Es wird dargelegt, wieso es sehr schwierig ist, Fachartikel zu verstehen.

Der einzelne Naturwissenschaftler forscht meist auf einer der unteren Ebenen (Atombausteine, Atome, Moleküle); durch „concepts and experiments“ entsteht ein Modell eines winzigen Ausschnitts der Realität. Das Leben und die Erfahrungen des einzelnen Menschen finden aber in den oberen Systemen statt.
So unterschiedlich die sich immer weiter aufsplitternden naturwissenschaftlichen Fachgebiete von den Untersuchungsgegenständen und damit auch den Arbeitsmethoden sind, so einheitlich ist seit Galilei die Methodik, die naturwissenschaftliche Denkweise, mit Beobachtung, Fragestellung, Hypothesenbildung, einer Serie von Experimenten, Deutung der Versuchsergebnisse, Theoriebildung* , Prüfung durch weitere Experimente und das Ziel: ein in sich geschlossenes naturwissenschaftliches Gesamtsystem.
„Wir haben von unseren Vorfahren das heftige Streben nach einem ganzheitlichen, alles umfassenden Wissen geerbt. Bereits der Name der höchsten Lehranstalten erinnert uns daran, dass seit dem Altertum und durch viele Jahrhunderte nur die universale Betrachtungsweise voll anerkannt wurde ...“
Erwin Schrödinger
Das fertige Ergebnis wird am Ende gleichsam in ein „Formblatt“ eingetragen, das für die Entstehungsgeschichte (Intuition, Fehlschläge, Umwege, Zweifel, ... ) keine Rubrik aufweist.
„Ich musste mich vergleichen einem Bergsteiger, der, ohne den Weg zu kennen, langsam und mühselig hinaufklimmt, oft umkehren muss, weil er nicht weiter kann, der bald durch Überlegung, bald durch Zufall neue Wegspuren entdeckt, die ihn wieder ein Stück vorwärts leiten, und endlich, wenn er sein Ziel erreicht, zu seiner Beschämung einen königlichen Weg findet, auf dem er hätte herauffahren können, wenn er gescheit genug gewesen wäre, den richtigen Anfang zu finden. In meinen Abhandlungen habe ich natürlich den Leser dann nicht von meinen Irrfahrten unterhalten, sondern ihm nur den gebahnten Weg beschrieben, auf dem er jetzt ohne Mühe die Höhe erreichen mag.“
Hermann von Helmholtz
Nicht die einzelnen beobachteten Tatsachen und Versuche haben einen Wert - Ziel der naturwissenschaftlichen Forschung ist eine Theorie, die es erlaubt, in einem bestimmten Rahmen Voraussagen zu machen. Unter einer „Theorie“ verstehen Naturwissenschaftler eine gesicherte Erkenntnis.
Die Summe der Ergebnisse jahrelanger Forschung werden deshalb in einem Schema, einer Formel auf den Punkt gebracht.
Für den Wissenschaftler ist es selbstverständlich, dass seine Darstellung eine momentane Wahrheit wiedergibt und es nur ein kleiner Beitrag ist, der von dem kundigen Leser in den Gesamtzusammenhang gestellt wird diese Dinge sind nicht der Erwähnung wert. Da es sich um eine reine Sachanalyse handelt, fehlen Hinweise auf emotionale, irrationale Aspekte der vorausgegangenen praktischen Arbeit und jede u.U. dringend notwendige Wertanalyse.
Diese Art der Darstellung befremdet den Laien und das abstrakte hochkonzentrierte Endergebnis bereitet Verständnisschwierigkeiten.
Wird das Einzelergebnis als kleines Mosaiksteinchen in den Gesamtzusammenhang des großen Denkgebäudes eingesetzt, so entstehen durch die resultierende Komplexität zusätzliche Verständnisschwierigkeiten.
Für Umsetzung und Anwendung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wurde ein riesiges Spezialgebiet geschaffen - die Technik. Es ist eine gigantische Umsetzungsmaschinerie, die Großindustrie, nötig, um ein einfaches Grundlagenexperiment oder eine Formel (z.B. Kernspaltung –> Kernkraftwerk, Wirkstoff > Medikament) in ein brauchbares Produkt des täglichen Lebens zu überführen. Der Ausgangspunkt, die reine Formel, ist vielfach modifiziert und am Ende für den Verbraucher nicht mehr sichtbar.

In diesem Schema ist der Ablauf zusammengefasst. In z.T. jahrelanger Arbeit und durch das Bemühen vieler Arbeitsgruppen gelingt es den Naturwissenschaftlern eine Theorie in Formelform zu erarbeiten und abzusichern. Dieses Ergebnis, symbolisiert durch den zentralen roten Punkt, wird in der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen; die Arbeiten im Vorfeld sind nur wenigen bekannt.
„Wissenschaftliche Abbildungen sind keine Verzierungen oder Zusammenfassungen, sondern Brennpunkte von Gedankengängen.“
Falls das Ergebnis der Forschungen eine oder mehrere Anwendungen zulässt, beginnt jetzt die Arbeit der Techniker, die sich wie bei Medikamenten wieder über Jahre hinziehen kann. Am Ende stehen ein oder mehrere Produkte, die die Gesellschaft und damit der Einzelne als Verbraucher nutzen kann. Sie sind als rote Punkte dargestellt, sie werden von der Allgemeinheit zur Kenntnis genommen die Bemühungen, die dazu führten, sind nur wenigen bekannt.
Der erste und auch der zweite Bereich stellen Prozesse dar, die auf allgemeinen Grundlagen basieren. D.h. man kann keinen Anfangspunkt und auch keinen Endpunkt angeben. Es ist für die Gesellschaft / den interessierten Bürger natürlich sehr schwer, sich „ein Bild“ zu machen, wenn er nur durch zwei winzige Zeitfenster sieht (rote Punkte).
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September 2005
© B.Bossert