an den Beispielen
„Symbiose beim Rind“ und „Artgerechte Haltung“
Die Probleme, die bei der Umsetzung von vorgegebenen fachlichen Inhalten in die Unterrichtspraxis auftreten, werden an zwei Beispielen der Lehrpläne G9 und G8 dargestellt. Sie treten natürlich auch in Zukunft bei der Umsetzung von Inhaltsfeldern auf – wahrscheinlich in noch höherem Ausmaß.
Diese Annahme soll begründet werden. Bei der didaktischen Wahl gerade eines bestimmten fachlichen Inhalts haben die Verfasser sicher einen bestimmten Grund (Schwerpunktsetzung) gehabt und auch schon an die Eignung für methodische Umsetzungen und die dabei zu erwerbenden Kompetenzen gedacht. Das alles und auch Ideen zur Hinführung zu der Problemstellung, sind aber nicht Gegenstand der Inhaltsfelder. Die Umsetzungsarbeit der einzelnen Lehrkräfte und auch der Kollegien, wird zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Die Unterrichtsstunden unterscheiden sich dann von den Methoden her und vor allem auch im Anforderungsgrad. Beides kann man positiv sehen und ist wahrscheinlich politisch auch erwünscht, um die Zahl der Abiturabschlüsse zu erhöhen. – Ökonomisch ist es aber nicht; warum skizzieren die Verfasser nicht ihre Vorstellungen, von denen sie ausgehen? Sie müssten ja nicht verbindlich sein.
Sprechen Lehrer über fachliche Inhalte – z.B. mögliche Infektionswege des EHEC - Erregers und wie es zu Bakterienresistenzen gegen Antibiotika kommen kann, so haben alle Beteiligten die gleichen Bilder vor Augen. Bei dem Gespräch gibt es keine Unklarheiten – es geht um biologisches Fachwissen.
Spricht man über „eine Stunde zu EHEC“, so sieht jeder Beteiligte „seine“ Stunde, die er einmal gehalten hat bzw. die mögliche Planung einer solchen Stunde vor seinem geistigen Auge. Wenn man jetzt diskutiert, kommt es zwangsläufig zu Missverständnissen – es geht um Anschauungen, Erfahrungen, Wertungen und Handwerk.
Das folgende Bild von Renate Krause veranschaulicht das Problem.

Ein ergiebiges Gespräch ist erst möglich und sinnvoll, wenn jeder Beteiligte seine Vorstellungen kurz umrissen hat. Dann könnte immerhin ein Abwägen der Vor- und Nachteile stattfinden. – D.h. ausführliche „Handreichungen“ von Seiten der Kommission, von der der Entwurf stammt, wären hilfreich (in vielerlei Hinsicht).
Bei dem G9-Lehrplan Biologie für das Gymnasium in Hessen war das auch im Gespräch. Dann kam es aber ganz anders, der Umfang des Lehrplanes, dessen ursprünglicher Entwurf viele Hinweise und Erläuterungen enthielt, wurde stark gekürzt, die Handreichungen entfielen.
In der Praxis ist es ganz selten, dass sich Kollegien hinsetzen und ein Schulcurriculum völlig neu erarbeiten – das ist bei der Belastung auch kaum möglich. Vielmehr arbeitet man eine zeitlang weiter wie bisher und wartet auf die neuen Schulbücher und auf zentrale Aufgabenstellungen. D.h. ganz konkret für das Bundesland Hessen, dass das Kultusministerium einen vieldeutigen Rahmenplan vorgibt und die konkrete Umsetzung, die den Plan ja erst mit „Leben erfüllt“ von einem Schulbuchverlag in Stuttgart und Braunschweig übernommen wird. Da das in allen Bundesländern ähnlich ist, liegt in diesem so wichtigen Fall die sogenannte Kulturhoheit der Länder bei den Verlagen.
Aus dem letzten G9-Lehrplan (Hessen) für die Klassenstufe 5 (nicht mehr gültig) ist hier ein Ausschnitt abgebildet.
Verbindliche Unterrichtsinhalte/Aufgaben: |
|
Gestalt, Merkmale – Verbindung von Struktur und Funktion Ethogramm eines Säugetieres
Evolution und Domestikation
Innerer Bau
Nahrungsaufnahme und Verdauung
Fortpflanzung und Entwicklung
|
Tarnung und Wärmehaushalt z.B. des Eisbären Beobachtungen am Hund, Abgrenzen verschiedener Verhaltensweisen Abstammung des Hundes, Zuchtziele, Domestikationsmerkmale Skelett, Muskeln, andere Organsysteme – eine Bestandsaufnahme (Hund oder Pferd oder Schwein)
Art der Nahrung und Bau der Verdauungsorgane im Vergleich: Hund – Rind oder Pferd – Rind (Nahrung, Gebiss, Verdauungsorgane, Symbiose) Brunft, Paarungsverhalten |
Der Abschnitt „Nahrungsaufnahme und Verdauung“ und hier der Unterpunkt „Symbiose“ werden herausgegriffen.
Bei der Abfassung des Lehrplans hatten wir uns gedacht (ich war federführend für die Lehrplangruppe), dass man sich wundert, wenn man bei einem geschlachteten Rind die riesige Menge an Verdauungsorganen findet und bei näherer Untersuchung vier Magenabteilungen unterscheiden kann.
Man fragt sich nun sicher nicht „Wie heißen die Einzelmägen?“, sondern ist neugierig und überlegt „Wozu „benötigt“ das Tier vier so unterschiedliche Mägen?“ – „Welche Funktion haben sie?“
Der Weg der Nahrung alleine (Struktur ohne Funktion) ist sinnlos.
Nun können die Kinder ungehemmt Vorschläge zu Untersuchungen machen: Proben entnehmen, Nahrung – wiedergekäute Nahrung – Kot untersuchen, das Rind eine kleine Kamera verschlucken lassen, Proben der Mageninhalte eines frisch geschlachteten Tieres entnehmen und untersuchen, …
siehe:
http://www.bossert-bcs.de/biologie/modellrind/index.htm
Nun will ich natürlich nicht sagen, dass das Thema immer und nur so unterrichtet werden sollte. Ich denke aber, dass das Konzept einen Eindruck von dem anvisierten Anspruch gibt.
Mit einigem Nachdenken und kleinen weiteren Untersuchungen (z.B. Verdauungsorgane eines Kaninchens) kann man dann eine Fülle von Beobachtungen erklären.
Warum ist es vorteilhaft, dass Kaninchen ihren Kot (die eine Sorte) fressen?
Warum kann man Pferde nicht nur mit Heu / Gras ernähren?
In welcher Reihenfolge wandern die Tierarten der großen gemischten Herden in der Serengeti? Welche Vorteile ergeben sich dadurch für die einzelnen Arten?
Welche Parallelen gibt es zwischen den Nahrungsorganen eines Rindes und einem Bioreaktor?
Wie kommen die Bakterien und Wimpertierchen in das Kalb?
…
Dieses konkrete Beispiel zeigt in deutlicher Weise, wie weit die Absichten bei der Erstellung eines Plans und die konkrete Umsetzung durch Schulbücher auseinander klaffen.
Hier wird der entsprechende Abschnitt aus dem Lehrplan G9 und G8 (wiederum Hessen) wiedergegeben.
|
6.5 |
Haltung und Pflege von Tieren |
Std.: 4 |
|
Begründung: Den Schülerinnen und Schülern soll bewusst werden, dass sie bei der Heimtierpflege die Biologie der Tiere kennen und berücksichtigen müssen. Die bisher erworbenen Kenntnisse sind anzuwenden. Es soll den Schülerinnen und Schülern bewusst werden, dass mit dem Kauf eines Heimtieres Verantwortung übernommen wird. Die genaue Kenntnis schützt sowohl Tiere als auch Menschen. |
Verbindliche Unterrichtsinhalte/Aufgaben: |
|
|
Artgerechte Haltung Verantwortung |
Kenntnisse von Physiologie und Verhalten sind notwendig Verantwortung gegenüber Tieren und Mitmenschen |
Fakultative Unterrichtsinhalte/Aufgaben: Tierhaltung in der Landwirtschaft und zoologischen Gärten oder ähnlichen Einrichtungen |
Arbeitsmethoden der Schülerinnen und Schüler / Hinweise und Erläuterungen: Anwendung erworbenen Grundwissens auf konkrete Fälle |
Die Kapitelüberschrift „Haltung und Pflege von Tieren“ ist wirklich erklärungsbedürftig, soll sie nicht zu den üblichen Haltungserzählungen von Meerschweinchen führen. – Aber es wurde zu dem Zeitpunkt der Abfassung noch mit den Handreichungen gerechnet.
Bei dem Übergang von G9 nach G8 ist die Lehrplangruppe aus Protest gegen die vom Kultusministerium beschlossene Stundenkürzung geschlossen zurück getreten.
Die nachfolgende Gruppe hat diesen Abschnitt gekürzt zu
Haltung und Pflege von Tieren Artgerechte Haltung
und als Unterpunkt von „Körperbau und Lebensweise der Säugetiere“ nach 5G.2 verschoben.
Bevor ich auf die Folgen dieser Änderung eingehe, skizziere ich erst noch die Unterrichtsstunden, an die wir bei dem ursprünglichen Plan gedacht hatten.
Die Schüler sollten bei dieser kleinen Untereinheit das, was sie über Wirbeltiere und ihre Lebensweise gelernt hatten, auf einem Gebiet, für das sie sich interessieren, anwenden. Kinder und Jugendliche dieser Altersstufe sind an der Haltung und Pflege von Tieren interessiert.
Am Ende der Beschäftigung mit den Wirbeltieren kann in einem Rückblick die folgende Tabelle erarbeitet werden. Man kann dann die rot markierte „Treppe“ einzeichnen und diskutieren, ob sie eine Bedeutung und wenn ja welche hat. Die Formulierungen sollten mit viel Überlegung gewählt werden. Die Merkmale und Eigenschaften sollten als Vorteile, nicht als „Höherentwicklung“ oder gar angestrebte Ziele interpretiert werden.

Die Haltung oder gar die Zucht von Amphibien und Reptilien muss selbstverständlich die Bedürfnisse, die man aus dem bisher erworbenen Wissen ableiten kann, berücksichtigen.
Die Haltung von Fischen (Aquarium als Ökosystem) wird an anderer Stelle ausführlich besprochen.
Auf Wunsch der Schüler könnte man auch auf die Vogelhaltung (Käfig mit waagrechten Stäben, keine Zugluft, Körnerspelzen täuschen einen noch vollen Futternapf vor) eingehen.
Ein Arbeitsblatt, das die Einrichtung von Terrarien zeigt, wird ausgeteilt. Je nach zur Verfügung stehender Unterrichtszeit können die drei in einem Unterrichtsgespräch verglichen und besprochen werden oder einzelne Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit einem Terrarium und stellen dann ihre Ergebnisse vor.
Die Abbildungen stammen aus:
Zimmermann, Elke: Breeding Terrarium Animals, Neptun City 1986
Die Abbildungen bieten viele Ansatzpunkte für Fragen und Überlegungen.
Für welche ganz verschiedenen Tiere ist Terrarium 1 geeignet?
Welche Pflegemaßnahmen sind bei allen dreien, welche besonderen bei einzelnen Terrarien durchzuführen?
Warum ist es günstig bei Terrarium 3 die Lampe über einer Ecke anzubringen?
Kann man die Größen, die Kosten abschätzen?
Warum ist es günstig, bei Terrarium 2 ein Filter einzubauen?
Warum werden so viele Wasserschildkröten ausgesetzt?
…



Nach dem Lehrplan G8 ist diese Unterrichtseinheit nicht mehr möglich – weil das Thema ein Jahr vorverlegt wurde und weil die benötigten Inhalte teilweise gestrichen wurden.
Diese Unterrichtseinheit ist nach dem Lehrplan G8 noch möglich.
Was ist bei einem Haustier artgerecht? Mit einer gewissen Vorsicht kann man aus Beobachtungen des Wolfs mit einigen Vorbehalten Anforderungen an eine ideale artgerechte Haltung eines (großen) Hundes ableiten.
Artgerechte Hundehaltung
Mit der Haltung eines Haustieres übernimmt man Verantwortung. Das Tier sollte sich wohlfühlen. Zoos versuchen dafür, den natürlichen Lebensraum nachzubilden und versuchen, dem Tier ein Leben, ähnlich dem in freier Wildbahn, zu ermöglichen.
Die folgenden Zitate und Zusammenfassungen stammen aus:
Erik Zimen Der Hund, München 1988
Erik Zimen Der Wolf, München 1990
Lies sie durch, markiere wichtige Gesichtspunkte und überlege, welche Folgerungen man aus den Beobachtungen für die artgerechte Hundehaltung ziehen muss. Manches wird sich in der Praxis nicht verwirklichen lassen, sondern man wird einen Ersatz suchen müssen.
1. Wölfe leben in Rudeln von 5 bis 10 Tieren (Sommer). Im Wolfsrudel halten vor allem die Jungen und die ranghohen Alten eng zusammen. Je nach Nahrungsangebot können sich die Alten für Stunden bis ausnahmsweise auch mehrere Tage trennen und einzeln auf die Jagd gehen. Die Jungen bleiben dagegen ständig beisammen, oder sie schließen sich einem älteren Wolf an. Bis zum Alter von acht bis zehn Monaten ist daher ein Wolf nie allein.
2. Im Rudel gibt es eine Rangordnung; es wird von dem Leitwolf geführt.
3. Mit einer Geschwindigkeit von sechs bis acht Kilometer in der Stunde durchstreifen die Wölfe ihr Revier, zumeist im Trab. Je Wandertag erreichen sie leicht 50 km; wenn sie eine größere Beute erlegt haben, bleiben sie einige Tage in der Nähe.
4. Bei Wölfen gibt es keine festgelegten Zeiten des Jagderfolgs. Wölfe können wochenlang ohne Nahrung auskommen und sich dafür binnen kurzer Zeit bis zum Hals voll fressen. Sie fressen Tiere jeder Größe und auch Aas; da ein Wolf pro Tag durchschnittlich 2,5 kg (auch Knochen, Fell, Mageninhalt) frisst, ist das Rudel auf Großwild angewiesen.
In einem Unterrichtsgespräch oder in Gruppenarbeit kann man Folgerungen für die Haltung eines Hundes ziehen.
Eine andere, für die Lehrkraft viel aufwändigere Lösung wäre die Ableitung der Ansprüche und des Verhaltens von Wölfen aus Zeitungsartikeln über nach Deutschland und die Schweiz eingewanderte Tiere.
Deutschland
Nach dem 2. Weltkrieg wanderten selten einzelne Tiere in die DDR ein.
Seit 1998 sind Wölfe in ganz Polen unter Schutz gestellt, vermehren sich und breiten sich auch nach Westen aus. Junge Wölfe verlassen meist im Alter von ein bis zwei Jahren ihre Familie und suchen sich ein freies Gebiet.
1996 wanderte ein Wolf nach Sachsen ein, später folgten mehrere Tiere.
Seit 2000 beobachtet man auch Jungtiere. Heute leben in Sachsen und den Grenzgebieten sechs Wolfsrudel.
Schweiz
2002 Einzeltier aus Norditalien eingewandert, Schätzung für die Schweiz (2010) 15-20 Tiere
Kopierte Artikel könnten in Gruppen ausgewertet werden. Es ergäbe sich eine vielfältige Diskussion, weil auch die Befürchtungen der Bewohner mit berücksichtigt werden könnten.
Die umfassenden Lösungswege zum Schutz der Schafherden, die in der Schweiz beschritten werden (Kombination von Herdenschutzhund und Hütehunden) gäbe einen interessanten Ansatzpunkt für eine Diskussion, was „artgerecht“ für einzelne Hunderassen bedeutet.
Ein Herdenschutzhund (Montagne des Pyrénées, Maremmano Abruzzese) lebt immer in der Schafherde und kann und soll nicht erzogen werden. Die Hütehunde sind gut ausgebildet und unterstützen die Arbeit des Schäfers.
Die Beispiele zeigen, dass konkrete Hinweise nützlich wären und auch nur mit ihrer Hilfe deutlich wird, welche Absichten mit dem Plan angestrebt werden.
Die Gefahr bestand schon immer, dass Absichten als Realität verstanden wurden, schöne Formulierungen als Einlösung des Versprochenen und so von der Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit abgelenkt wurde (Blankertz). – Und das wird auch jetzt bei den Inhaltsfeldern wieder der Fall sein.
|
24. Juni 2011
© B.Bossert