Die „neuen“ Entwicklungen sind alle alten Ursprungs. Seit John Dewey gab es keine grundsätzlich neuen pädagogischen Ideen - nur neue Verpackungen für Leute, die keine alten Bücher lesen.
So ist es auch mit den Standards. Der Curriculum Begriff des Schulbereichs geht auf John Franklin Bobbitts Buch „The Curriculum“ von 1918 zurück. Dort wird das Ideal einer ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung beschrieben - und das sollen die Standards ja auch erreichen.
"The central purpose of education is to develop the intellectual, emotional, and social understanding of all students. This purpose is accomplished by providing a system of aesthetic, physical, and cognitive education that enriches the individual lives of students, prepares them for the world of work, and promotes the common good of a democratic society."
http://www.schools.utah.gov/curr/main/default.htm
Es ist positiv, die Bedürfnisse der Heranwachsenden stärker in den Mittelpunkt der Überlegungen zu stellen. In der neuen „Konstruktion“ lauern aber auch neue Gefahren.
Für den Schulgebrauch tut man so, als wäre dieses Gesamtziel mit “Kompetenzen” zu erreichen; die sind sicher nötig, reichen aber zur Persönlichkeitsbildung nicht aus.
Ein weiterer Gefahrenpunkt ist, dass man vor lauter Sprach-, Sozial- und Methodenkompetenzen die fachlichen Inhalte so zusammenstreicht, dass man zwar small talk in einer weiteren Sprache „beherrscht“ und Texte markieren kann, die Informationen aber nicht zu Wissen vernetzt werden können, weil die Basis an Grundwissen zu klein ist.
Auf der anderen Seite ist es aber auch klar, dass die Lehrpläne oft zu umfangreich sind und Raum und Zeit für den Erwerb von Kompetenzen geschaffen werden müssen. Dazu können die Lehrpläne aber nicht einfach „entrümpelt“ werden, wie Politiker eilfertig vorschlagen, sondern müssen umstrukturiert werden. Inhalte und Methoden sollen ja eine Einheit bilden und nicht ohne Bezug nebeneinander stehen.
Reduktion der Inhalte, Verankerung von Kompetenzen, output - orientiert, Bezug zu den Lebensumständen
Für guten Unterricht war das bisher auch schon selbstverständlich. Wie schon gesagt, es gibt nichts Neues - liest man die „neuen“ Begründungen für Standards, fragt man sich, wie bisher die Schülerinnen und Schüler auch nur irgendetwas lernen konnten und wieso Deutschland ein bedeutendes Exportland ist.
Was man allerdings immer wieder neu überdenken kann, ist die Reduktion und Umstrukturierung der Inhalte. Betrachtet man die Fachwissenschaft Biologie, so hat lange Zeit die Faktenmenge exponentiell zugenommen - das ist auch jetzt noch der Fall. Aber die Datenmenge hat dazu geführt, dass man Muster und Prinzipien erkannt hat und damit in der Lage war, eine Grundstruktur zu erkennen. Die Kenntnis vielseitig anwendbarer Prinzipien erlaubt es, die Menge der „nackten“, isoliert dastehenden Fakten zu reduzieren. Man sieht, eine Reduktion verlangt eine vollständige Umarbeitung.
Dieses Vorgehen ist notwendig und bei sorgfältiger Planung vertretbar. Es besteht aber eine weitere Gefahr. Lernt man die Prinzipien exemplarisch an ganz wenigen Beispielen, hat man nicht verstanden, wie Biologen durch ein Zusammenspiel von vorsichtiger Induktion und deduktiven Vorhersagen arbeiten und kann folglich nicht einschätzen, wo die Grenzen liegen. Dadurch wird eine eigene differenzierte Beurteilung durch den heranwachsenden Staatsbürger nicht möglich und es bleiben nur überschwängliche Machbarkeitsvorstellungen oder totale Ablehnung (siehe Gentechnik).
In Nordamerika sind Standards schon lange in jedem Bundesstaat eingeführt. Man kann sich von dort Anregungen holen.
Es gibt ein reduziertes Kern - Curriculum (core curriculum) mit einem fachlichen Anteil (science benchmarks) und einem Bereich der Fertigkeiten und Einstellungen. Ob die Ziele erreicht wurden, wird mit „intended learning outcomes“ überprüft. Diese Tests orientieren sich an einer Reihe von „standards“, die eine Reihe von „objectives and indicators“ beinhalten. Mit Hilfe der „indicators“ beurteilt man, ob die „objectives“ und damit dieser Standardmodul erreicht wurde. Angefügt ist meist eine Liste von Fachbegriffen - „science language students should use“.
Die Standards aller Kompetenzbereiche eines Fachs müssen dann noch den einzelnen Jahrgangsstufen zugeordnet werden. Als Vorschlag für die Verteilung in den einzelnen Naturwissenschaften gibt es zwei großformatige Atlanten.
Natürlich gibt es auch Standards für Lehrerinnen und Lehrer - „standard-based science teacher“.
Man erahnt die Arbeit, die nötig ist - sie aber ermöglicht es auch, den einzelnen Schulen größere Freiräume zu gewähren.
Die folgende Liste ist ein Beispiel aus USA für die Strukturierung der fachlichen Inhalte des Fachs Biologie. Hinzu kämen noch die „science skills and attitudes“. Für den Erwerb fachübergreifender Kompetenzen und das Erarbeiten von Wertvorstellungen gibt es eigenständige Kurse.
1 Foundations of modern biology
1.1 Cell theory
1.2 Evolution
1.3 Gene theory
1.4 Homeostasis
2 Research
2.1 Structural
2.2 Physiological
2.3 Evolution
2.4 Taxonomy
2.5 Environmental
http://en.wikipedia.org/wiki/Biology
Die Listen der vielen unterschiedlichen Standard - Anforderungen stehen unverbunden nebeneinander - die Vernetzung ist die Aufgabe der einzelnen Lehrkraft oder das große neue Geschäft der Schulbuchverlage. Das ist beides nicht akzeptabel; die Vernetzung muss beim Entwurf gleich mit bedacht werden. Treten nämlich später bei der Umsetzung in der Praxis Schwierigkeiten auf, sind sie nur mit unverhältnismäßig großem Aufwand zu bewältigen; die Unterrichtseinheiten müssten dann für die schon fixierten Standards zurechtgebogen werden.
Wenn man die Grundzüge eines vernetzten Systems (Lebewesen) mit komplexer Methodik einem Konglomerat autopoietischer, eigendynamischer, nichttrivialer Systeme (Niklas Luhmanns Beschreibung einer Schulklasse) näher bringen will, so sollte sich die Komplexität und Dynamik des Vorgangs auch in der Komplexität und Vernetzung des Plans widerspiegeln.
Das leisten bisher weder die Pläne in Nordamerika noch die EPAs in Deutschland (siehe weiter unten).
Einen ersten Ansatz der Vernetzung gibt es unter
http://www.bossert-bcs.de/biologie/Lernen/lernen.htm

Hier wird versucht, Grundstruktur (Erschließungsfelder) mit Inhalten und ihrer Erarbeitung zu verknüpfen. Erarbeitet wird mit fachlichen (naturwissenschaftlicher Gedankengang) und fächerübergreifenden Vermittlungsmethoden. Das gewünschte Ziel (Persönlichkeitsbildung) steht rechts.
Dieser Vernetzungsansatz sollte weiter verfolgt werden.
http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/1989/1989_12_01-EPA-Biologie.pdf
Die „Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Biologie“ (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 01.12.1989 i.d.F. vom 05.02.2004) sind sehr umfangreich.
Ich konzentriere mich auf die Reduktion des Lernstoffs - d.h. auf die Themenbereiche und Basiskonzepte. Hier geht es um den fachlichen Kern.
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EPA Biologie |
Sample curricula - Biology |
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Themenbereiche Funktionszusammenhänge und deren molekulare Grundlagen - Themen aus der Physiologie, Zellbiologie, Genetik |
1 Foundations of modern biology
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Basiskonzepte Struktur und Funktion
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2 Research
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Die einzelnen Punkte sind in den EPAs jeweils kurz erläutert; aber sowohl die Themenbereiche als auch die Basiskonzepte passen auf eine DIN A 4 Seite. D.h. die Konzentration der Inhalte ist erreicht.
Nach der ersten verständlichen und nachvollziehbaren Begeisterung für die Basiskonzepte stellen sich Bedenken ein.
Der letzte Punkt soll genauer untersucht werden.
Die Definition von Konzept als „Entwurf, erste nicht endgültige Niederschrift“ macht klar, dass es sich um einen Strukturierungsentwurf handelt, um das komplexe System „Lebewesen“ zu begreifen und zu verstehen. Und Entwürfe kann es viele geben - jeder hat Vor- und Nachteile. Man kann sich streiten.
Manche der Konzepte sind aber gar kein Entwurf, sondern gesichertes Wissen (d.h. eine Modellvorstellung, die im Moment mehr oder weniger nah an der Realität ist). Das sind also Prinzipien, die erklären und mit deren Hilfe Voraussagen getroffen werden können. Über sie kann man nicht streiten.
Einige Konzepte benennen einen Funktionskreis des Systems Lebewesen (z.B. Reproduktion), der untersucht werden soll. D.h. bezeichnet einen Teilbereich des Untersuchungsobjekts. Durch Beobachtung und die Auswertung von Versuchsergebnissen erforscht man diesen Teilbereich und kommt zu erklärenden Prinzipien, die sich auch auf andere Funktionskreise des Lebewesens / aller Lebewesen anwenden lassen. Diese Prinzipien sind aber gleichfalls unter „Konzepten“ aufgeführt.
Dieser Fehler bei der Kategorisierung erklärt den letzten Punkt der Liste. Die willkürliche Reduktion und Zerlegung des Systems in Konzepte, Konstrukte, Erschließungsfelder, Verstehensfelder, Kurse der Oberstufe, … variiert von Land zu Land, von Kommission zu Kommission. Die Prinzipien, die die Funktionsweise der Teilsysteme erklären, sind gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnisse und sie sind dann natürlich auch das, was allen Entwürfen gemeinsam ist.
D.h. die EPA Biologie müssen überarbeitet werden.
Gregory Bateson geht in seiner „Ökologie des Geistes“ (Frankfurt 1985) mit Verhaltenswissenschaftlern schwer ins Gericht.
„Sofern die Verhaltenswissenschaftler noch immer die Probleme der Principia Mathematica (Whitehead und Russell 1910 – 1913) ignorieren, können sie für sich in Anspruch nehmen, seit annähernd sechzig Jahren hinter dem Mond zu sein.“
„Zunächst ist es angebracht, das Thema der logischen Typenlehre zu bezeichnen: Die Theorie besagt, dass keine Menge in der formalen Logik … Element ihrer selbst sein kann; dass eine Menge von Mengen nicht eine der Mengen sein kann, die ihre Elemente sind; dass ein Name nicht die bezeichnete Sache ist …“
Heute könnte man die Ausführungen auf die Verfasser der EPAs beziehen. Bei der Aufstellung der Basiskonzepte wurde das Ordnungsprinzip verletzt.
Der folgende Entwurf trennt Funktionskreise (= Konzepte) von Prinzipien, die sich bei der naturwissenschaftlichen Untersuchung erst ergeben. Gleichzeitig werden die Funktionskreise aber mit den Prinzipien der Funktionsweise gründlich vernetzt.
Mittelpunkt und Strukturierungsprinzip ist das Lebewesen / der Mensch.

Einen Funktionskreis kann und muss man bei Tieren auf verschiedenen Ebenen untersuchen. Der Mensch interessiert sich z.B. für Bewegungsabläufe; das ist seine frei gewählte Fragestellung. Er arbeitet an einem ausgewählten Untersuchungsobjekt und findet Prinzipien heraus - er entdeckt sie. Zum Prinzip kann das Untersuchungsergebnis aber erst durch viele Wiederholungen und Anwendungen bei anderen Objekten und anderen Funktionskreisen werden.
Es ist klar, dass die Funktionskreise einen Entwurf darstellen, der nicht naturgegeben ist. Auch die Auswahl und Anzahl der Prinzipien ist subjektiv; die Prinzipien selbst sind „Naturgesetze“.
Vorschläge für Prinzipien (noch unvollständige, erste Überlegung)
Verbindung von Struktur und Funktion ist in dem Raster enthalten - sie ist immer gegeben
Kompartimentierung ist wesentliches Element des Curriculums - Teil der Ebenen
Prinzipien des Stofftransports (Diffusion, carrier, entlang Gradienten, …)
Selbstorganisation (Virus, Protein, Membrangrundstruktur, …)
Prinzipien der Regulation: Rezeptor - Signalmolekül (supramolekulare Chemie)
…
Dieser Strukturierungsvorschlag hat den Vorzug, dass er neben der Vernetzung auch die innewohnende Dynamik stärker hervorhebt.
…). Die Zeit kommt also als Dimension hinzu. Das gilt erst recht für die Regulationsprinzipien - sie sind dynamisch und führen zur Vernetzung.
Die wiederholte Anwendung der Prinzipien zeigt die Dynamik und Vernetzung zwischen den Ebenen eines Organismus.
Dieser Vorgang wird in der folgenden Grafik verdeutlicht.

Bisher wurde ein einzelnes Lebewesen untersucht. In den Funktionskreisen sind aber schon Beziehungen zur Umwelt (Stoffwechsel, Kommunikation) angelegt. Diese Aspekte müssen noch verstärkt werden. Die Zusammenhänge wurden in der nachfolgenden Grafik skizziert.
Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen und Umwelt
Ortsveränderungen in der Zeit
Veränderungen der Zusammensetzung der Populationen in der Zeit
…
Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Lebewesen
Variabilität und Konstanz der Arten
Veränderungen der Umwelt
…

Diese neue Strukturierung ist nicht einfach, aber in sich schlüssig. Sie ist gut zu verstehen und auch gut anzuwenden.
Die Konzepte werden fortschreitend immer mehr zum System zusammengefügt; durch die Prinzipien, die allen Konzepten zugrunde liegen, werden die Grenzen der Funktionskreise aufgelöst. Das strukturierende Basiskonzept tritt in den Hintergrund, das biologische System tritt immer mehr hervor.
Das übergestülpte Strukturierungskonzept macht sich selbst überflüssig, indem es immer mehr zum System zusammenwächst.
Neben diesen günstigen Voraussetzungen besitzt es auch Vorzüge für die Schülerinnen und Schüler.
Hat man die Grundstruktur akzeptiert, besteht noch eine riesige Flexibilität - und die ist auch notwendig. Bevor einzelne konkrete fachliche Inhalte bestimmt werden, haben die anderen Entscheidungen Vorrang.
Wenn das entschieden ist, wählt man das geeignete Thema (konkreter Stoff).
Auch jetzt ist die Flexibilität noch groß.
Diese Freiheiten geben einen großen Spielraum - und bedeuten viel Arbeit. Wenn nicht eine Reihe von unterschiedlichen Beispielen ausgearbeitet wurde und zur Auswahl steht, muss von der Auswahl der Unterrichtsinhalte über die Vernetzung und unterrichtsmethodische Planung alles noch geleistet werden.
Als Hilfen können die oben dargestellte Vernetzung und der im Folgenden abgebildete Auswahlrahmen sein. Die Vernetzung muss aber unbedingt geleistet werden.
http://www.bossert-bcs.de/biologie/esf/esf.htm
Es sind zur Zeit zwei Curricula im Entstehen:
Europäisches Curriculum der Hessischen Europaschulen
http://www.europaschulen.de/index.php?id=107
National Curriculum Science in Großbritannien
http://www.nc.uk.net/webdav/harmonise?Page/@id=6004&Subject/@id=6321
In beiden gibt es Grundmuster und eine Fülle von anregenden Gedanken für Unterrichtsstunden - aber es gibt keine alles verbindende strukturbildende Vernetzung. Die Ideen stehen nebeneinander.
Ein Curriculum, das über kein einsichtig strukturiertes Basiskonzept verfügt, ermöglicht es später nicht, neue Informationen mit diesem Vorwissen zu prüfen und zu bewerten und dann damit das vorhandene Wissen sinnvoll zu erweitern. Das lebenslange Lernen wird zumindest erschwert.
Man muss versuchen, dass die „intended learning outcomes“ weit über die Schulzeit hinaus greifen.
„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“
Diese Bemerkung Erich Kästners ist „auf das Leben“ gemünzt, trifft aber in besonderer Weise auf den (Biologie-) Unterricht zu. Das Maß aller Dinge ist die Unterrichtsstunde, die Arbeit mit den Kindern - sie ist alles, was zählt. Die tollen Entwürfe, die Pläne, die klugen Ratschläge, die Absichtserklärungen, … sind alles Trockenübungen, die oft an der Praxis und noch öfter an den Kindern vorbei gehen.
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April 2008
© B.Bossert