Vom Menschen selbst geschaffene technische Großanlagen und dadurch entstandene Situationen bereiten Schwierigkeiten beim Durchdringen, Verstehen, Beherrschen.
Die Explosion der Raumfähre Challenger (28.01.1986) und das Verglühen der Columbia (01.02.2003) zeigen, dass der Mensch sogar Systeme, die er selbst aus genau bekannten, von ihm konstruierten Teilsystemen zusammengefügt hat, in ihrer Komplexität nicht (völlig) überblickt.
Nach diesen vorausgegangenen Unglücksfällen, ist es unverständlich, dass bei dem letzten Flug im Juli 2005 wieder Probleme an dem Hitzeschild auftraten.
Erinnert sei an die ICE-Katastrophe am 03.06.1998 bei Eschede, immer wieder auftretende großräumige Zusammenbrüche der Stromversorgung (z.B. 14.08.2003 im Nordosten Amerikas), die langanhaltenden Probleme bei "Toll Collect", ...
http://www.bossert-bcs.de/biologie/zukunft/zukunft.htm
Die Konjunkturvorhersagen "sind deutlich besser als ein Münzwurf". Die Probleme, die bei Microsoft nach einem Programmwechsel auftreten, sind berühmt-berüchtigt.
Erinnert sei an die Tausende von Hitzetoten im August 2003 in Frankreich und die riesige Zahl von zusätzlichen Todesfällen in jedem Winter in England.
Auch der Mensch ist ein unberechenbares komplexes System - auch ohne dass er hinter dem Steuer eines (zu) schnellen Autos sitzt ("Autobahnraser", 14.07.2003).
http://www.bossert-bcs.de/biologie/welt/Gehirn/index.htm
Die Hintergründe und die gesellschaftliche Situation wurden überzeugend in einer Vorlesung dargelegt, die auch in schriftlicher Form vorliegt:
( Die aufgezählten Mängel bzw. Befürchtungen beziehen sich auf die Fachwissenschaften. Sie gelten sicher aber auch für den naturwissenschaftlichen Schulunterricht; vielleicht sogar in stärkerem Maße, da die Schülerinnen und Schüler ja erst beginnen, den naturwissenschaftlichen Teil ihres Weltbildes entwickeln. )
Wolfgang Frühwald: Wenn die Erfahrung explodiert
Gekürzt in der FAZ vom 18.05.2003, vollständig in Wolfgang Frühwald et al.: Das Design des Menschen, Köln 2004.
Es folgen Zitate aus dem Text des Zeitungsartikels, geben wesentliche Kritikpunkte wieder:
"... heute übersteigen nicht die Geheimnisse der Welt das Fassungsvermögen der Menschen, sondern deren rasche Entzauberung."
"In der Nachmoderne mündet sie in eine kaum noch faßbare Erfahrungsexplosion."
"... theorielose Datenexplosion moderner Lebenswissenschaften ..."
"Die durch Physik, Chemie und Biologie gewonnen Erkenntnisse haben sich ins Nicht-Anschauliche hinein entwickelt."
Gleichzeitig bietet er aber auch Ansätze für Lösungen an.
Im Unterschied zu den Naturwissenschaften, die auf das Spezielle gerichtet sein müssen, um ihren Auftrag zu erfüllen, versuchen Kunst und Literatur noch immer das Ganze oder zumindest "ein Ganzes" zu beschreiben, den Versuch des Menschen, sich die Welt anzuverwandeln, auch wenn er sie als ganze längst nicht mehr denken kann.
An dessen (des ästhetisch-humanen Denkens) nicht leicht zu lesenden Gedächtnisfiguren könnten sie (die Forscher) erkennen, wie weit sie sich selbst von jenem sozialen Ganzen entfernt haben, in das Wissenschaft einzubetten ist, wenn sie die Grundlagen ihrer Existenz bewahren möchte.
"Es geht darum, die sich immer weiter öffnende Kluft zwischen dem Erkenntnisfortschritt und dem komplexen Lebendigen in täglicher Bemühung zu verringern."
Obwohl es inzwischen ein Forschungsgebiet "Komplexe Systeme" gibt, werden zukünftig in der Praxis Fehlschläge nicht auszuschließen sein. Es gilt deshalb stets die folgenden Punkte zu bedenken:
| - | Naturwissenschaften und Technik entwickeln Möglichkeiten, über den Einsatz müssen alle entscheiden. Das neu produzierte Wissen weitet den Handlungsspielraum aus, ohne die Kriterien mitliefern zu können, wie es kontrolliert werden soll.
Kriterien, die auf Wertevorstellungen zurück gehen, müssen von allen gemeinsam entwickelt werden. "Ohne die Kunst verlöre die wissenschaftliche Zivilisation ihr Gedächtnis. Ohne Reflexion auf die Wissenschaft bliebe die Kunst ohne Kraft." |
| - | Jedes Mitglied der Gesellschaft muss über Konzepte der Naturwissenschaften informiert sein. Dabei geht es nicht um Einzelheiten (reines Faktenwissen), sondern um die Wege und Zusammenhänge! Dazu ist eine Einstellungsänderung nötig. Sowohl Kunstwerke als auch Ergebnisse der Naturwissenschaften sind kreative Leistungen mit Vorgeschichte. In beiden Fällen ist die Kenntnis von Zusammenhängen Voraussetzung für das Verständnis. Bei Verständnisschwierigkeiten gibt es in der Gesellschaft eine schizophrene Haltung: Versteht jemand ein Gedicht nicht, liegt es an ihm; erfasst er die Bedeutung eines naturwissenschaftlichen Modells nicht, liegt es an dem Naturwissenschaftler. |
| - | Es besteht immer die Gefahr, dass "das geballte Handlungswissen an der Komplexität der wirklichen Verhältnisse abprallt". Durch die Vorläufigkeit unseres Wissens entstehen Ungewissheit und die Gefahr des Scheiterns. Die Durchführung der Experimente, die Deutung der Ergebnisse, die Formulierung von Theorien usw. sind "Naturwissenschaft", ihre Anwendungen nicht. |
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September 2005
© B.Bossert