Albrecht Dürers RHINOCERUS

Die von Erwin Panofsky in den beiden zitierten Artikeln vorgeschlagene Deutung eines Bildgegenstandes wird auf Dürers Holzschnitt eines Panzernashorns angewendet.
Vergleiche auch:
http://www.bossert-bcs.de/biologie/verhaltensanalyse/index.html

Die Interpretation ist nur eine Übung an einem Gegenstand, für den die Vorgehensweise entwickelt wurde, um die Methode dann später auf wissenschaftliche Bilder zu übertragen.

Albrecht Dürer Federzeichnung

Albrecht Dürer: Rhinoceron, Federzeichnung 1515

 

1. Form – formale Beschreibung

Neben der Vorzeichnung für den Holzschnitt fertigte Dürer auch die oben abgebildete Federzeichnung an. Beide sind ähnlich aber nicht identisch.
Durch den Druckvorgang werden die Seiten getauscht; auf dem Druckblatt sieht das Tier nach rechts. Man vermutet, dass der Druckstock (wahrscheinlich) aus Birnbaumholz von einem „Formschneyder“ angefertigt wurde.

Albrecht Dürer Holzschnitt

Albrecht Dürer: Rhinocerus, Holzschnitt 1515

 

Durch einen erläuternden Text wird es ein Flugblatt.
Dürer druckte seine Grafiken im Eigenverlag auf Vorrat. Vertrieben wurden sie über Händler, die Drucke auf Messen und Märkten feilboten. Der Preis eines Holzdruckes lag deutlich unter dem der Kupferstiche. Acht Auflagen (unbekannter Höhe) wurden gedruckt. Die Holzschnitte verkaufen sich so gut, dass sie gefälscht wurden.

„Das tote Nashorn kreuzte in genau dem richtigen Augenblick den Weg der europäischen Kultur, um zu einer Ikone ersten Ranges zu werden. Wäre es hundert Jahre früher auf der Bildfläche erschienen, bevor Gutenberg den Buchdruck erfand, Papier zu einem billigen Massenprodukt wurde und infolgedessen das Druckereiwesen seinen Aufstieg erlebte, wäre das Nashorn vielleicht von einem mittelalterlichen Allegoriker in Öl gemalt oder es wären denkwürdige Tusche- oder Kohlezeichnungen von ihm angefertigt worden, aber weder eine gemaltes noch ein gezeichnetes Bild von dem Tier hätte veröffentlicht werden können. Sein Porträt hätte kostbar und einzigartig die Wand im Haus eines Patriziers oder im Schloss eines Fürsten geschmückt und nur wenige hätten es zu sehen bekommen. Und wäre das Tier hundert Jahre später auf der Bildfläche erschienen, wäre es zu spät gekommen, um noch zu einer jener prototypischen Abbildungen anzuregen, die in der Gründungsphase des grafischen Drucks entstanden. In diesem Fall wäre das Nashornbild nur eines unter hunderten ähnlicher in den Sammlungen von Tierbeschreibungen des 17. Jahrhunderts gewesen und hätte keinen besonderen Eindruck gemacht.“
David Quammen

Quammens Überlegungen erklären allerdings nicht, warum gerade Dürers Darstellung so bekannt wurde und die anderen aus der gleichen Zeit nicht.

Einen guten Ansatz zur Betrachtung der Form erhält man durch den Vergleich mit zwei anderen Darstellungen, die zur gleichen Zeit auf der Grundlage der gleichen Informationen entstanden.

Giovanni Penni Rhinozerus 1515

Giovanni Penni: Rhinozeros, 1515

 

Hans Burkmair Rhinocerus 1515

Hans Burgkmair: Rhinoceros 1515

 

Dürers Holzschnitt zeigt das Tier, das mit einer Vielzahl von Formen und einer großen Fülle von Mustern ausgearbeitet wurde, auf einem nur angedeuteten Boden stehend. Der Schwanz des Tieres befindet sich nicht mehr auf dem Bild.

2. Anwendung der praktischen Erfahrung auf die Form

Die Interpretation wird von Emil Panofsky in mehrere Schritte gegliedert; die beiden primären Schritte gründen auf der Alltagserfahrung.

2.1 Primärer / natürlicher Bildgegenstand: tatsachenhaft

Das im Bild dargestellte (Sach – Sinn) ist leicht zu erkennen: es ist ein Nashorn zu sehen. Dieser Holzschnitt bestimmte lange Zeit die Vorstellung vom Nashorn in Europa und wurde in viele Bücher übernommen.
Nur das Tier ist abgebildet, „gegenseitige Beziehungen“, die auf Ereignisse schließen lassen, existieren nicht. Es entsteht auf den ersten Blick ein statischer Eindruck.

2.2 Primärer / natürlicher Bildgegenstand: ausdruckshaft

Versucht man mit Hilfe seiner Erfahrung die Gefühle (Ausdrucks – Sinn) zu deuten, so muss man in diesem Fall entweder stillschweigen oder anthropomorph vorgehen. Die Pose des Tieres und die Atmosphäre des Bildes beeindrucken stark. Da die Umgebung nur ganz leicht angedeutet ist und die Form sogar den Rahmen sprengt, konzentriert man sich voll und ganz auf das Tier. Es entsteht der Eindruck einer Drohung - das massige Tier (kompakter Körper verkürzt dargestellt) ist so kolossal, dass es das ganze Blatt füllt. Es entsteht der Anschein einer latenten Dynamik.
Die bedrohliche Vorstellung werden durch die Schrift (schnell, wild, tötet Elefanten) und durch die „Mimik“ verstärkt. Obwohl man von einer Mimik (Panzer) nicht sprechen kann, entsteht der Eindruck einer lauernden Aggressivität, der durch das steile Horn noch gesteigert wird. Konsequenterweise hat es Dürer entfesselt.

Nach dem ersten Eindruck verliert man sich in der Darstellung der vielen Einzelheiten. Hinter den haarigen Ohren erhebt sich ein kleines gewundenes Horn. Der Panzer ist stark strukturiert und trägt verschiedene Muster. Der Betrachter entdeckt ständig neue Einzelheiten.

3. Sekundärer / konventionaler Bildgegenstand

Bei der eigentlichen Interpretation wird er Sachsinn mit dem Bedeutungssinn verknüpft. Dabei greift man auf literarische Quellen zurück und berücksichtigt das Umfeld des Künstlers.

Dürer kannte das Nashorn nur von einer Skizze und einer angefügten Beschreibung (beide sind nicht erhalten), die von einem Augenzeugen stammten. Sie lagen wahrscheinlich auch den anderen Künstlern vor.

„Das Tier war im Mittelalter kaum Forschungsobjekt, sondern vor allem Bedeutungsträger. Es war Nahrung, Arznei, Bote von Heil oder Unheil und Verkörperung des göttlichen Willens. Dementsprechend wurde es für jeden, der über die verschiedenen Tiere belehrt werden wollte, abgebildet. Genau Beobachtung vermischte sich mit überlieferten Phantasien; die Lebewesen, die man täglich sah, stellte man in der Wiedergabe ohne Scheu neben das Einhorn, neben Seepferde, Sirenen oder Greife. Erst mit dem Beginn der Renaissance und damit der Neuzeit werden Pflanzen und Tiere um ihrer selbst willen gezeichnet.“
Beatrice Flad-Schnorrenberg

Es war die Zeit der Wunderkammern und Raritätenkabinette; Bücher mit Berichten und Beschreibungen botanischer und zoologischer Merkwürdigkeiten waren noch lange eine beliebte Lektüre. Illustrationen und Texte wurden nicht von Wissenschaftlern, sondern eifrigen Sammlern (eben Enzyklopädisten) zusammengestellt.

 „Dann wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie … „
Bis auf wenige Ausnahmen (Löwe, Nashorn) hielt sich Albrecht Dürer an seine Maxime und „malte nach der Natur“. Der Holzschnitt spiegelt die Sensation wieder (erstes lebendes Nashorn in Europa), zeigt wissenschaftliche Genauigkeit und präsentiert ein „selbstbewusstes“ Tier.

Da das exotische Tier in Europa weitgehend unbekannt war (bis auf eine Beschreibung von Plinius) hatte es keine symbolische Bedeutung (Motive als Träger einer sekundären Bedeutung) – der Eindruck, den es trotzdem hervorrief, ist auf seine überlegene Stärke (hat den Elefanten in die Flucht geschlagen) und seine zwei (!) Hörner zurückzuführen. Mit seiner Hörnerzahl übertraf es selbst das Einhorn!

Wir, die wir die allermeisten Tiere an Körpergröße übertreffen, sind immer wieder von großen Tieren fasziniert. Elefanten waren schon lange in Europa bekannt, das erste lebende Nashorn (eben „Dürers Nashorn“) erreichte 1515 Europa und lebte nur kurze Zeit. Die ersten lebenden Giraffen konnten erst viel später (1826 London, 1827 Paris, 1828 Wien) in Europa bewundert werden.

4. Wesenssinn / Dokumentsinn

Hier geht es um den Gehalt des Bildes. Welche Weltanschauung, welche Grundhaltung wird dokumentiert? Diese „Selbstoffenbarung“ ist intuitiv und sicher der subjektivste aller Deutungsanteile.

Im vorliegenden Fall ist diese Interpretation leicht. Die Renaissancezeit war der Beginn der Neuzeit – Albrecht Dürer war das beste Beispiel für Umbruch und Neubeginn in der Kunst.
Veränderungen gab es auf allen Gebieten – auch in der Gesellschaft. Da blickt man nicht nur voraus in eine ungewisse Zukunft, sondern ein wehmütiger, wir würden heute sagen romantischer Blick fällt auch zurück auf die vergangene Zeit.
Dürer arbeitete auch für Kaiser Maximilian I, den letzten Ritter. Maximilian war ein prunkliebender (immer verschuldeter) Renaissancemensch und gleichzeitig ein moderner Herrscher (Verwaltung seines Reiches), der einen ausgeprägten Hang zur Selbststilisierung (Idealbild des mittelalterlichen Ritters) hatte.

Dürer hat in Nürnberg in der Nähe der Schmiedgasse gewohnt, in der die Waffenschmiede ihre Werkstätten hatten. Er kannte sich gut in Waffen und Rüstungen aus – ein Fachmann hat mehr als 800 derartige Gegenstände in seinem Werk zusammengestellt.

Die Darstellung des Nashorns zeigt die Breitseite eines Kriegsrhinozeroses in einer lose aufsitzenden Panzerung mit Halsberge, einem Brustpanzer mit einer schönen Reihe von Nieten, Schutzplatten mit Ornamenten und Kettengliedern an den Beinen.

Es erscheint aggressiv, unverwundbar, wie geschaffen, Angst und Schrecken zu verbreiten. Eine Ikone des letzten Ritters und seiner Zeit – stolz und trutzig, aber gefangen, gefährlich, aber dem Untergang geweiht.

Literatur

T. H. Clarke: The Rhinoceros from Dürer to Stubbs, London 1986
Albrecht Dürer: Kunststück Natur, Prestel, München 2003
Lothar Dittrich et al.: Das Bild der Giraffe, Hannover 1993
Erwin Panofsky: Zum Problem der Beschreibung und Inhaltsdeutung von Werken der bildenden Kunst
Erwin Panofsky: Ikonographie und Ikonologie
beide in: E. Kaemmerling (Hrsg.): Bildende Kunst als Zeichensystem Band 1, Köln 1979
David Quammen: Die zwei Hörner des Rhinozeros, München 2001
Dieter Salzgeber: Albrecht Dürer: Das Rhinozeros, Hamburg 1999

 

 

Die beiden folgenden Arbeitsblätter wurden für den Biologieunterricht von 5. Klassen entworfen.

Arbeitsblatt
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        Arbeitsblatt Elefant
Download Arbeitsblatt Elefant als PDF-File
 

 

 Das Vorbild: Panzernashorn in der Wilhelma, Stuttgart
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Zwei Nashornfamilien (Breitmaulnashorn) mit Nachwuchs im Erfurter Zoo

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Spitzmaulnashorn im Frankfurter Zoo

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Domäne  Bossert

 

Januar 2008
(Ergänzung Fotos Mai 2008, Okt. 2009 und Feb. 2011)
© B.Bossert