Sexualkunde - aber wie

 

Vorüberlegungen

Wachstum, Entwicklung und Fortpflanzung sind Stoff des Biologieunterrichts. Ist der Mensch das Lebewesen, das untersucht wird, zeigt sich, dass es sich dann um ein „besonderes“ Thema handelt. Das hat zwei Gründe: „Das Lebewesen <Mensch> existiert in zwei Formen“ und die menschliche Sexualität unterliegt einer kulturellen Kontrolle.
Es ist schon schwierig, der Unterrichtsreihe einen Namen zu geben.
Sexualkunde ist ganz sicher ungeeignet. Sexualerziehung wäre fächerverbindend vorstellbar - bezogen auf das Fach Biologie ist es aber Hochstapelei (in Hessen ist der Biologieunterricht in Klassenstufe 6 einstündig).
Überträgt man die Kapitelüberschrift „Sinnesorgane und ihre Leistungen“ und formuliert „Geschlechtsorgane und ihre Leistungen“, so greift es zu kurz und man hat das Gefühl, dass die Formulierung unpassend ist.
Geht man von der Situation der Jugendlichen aus, so wären „Pubertätszeit“ oder „Lieber tot als 13“ (FR vom 18.01.2009) geeignet.

Bisher wurde, wie in den deutschen Biologieschulbüchern üblich, der Mensch isoliert betrachtet. In Frankreich ist das Thema weiter gefasst, bevor dann der Mensch in den Mittelpunkt rückt. Es steht viel Zeit zur Verfügung und Zusammenhänge werden deutlich. Die Themen sind:

            Reproduction sexuée et maintien des espèces dans leur milieu de vie
                        Conditions du milieu de vie et reproduction
                        Reproduction sexuée et fécondation chez les êtres vivants
            Transmission de la vie chez l´Homme
                        Devenir apte à se reproduire: la puberté
                        La fecundation dans l´espèce humaine

Die differenzierte Gliederung zeigt, dass Wahl und Anordnung der Inhalte naturwissenschaftlich ausgerichtet sind. Wie die drei Beispielseiten aus drei verschiedenen Schulbüchern zeigen, geht man von Phänomenen aus und der Stoff wird ausgebreitet. Die attraktiven Seiten wecken das Interesse und erlauben eine Unterrichtsarbeit, die sehr offen ist. Hier gibt es Anregungen und Ansätze, das biologische Wissen in den Lebenszusammenhang zu stellen und Wertungen anzusprechen.
Dieses Vorgehen halte ich für sehr überzeugend und die einzige angemessene Art für einen naturwissenschaftlichen Unterricht. Der Kern ist eine Vermittlung wissenschaftlich abgesicherter Fakten, die wie kaum ein anderes Thema den Jugendlichen direkt angehen. Aus dieser Betroffenheit heraus ergibt sich dann von selbst eine Erweiterung in den gesellschaftlichen Bereich und zu verschiedenen Anschauungen und Sichtweisen. Die Grenze sollte immer klar sein: auf der einen Seite gesichertes Wissen, auf der anderen durch kulturelle Vorstellungen (Familie, Religion, gesellschaftliche Rolle, Gruppe, …) bestimmte Sichtweisen, über die man diskutieren kann und zu denen jeder eine persönliche Einstellung finden muss.

Science de la vie Beispielseite

SVT

SVT Beispielseite

Man sieht, wie Schulbücher auch sein können: großzügig im Layout mit anregenden, aussagekräftigen Abbildungen.

 


Die Probleme und das Spannungsverhältnis kommen auch in den vielen Büchern zur Sexualität für Erwachsene und Kinder zum Ausdruck.

Die ersten Bücher wie
van de Velde, T.H.: Die vollkommene Ehe, Zürich 1926
beabsichtigten Aufklärung im doppelten Wortsinn.
Das Buch wurde angegriffen und der Verlag hatte das schon vorausgesehen, wie die Bemerkung zu einer Tabelle des Werkes (im Ausschnitt dargestellt) zeigt.

„Eine Uebersicht der Coitushaltungen und ihrer Eigentümlichkeiten bringt die Tabelle … auf Wunsch des Verlags in lateinischer Uebersetzung.“

Das Buch hatte 1930 schon die 51. Auflage erreicht, obwohl oder gerade weil es von der katholischen Kirche auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt war und von der Naziregierung beschlagnahmt wurde.

Ranke- Heinemann, Uta: T.H. van de Velde: Die vollkommene Ehe
in: ZEIT - Bibliothek der 100 Sachbücher, Frankfurt 1984

van de Velde

 

Das umstrittene „Sex-Buch“ Günter Amendts (Erstauflage 1979) fiel in die Zeit, da die Sicht auf Sexualität politisch bestimmt war: Frauen forderten sexuelle Selbstbestimmung, Pornografie wurde kontrovers diskutiert, Schwule waren noch ausgegrenzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Beispiel Buch
Amendt, Güter: Das Sex Buch, Berlin 1993

 

„Wie radikal der Umgang mit der Sexualität sich gewandelt hat, zeigt der Umstand, dass das Erröten in Gegenwart des anderen Geschlechts heute aus der westlichen Kultur vollkommen verschwunden ist und mit ihm auch der gesenkte Blick als Zeichen dieses Schamgefühls und der Unschuld.“
Hoo Nam Seelmann: Die Farbe des Verlangens, NZZ vom 15.08.2009

Blickt man auf die nicht endende Flut der „Sex - Bücher“ für Kinder und Jugendliche und ihre Besprechungen in den Tageszeitungen, so sieht man kein Buch, das rundum überzeugt. Man bekommt aber eine gute Vorstellung von dem, was man bei der Unterrichtsplanung bedenken sollte.

Der Unterricht hat gegenüber einem Buch den Vorteil, dass er interaktiv und flexibel ist. Bei der Grenzziehung, die immer wieder neu im Blick auf die Gruppe entschieden werden muss, sollte man sensibel Rücksicht auf die Kinder nehmen, aber auch an die hohe Zahl der Schwangerschaftsabbrüche (2008 in Deutschland 114.484 bei 682.524 Geburten) und die vielen „Kindermütter“ denken.

Im Hinblick auf Inhalte (Leonardo da Vinci - Koitusposition Längsschnitt?)
und Art der Darstellung („Zyklus Show“?) gibt es große Entscheidungsräume und keine „Patentrezepte“.

Leonardo da Vinci
Leonardo da Vinci: Anatomische Zeichnungen
aus der königlichen Bibliothek auf Schloß Windsor
Hamburger Kunsthalle 1979,
Gütersloh 1979

Alle nachfolgenden Vorschläge sollte man als Anregungen für den Unterricht der Klassenstufe 5 / 6 betrachten; aus dem Material kann man auswählen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und pro familia stellen Broschüren zur Verfügung.
http://www.bzga.de/?id=medien
http://www.profamilia.de/outputdb/10Beratungsstellen_&_Med._Zentren/10/354
Von ob gibt es ein Online-Schulprogramm.
http://www.ob-online.de/ob_geschichte/schulprogramm.jsc

 

 


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September 2009 / Ergänzung Dez. 2009
© B.Bossert