Freiheit

 

Kritischer Rationalismus – die Grenzen des Wissens

...

Einer der Gründe, warum der Aufklärer nicht überreden und nicht einmal überzeugen will, ist der folgende. Er weiß, dass man außerhalb des engen Gebiets der Logik und vielleicht der Mathematik nichts beweisen kann. Man kann wohl Argumente vorbringen, und man kann Ansichten kritisch untersuchen. Aber außerhalb der elementaren Teile der Mathematik ist unsere Argumentation niemals zwingend und lückenlos. Wir müssen immer die Gründe abwägen, wir müssen immer entscheiden, welche Gründe mehr Gewicht haben: die Gründe, die für die Ansicht sprechen, oder die, die gegen sie sprechen. So erhält die Meinungsbildung in letzter Linie immer ein Element der freien Entscheidung. Und es ist die freie Entscheidung, die eine Meinung menschlich wertvoll macht.

Karl R. Popper : Alles Leben ist Problemlösen, München 1995
Zum Thema Freiheit, S.162

Das allgemeinste Charakteristikum des Kritischen Rationalismus, der sich auch – nicht ohne Blick auf Kant – Kritizismus zu nennen pflegt, ist sein antithetisches Verhältnis zu jeglichem Dogmatismus, mag dieser sich auf Offenbarung oder auf Letztbegründbarkeit zu stützen versuchen. Dieser Antidogmatismus des Kritischen Rationalismus ist eine der Konsequenzen seiner Erfahrungen, seines Wissens um die Fehlbarkeit menschlicher Erkenntnis sowie des Bewusstseins von der Unerreichbarkeit absoluter Gewissheit, Einsichten, die niemals in Resignation mündeten oder zu einem tragisch-heroischen Lebensgefühl dramatisiert wurden.

Willy Hochkeppel : Mythos Philosophie, Hamburg 1976, S.70

 

6.52        Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.

Ludwig Wittgenstein : Tractatus logico-philosophicus

 

Kritiklose Umsetzung der Möglichkeiten - fehlende Wertediskussion

 „ ... Als zwanzig Jahre zuvor die erste Ausgabe des Mannheimer Forums erschien, war diese Welt noch in Ordnung. Die Akzeptanz der Naturwissenschaften erlebt geradezu eine Hochzeit. Die Öffentlichkeit nahm spätestens seit den sechziger Jahren begeistert die Fortschritte von Physik, Chemie, Biologie und Medizin auf, und man verfolgte die weitere Entwicklung mit neugieriger Spannung. Damals kam das Schlagwort vom „wissenschaftlichen Durchbruch“ (scientific breakthrough) auf, mit dem man unentwegt rechnete und für den man sich immer wieder begeisterte.
Warum sich heute das Blatt so sehr gewendet hat und das Publikum eher auf die negativen Folgen der Wissenschaft als auf die Qualität der Forschungsergebnisse aufmerksam wird, ist zwar von vielen Seiten und vielen Menschen bedacht worden, aber Klarheit und Konsens scheinen sich dabei nicht abzuzeichnen. Es gibt Stimmen, die meinen, ein Grund für die gegenwärtige Zurückhaltung gegenüber den Wissenschaften liege darin, dass sich seit den sechziger Jahren die Öffentlichkeit überhaupt zum erstenmal in den Diskussionen um die Frage beteilige, welche Wissenschaften man in Zukunft will. Es dauert eben eine Zeitlang, bis gelernt wird, die Wissenschaft als einen gesellschaftlichen Vorgang zu begreifen, für den die Allgemeinheit mitverantwortlich ist, weil sie ihn selbst will. Und es dauert wohl noch etwas länger, bis verstanden wird, dass Wissenschaftler, die gebeten werden, sich zu Fragen außerhalb ihres disziplinären Rahmens zu äußern, dabei nicht besser und nicht schlechter als andere Bürger urteilen. ...“

Ernst Peter Fischer in Mannheimer Forum 97/98

 

 „Wir sehen eben, dass wissenschaftliche Fortschritte nicht von alleine auch umschlagen in gesellschaftliche Fortschritte. Man hat eine Zeitlang mit rührender Naivität gemeint, dass das geschieht, wenn die Wissenschaftler nur tun, was ihnen am meisten Spaß macht. Die Frage nach der gesellschaftlichen Verträglichkeit dessen, was da herauskommt, stellen wir ja erst seit der Atombombe. Früher schien das mehr oder weniger gut zu gehen.“

 

Karl Michael Meyer-Abich
in Marianne Oesterreicher-Mollow: Was und bewegt, Weinheim 1991

 

Freiheit des Menschen

Vergleicht man Tier und Mensch,

z.B. Partnerwahl

so erkennt man die große Freiheit des Menschen. Gibt es bei Tieren viele starre Verhaltensmuster, so steht dem beim Menschen eine umfassende Freiheit gegenüber.

Es ist diese Freiheit, die uns in komplexen Situationen mit notwendigerweise unvollständigen Informationen zum Erfolg, aber auch zum Scheitern führen kann.

Neben der grundsätzlichen Freiheit der Entscheidungen wurde im Laufe der Entwicklung die soziale Basis, mit der Freiheit etwas anfangen zu können, erweitert. Erwähnt seien hier nur Freiheit von der Gemeinschaft und Freiheit von der Zweckheirat.

Damit „Freiheit“ für alle Mitglieder einer Gemeinschaft gleicher maßen gelten kann, muss die Freiheit des einzelnen eingeschränkt werden. D.h. die Gemeinschaft muss sich auf ein Werte- und Regelsystem einigen. Auch hier gibt es wieder die große Freiheit ganz unterschiedlicher Vereinbarungsmöglichkeiten.

 

Werte

„Subjektiv gesehen hat Kultur, wer den Tatsachen gegenüber einen auswählenden und distanzierten Instinkt behält, wer die Alleinherrschaft von Affekten im Herzen  ebenso scheut wie die von Abstraktionen im Kopfe; wer einen Sinn hat für die Vielheit der inneren Bedeutungen einer Situation, für das Unausgesagte, Potentielle, Unerprobte, Verletzbare darin; zur Kultur gehört ein fundierter Optimismus und, vor allem, eine intakte Idealität im Menschlichen, ...“

 

Arnold Gehlen : Die Seele im technischen Zeitalter, Hamburg 1957, S.117

 

Unter den folgenden Punkten werden Textabschnitte vorgestellt, die zum Nachdenken anregen sollen und Ausgangspunkte für weitere eigene Beschäftigung mit den offenen Fragen sein können.

 

 

1. Religion

„Die Theologie ehren wir, indem wir von ihr schweigen.“ – Martin Heidegger

Es wird (deshalb) hier nur ein Text von Max Planck aufgeführt, der Religion und Naturwissenschaft gegenüberstellt.

 

2. Kunst

 „... Im ganzen gesehen hat jede neue ästhetische Erfahrung das ethische Bewusstsein der Menschen geschärft. Denn die Ästhetik ist die Mutter der Ethik: unsere Kategorien von „gut“ und „schlecht“ sind zuallererst ästhetischer Natur und etymologisch älter als unsere Begriffe von „gut“ und „böse“. ...

... Je substanzieller die ästhetische Erfahrung eines Menschen ist, je gesunder sein Geschmack, desto schärfer ist auch seine moralische Urteilskraft und desto freier – wenn auch nicht unbedingt glücklicher – ist er. ...“

aus: Joseph Brodsky : Das unverwechselbare Gesicht
in : Der sterbliche Dichter, München 1998

 

Die Welt ist in zweifacher Weise erkennbar, als „Wille“ und als „Vorstellung“.

Die Welt als Vorstellung, sofern sie dem Satz vom zureichenden Grund ( Kausalprinzip, Finalprinzip ) unterworfen ist, ist Objekt der Wissenschaften; sofern sie diesem Satz nicht unterworfen ist, ist sie Gegenstand der Kunst.

Arthur Schopenhauer : Die Welt als Wille und Vorstellung

 

Damit löste Schopenhauer die Ansprüche des Idealismus (Hegel) nach dem Absoluten ab: Der Weltgeist, der allmächtige Gott, Paradies, absolute Wahrheit ...

 

Es gibt zwei Arten von Wahrheit: die Wahrheit, die den Weg weist, und die Wahrheit, die das Herz wärmt. Die erste Wahrheit ist die Wissenschaft, und die zweite ist die Kunst. Keine ist unabhängig von der anderen oder wichtiger als die andere. ... Die Wahrheit der Kunst verhindert, dass die Wissenschaft unmenschlich wird, und die Wahrheit der Wissenschaft verhindert, dass sich die Kunst lächerlich macht.

The Notebooks of Raymond Chandler, in mannheimer forum 97/98, S. 13

 

Beispiele aus Malerei und Literatur

 

3. Philosophie

4.11     Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft (oder die Gesamtheit der Naturwissenschaften).
4.111   Die Philosophie ist keine der Naturwissenschaften.
(Das Wort „Philosophie“ muss etwas bedeuten, was über oder unter, aber nicht neben den Naturwissenschaften steht.)
4.112      Der Zweck der Philosophie ist die logische Klärung der Gedanken.
Die Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit. Ein philosophisches Werk besteht wesentlich aus Erläuterungen.
Das Resultat der Philosophie sind nicht „philosophische Sätze“, sondern das Klarwerden von Sätzen.
Die Philosophie soll die Gedanken, die sonst, gleichsam, trübe und verschwommen sind, klar machen und scharf abgrenzen.

Ludwig Wittgenstein : Tractatus logico-philosophicus

Zum „Klarwerden von Gedanken und Sätzen“ können z.B. die Texte von Jürgen Mittelstraß und Herbert Schnädelbach wunderbar beitragen.

 

4. Gesellschaftswissenschaften

„Ich will entwerfen, unter welchen neuen Zügen der Despotismus sich in der Welt einstellen könnte: Ich sehe eine unübersehbare Menge ähnlicher und gleicher Menschen, die sich rastlos um sich selbst drehen, um sich kleine und gewöhnliche Freuden zu verschaffen, die ihr Herz ausfüllen. Jeder von ihnen ist, ganz auf sich zurückgezogen, dem Schicksal aller anderen gegenüber wie unbeteiligt: seine Kinder und seine besonderen Freunde sind für ihn die ganze Menschheit; was seine übrigen Mitbürger angeht, so ist er zwar bei ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, aber er spürt sie nicht; er lebt nur in sich und für sich selbst, und wenn ihm auch noch eine Familie bleibt, so kann man doch zumindest sagen, ein Vaterland hat er nicht mehr.“

Alexis de Tocqueville : Über die Demokratie in Amerika (1835), Frankfurt 1956 - S. 206

 

Die vier archimedischen Punkte

Archimedes suchte, für die physikalische Welt den einen festen Punkt, von dem aus er sich´s zutraute, sie aus den Angeln zu heben. Die soziale, moralische und politische Welt, die Welt der Menschen nicht aus den Angeln, sondern in die rechten Angeln hineinzuheben, dafür gibt es in jedem von uns mehr als einen archimedischen Punkt. Vier dieser Punkte möchte ich aufzählen.

Punkt 1: Jeder Mensch höre auf sein Gewissen! Das ist möglich. Denn er besitzt eines. Diese Uhr kann man weder aus Versehen verlieren noch mutwillig zertrampeln. Diese Uhr mag leiser oder lauter ticken – sie geht stets richtig. Nur wir gehen manchmal verkehrt.

Punkt 2: Jeder Mensch suche sich Vorbilder! Denn es existieren welche. Und es ist unwichtig, ob es sich dabei um einen großen toten Dichter, um Mahatma Gandhi oder um Onkel Fritz aus Braunschweig handelt, wenn es nur ein Mensch ist, der im gegebenen Augenblick ohne Wimpernzucken das gesagt und getan hätte, wovor wir zögern. Das Vorbild ist ein Kompaß, der sich nicht irrt und uns Weg und Ziel weist.

Punkt 3: Jeder Mensch gedenke immer seiner Kindheit! Das ist möglich. Denn er hat ein Gedächtnis. Die Kindheit ist das stille, reine Licht, das aus der eigenen Vergangenheit tröstlich in die Gegenwart und Zukunft hinüberflutet. Sich der Kindheit wahrhaft erinnern, das heißt: plötzlich und ohne langes Überlegen wieder wissen, was echt und falsch, was gut und böse ist. Die meisten vergessen ihre Kindheit wie einen Schirm und lassen sie irgendwo in der Vergangenheit stehen. Und doch können nicht vierzig, nicht fünfzig spätere Jahre des Lernens und Erfahrens den seelischen Feingehalt des ersten Jahrzehnts aufwiegen. Die Kindheit ist unser Leuchtturm.

Punkt 4: Jeder Mensch erwerbe sich Humor! Das ist nicht unmöglich. Denn immer und überall ist es einigen gelungen. Der Humor rückt den Augenblick an die richtige Stelle. Er lehrt uns die wahre Größenordnung und die gültige Perspektive. Er macht die Erde zu einem kleinen Stern, die Weltgeschichte zu einem Atemzug und uns selber bescheiden. Das ist viel. Bevor man das Erb- und Erzübel, die Eitelkeit, nicht totgelacht hat, kann man nicht beginnen, das zu werden, was man ist: ein Mensch.

Erich Kästner

 

Manche denken, dass die Situation, die Alexis de Tocqueville sich nur ausmalte, teilweise eingetroffen ist. Falls die Einschätzung zutrifft, könnte man mit Erich Kästners Vorschlag Abhilfe schaffen.

 

Zur Anregung und Vertiefung werden drei Texte angeboten:

Julian Nida-Rümelin : Strukturelle Rationalität

Richard Rorty : Eine Angelegenheit des Herzens

Rupert Lay : Grundsätze einer Offenen Moral

 

 

zum  Anfang
Domäne  Bossert


August 2005
© B.Bossert