurch (siehe Zitat aus Max Weber) stark in die Lebenswelt der beschäftigten Personen eingegriffen. Sie müssen einen Teil ihrer Persönlichkeit für die Arbeitszeit unterdrücken. Im Vordergrund stehen vom Menschen losgelöste betriebliche Werte.
In einer Lebenswelt können aber Gefühle und Wertvorstellungen nicht ohne negative Folgen ausgeklammert werden. Wird die Rationalisierung Selbstzweck und zur „Ideologie“ erhoben, muss das zwangsläufig zu der heutigen ökonomischen Sichtweise führen: Der Mensch ist nicht Mensch, sondern „humane Ressource“ oder „menschliche Unzulänglichkeit“. Dann ist es nur konsequent, ihn durch einen Roboter zu ersetzen.
Ein naturwissenschaftliches Ideengebäude kann frei von Emotionen und Werten sein, weil es ja nur ein Teil eines virtuellen Weltbildes ist und ergänzt wird. Ein Arbeitsplatz, an dem ein wesentlicher Lebensabschnitt stattfindet, muss alle Ebenen des Menschen die Person in ihrer Gesamtheit zulassen und berücksichtigen.
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updated Dezember 2007
© B.Bossert