In den 1920ern wurden „Gesetze“ aufgestellt, nach denen Menschen eine „Gestalt“ wahrnehmen. Die Vorstellungen lassen sich mit einiger Vorsicht auf Säugetiere übertragen (als Hypothesen). Lebewesen müssen in der Lage sein, in der Umgebung (d.h. vor einem Hintergrund) Gruppierungen von Elementen (Muster, „Gestalt“) als zusammengehörig zu erkennen, zu verarbeiten und geeignet zu reagieren.
Dieses erste Kapitel kann zur Information der Lehrkraft dienen; es kann aber auch im Unterricht der 5. Klasse bearbeitet werden. Fragestellungen könnten dann sein:
Welche Punkte gehören zusammen?
Warum hat man den Eindruck, dass sie zusammen gehören?
Erkennt man ein Muster?
Es wird eine Auswahl von Regeln vorgestellt; auf die Aussagekraft wird nicht eingegangen.
Das Gegenteil einer „Gestalt“ sind ungeordnete, nicht gruppierte Elemente.
![]()

Nähe
Sind Elemente nahe beieinander, so wird ein Muster erkannt und die Elemente werden als zusammengehörig empfunden.
![]()
Ähnlichkeit
Sind Elemente ähnlich, so werden sie als zusammengehörig angesehen.
![]()
Der Eindruck der Gruppierung wird verstärkt, wenn Nähe und Ähnlichkeit gegeben sind.
![]()
Geschlossenheit (Gestaltschluss)
Das menschliche Gehirn erkennt leicht Elemente, die sich zu einer Figur, einem Muster schließen lassen und interpretiert sie als zusammengehörig.

Zusammenhang / gemeinsamer Bereich
Gesteigert wird die Empfindung eines Musters, wenn Elemente verbunden sind oder in einem geschlossenen Bereich liegen.
![]()
![]()
Gute Fortsetzung (Kontinuität) / Einfachheit
Unter „guten Gestalten“ verstehen Gestaltpsychologen einfache und damit leicht zu beschreibende Linien ohne Knick und leicht zu erkennende und zu beschreibende Strukturen wie Kreise und Quadrate.


Die beiden Linien werden so wahrgenommen als folgten sie einem „guten“ Weg. Der Betrachter geht nicht davon aus, dass an dem Schnittpunkt ein Knick entsteht.
Obwohl man eine einheitlich graue Fläche sieht, interpretiert der Betrachter sie als Rechteck und Kreis, die sich überschneiden. In die Wahrnehmung fließt Erfahrung ein.
Kontext / Erfahrung

Das Gehirn arbeitet so, dass zuerst unbewusst versucht wird, etwas Bekanntes zu erkennen. Dazu sind natürlich abgespeicherte Erfahrungen Voraussetzung. Die Wahrnehmung wird dann bewusst.
Die Ergänzung eines Buchstabens wäre schwer bzw. vieldeutig. Im Zusammenhang ist das Erkennen leicht.
Einschub (Siehe am Ende diese Artikels)
Gemeinsame Bewegung / „gemeinsames Schicksal“
Bewegen sich Elemente mit gleicher Geschwindigkeit in eine Richtung, so werden sie als eine Einheit (Gestalt) wahrgenommen.

Die ausgewählten Beispiele waren sehr einfach und dadurch sehr abstrakt. Normalerweise wird man zwei benachbarte Kreise nicht eine „Gestalt“ nennen.
Die folgende Gestalt ist leicht zu erkennen – wieso? Welche Regeln der Objekterkennung sind erfüllt?

Das Fernsehbild besteht aus vielen Bildpunkten. Die Bildpunkte, die einen Menschen darstellen, bilden ein bestimmtes Muster und werden von uns nach den oben aufgelisteten Regeln von der Umgebung unterschieden und isoliert – der Mensch / das Auge wird erkannt.

Von der kognitiven Hirnforschung wird die Abbildung und Verrechnung der Pixelebene der Bilder im Netz der erregten Neuronen verfolgt (rezeptive Felder, laterale Inhibition).
Grafiker beachten die aufgezählten Gestaltungsregeln bei dem Layout von Texten, dem Entwurf von Plakaten und der Erstellung von Internetseiten. Beachtet man die Regeln nicht, hat der Betrachter Schwierigkeiten und die Werbebotschaft wird schlecht vermittelt.
Ein Tier, auf dessen äußeren Bau (Gestalt) möglichst wenige der unter 1.1 aufgezählten Punkte zutreffen, wäre schlecht zu erkennen – es wäre getarnt.
Wie viele Pferde erkennt man auf den ersten Blick?

aus: Irvin Rock and Stephen Palmer: The Legacy of Gestalt Psychology, Scientific American, 12/1990
Das unregelmäßige Fellmuster in der unregelmäßig gemusterten Umgebung, die Übereinstimung der Farben von Tier und Umgebung und die durch den Schnappschuss „eingefrorene Bewegung“ führen dazu, dass Tier und Umwelt (benachbarte Tiere auch) ineinander übergehen. Wenn die Grenzen der Tiere aufgelöst werden, löst sich auch ihre Gestalt auf.
Die Abbildung beeindruckt, ist aber ein sehr künstliches Arrangement. Nur in einem begrenzten Gebiet (Bodenart) und zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt (Schneeschmelze) wird es dieses Muster der Umgebung für kurze Zeit geben.


Auch diese beiden Bilder – Alpenschneehase und Wildkaninchen – zeigen Tiere, die nur in einer entsprechenden Umgebung und Jahreszeit getarnt sind. Das Wildkaninchen zeigt das ganze Jahr über das gleiche Aussehen; es hält sich meist in der Nähe seines Erdbaus auf. Beim Alpenschneehasen wechselt das Aussehen: er hat ein „Sommer- und ein Winterkleid“. Für den Hasen wäre es von Vorteil, wenn in der Übergangszeit eine zu seiner momentanen Fellfarbe passende Stelle aufsucht und sich dort reglos verhält (Jägersprache: sich in die Sasse drücken).
Aussehen, Umgebung und Verhalten müssen sich entsprechen.
Die Tarnungsstrategie eines Beutetieres muss außerdem zum Räuber „passen“. Der menschliche Jäger versucht die Beute zu sehen – Sinnesorgan Auge. Sein Hund schnüffelt nach Spuren – Sinnesorgan Nase / Geruchsinn. Bestimmte Schlangen – siehe http://www.bossert-bcs.de/biologie/WSO/wso6.htm - besitzen ein Wärmesinnesorgan. Die Schleiereule fängt Mäuse nur nach dem Gehör.
Aussehen und Verhalten bestimmen auch die Attraktivität gegenüber dem Geschlechtspartner – zwischen Tarnfarbe und „Brautkleid“ kann es zu Widersprüchlichkeiten kommen. Viele Vogelarten zeigen einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus: die Männchen sind auffällig gefärbt, die Weibchen getarnt.


Feldmaus Frischlinge
Die Feldmaus ist tag- und nachtaktiv; Wildschweine sind ausschließlich nachtaktiv und sehr scheu.
D.h. die Tarnung des Wildschweins wird durch das besondere Verhalten wirkungsvoll unterstützt.
Nicht nur Beutetiere haben durch Tarnung Vorteile, sondern auch Räuber.
siehe http://www.bossert-bcs.de/biologie/bioun05.htm
und http://www.bossert-bcs.de/biologie/zoobesuch/ZOOLoewen.pdf
Das Tier ist nicht einseitig von der Umwelt abhängig, sondern es besteht eine Wechselwirkung. Manche Tiere können die Umwelt gezielt verändern (Biber), Konkurrenten verdrängen (eingewanderte Arten) oder das Verhalten ihres Wirtes verändern (Leberegel – Ameise).
Tarnung ist nur eine von vielen Möglichkeiten, Vorteile zu erlangen. Weitere Eigenschaften können die Chancen erhöhen: Leben in Sozialverbände, Art des Fluchtverhaltens (Totstellreflex, Selbstverstümmelung), Schutzpanzer, Warnsignale verbunden mit chemischer Verteidigung, Täuschungssignale (z.B. Augenflecken) und viele andere Angepasstheiten.
Auf all diese Einheiten von Struktur und Funktion muss die Sichtweise, die bei der Tarnung dargestellt wurde, angewendet werden.

von Clint Twist, Wiesbaden 2007
Frage und Titel der Übersetzung sind verkaufsfördernd, aber „unbiologisch“.
Vergleiche: http://www.bossert-bcs.de/biologie/knochenkamm/index.html
Der engliche Titel ist besser: Animal Touch – Slimy Creatures
Wenn man auf die Fensterfläche drückt, wabbelt der Schleim. Das Buch geht mit vielen Abbildungen auf Vorkommen und die verschiedenen Funktionen einer Schleimschicht ein. Es ist ein Merkmal, das in vielen Tiergruppen und auch beim Menschen (Schleimhäute) vorkommt und natürlich in derselben Sichtweise untersucht werden muss.

30. Oktober 2010
© B.Bossert