Referendarausbildung

 

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Sieht man sich die Referendarausbildung allgemein und in Hessen im Besonderen an, so darf man nicht nachdenken und auch kein Nachdenken unterstellen. Sonst nimmt man Schaden an seiner Psyche.

Man muss nicht nur lernen und lehren, ohne zu wissen, wie das geht, sondern man muss sich auch noch dabei beobachten, was das heißt, etwas zu lernen und zu lehren, ohne zu wissen, wie das geht.
Dirk Baecker: Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt 2007

 

Paradoxe Situation

Es sind sich alle einig, dass mindestens eine zweijährige Ausbildung nötig ist, um gut unterrichten zu können. Darunter geht es nicht! Im Studium lag der Schwerpunkt eindeutig auf der fachwissenschaftlichen Seite, ergänzt durch einige Steckenpferde der Didaktiker (es gibt einige wenige Ausnahmen). – Da gibt es viel zu lernen.
Die Referendare müssten eigentlich unterrichtet werden – stattdessen unterrichten sie. Es sollte ein nachvollziehbares, zusammenhängendes (!) Lehr- und Lernkonzept der Ausbilder vorliegen und die Lernziele der Seminarveranstaltungen müssten operatinonal definiert werden – stattdessen werden Lernziele für den Schulunterricht formuliert. Jeder Ausbilder hat zudem sein individuelles Konzept mit speziellen methodischen Vorlieben.
In Hessen stehen am Ausbildungsanfang viele Module – Trockenübungen zu wichtigen Aspekten des Unterrichts bzw. der Sprung ins kalte Wasser. Möglichst viele dieser Einzelaspekte sollen im Schulunterricht bedacht und umgesetzt werden. Die Seminarausbildung wird diesen Ansprüchen selten gerecht, in Fachzeitschriften und Schulbüchern findet man kaum Beispiele, viele Ausbilder können das Gewünschte nicht vorführen, weil sie an einer reinen Oberstufenschule unterrichten.
Der Fehler war, Fachdidaktik als Wissenschaft zu etablieren. Falls sie gutes Handwerk wäre, wäre der Unterricht besser.
Falls es überzeugende Musterstunden der Ausbilder und einen stringenten Ausbildungsplan gäbe, könnte man dann bei jedem Fehler, der in der Nachbesprechung von Stunden angesprochen wird, auf das Datum der Vorführstunde bzw. der Seminarveranstaltung hinweisen, in der das hätte gelernt werden können. Man stelle sich vor, die Lehrlingsausbildung entspräche der Referendarausbildung – undenkbar!
Falls gutes Unterrichten angeboren ist – wofür dann die zwei Jahre?

Inhalte

Didaktische und methodische Vorstellungen sind nicht durch Untersuchungen oder gar Experimente überprüfbar, die in ihren Ansprüchen denen der Naturwissenschaften gleichen. Blickt man auf die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, so wird diese Ansicht durch den ständigen Wandel der Ansichten bestätigt. Was gab es schon für Heilsversprechungen.
Erlebt man Stundenbesprechungen, so ist immer alles ganz einfach: Es gibt richtiges und falsches Vorgehen, das man genau unterscheiden kann. Es geht nicht um ein Gesamtkonzept, sondern um Kleinigkeiten. Das Gesamtkonzept könnte man erwarten und verlangen (falls man die Grundsätze vorher genau erarbeitet hat – unter Berücksichtigung aller Modulaspekte) – die Kleinigkeiten sind Übungssache; sie wurden garantiert nicht im Seminar angesprochen und geübt.
D.h. vielen Ausbildern schwebt ein Idealbild vor, das es in der Realität nicht gibt und auch nicht geben kann. Es gibt für kein Thema in einer Klassenstufe „die richtige Stunde“. Das, was ganze Didaktikinstitute noch nie erreicht haben, sollen die Referendare leisten. Es gibt Planungen, deren Vor- und Nachteile man vorher (!) diskutieren kann. Auch wenn sich alle sicher wären, könnte die Stunde scheitern, weil die Klasse durch irgendein Ereignis kurz vorher negativ beeinflusst wurde, ein Gerät versagt, ...
Fachleiter decken ihre Unterrichtsverpflichtungen fast immer mit Leistungskursen ab. Wie sollen sie da vormachen, wie man eine Klasse der Jahrgangsstufe 8, die „keinen Bock hat“, unterrichtet. Vielleicht hätten sie auch ihre Probleme. Es gibt Fertigkeiten, die kann man sich nur durch Praxis und Theorie erwerben. Bei der Lehrlingsausbildung muss der Meister jederzeit in der Lage sein, die dem Lehrling gestellte Aufgabe zu bewältigen.
Wie skurril die Situation ist, sieht man wieder in der Praxis. Da soll für Gruppenarbeit, in der eine Fragestellung „problemlösend“ angegangen werden soll, ein „Fahrplan“ aufgestellt werden. 7.45h .... 7.52h ..... 8.10h .... – es sage niemand er habe das noch nicht erlebt! Wenn man einen solchen Plan verlangt, bedeutet das, dass alle Gruppen gleich schnell sind und Kreativität zwischen 8.12h und 8.20h explodiert und zwar bei allen gleichzeitig. Einstein hatte seine Ideen immer 16.12h.
In den Seminaren erfährt man nichts über John Deweys pädagogische Vorstellungen und seine Schulreform (seit ihm gab es nichts mehr zu sagen – und es wurde auch nichts mehr hinzugefügt), sondern es werden Binsenweisheiten zu Ideen stilisiert: Der Schüler ist ein „Lerner“, der nicht motiviert werden kann – nein, man kann ihm nur Hilfestellung geben, sich selbst zu motivieren. Er erfährt auch nichts über die Welt – alles sind Konstrukte. Das ist alles wichtig, aber auch selbstverständlich. Darüber kann man lange reden – aber erst wenn die Fundamente gelegt sind.

Falsche Fragestellung

Am Ende einer Vorführstunde sollte nicht die Frage stehen „Was haben die Schülerinnen und Schüler gelernt?“ sondern „Was haben die Referendarin und der Referendar gelernt?“

Wenn die Schülerinnen und Schüler „nichts“ gelernt haben, sind die Referendare schuld. Wenn die Referendare nichts gelernt haben, ... sind die Referendare schuld!? In der Schule ist eben immer alles ganz einfach.

 

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Domäne  Bossert



November 2006
© B.Bossert