Vom Neugeborenen zum Kleinkind

 

Wenn der Säugling zur Welt kommt, besitzt er Möglichkeiten und Grundfähigkeiten, die aber erst entfaltet und entwickelt werden müssen. Umwelt und Sprache müssen angeeignet werden. Voraussetzung für eine ungestörte Verhaltensentwicklung ist die Befriedigung angeborener Bedürfnisse.

1. Automatismen und Reflexe

Triviale Bedürfnisse wie z.B. Sauerstoffversorgung und Höhe der Körpertemperatur, die vitale Bedeutung haben, werden automatisch durch Stammhirnzentren geregelt. So ist das Überleben gesichert.

Die Nahrungsaufnahme und der dafür nötige Kontakt zur Mutter sind u.a. durch die folgenden Reflexe gesichert. Damit wird das körperliche Wachstum gesichert.

 

 

 

 

2. Kontaktbedürfnis und Kontaktfähigkeit

Mit der abgebildeten Versuchsanordnung hat man das Interesse von unterschiedlich alten Neugeborenen an Gegenständen untersucht. Man hat gemessen, wie oft die dargebotenen Muster fixiert wurden.

          

Aus diesen und ähnlichen Versuchsergebnissen hat man gezeigt, dass Babys an Mustern besonderes Interesse zeigen. Lerneffekte, die bald auftreten, sind nicht berücksichtigt. Die gerichtete Aufmerksamkeit entspricht dem Kontaktbedürfnis des Neugeborenen.

Beobachtungen an taubblinden Kindern legen die Schlussfolgerung nahe, dass Mimik angeboren ist.

 

 

Eine weitere Bestätigung erhielt man durch interkulturelle Vergleiche der Mimik und durch Beobachtungen an Menschenaffen.

 

          

 

Die Bilder zeigen 36-Stunden-alte Babys, die Erwachsene ansehen und imitieren. Die Nachahmungsfähigkeit ist auf wenige Gesichtsausdrücke beschränkt; die Deutungsergebnisse sind unter Entwicklungspsychologen umstritten.

Falls die Untersuchungsergebnisse bestätigt werden, kommt zu dem Kontaktbedürfnis die Fähigkeit, Kontakte zu knüpfen hinzu. Die Kontaktfähigkeit wird im Laufe der weiteren Entwicklung schnell erweitert.

 

3. Erkunden und Spielen

 

 

Wenn das Baby in seinem Bettchen liegt und seine Umgebung aufmerksam fixiert und auch erkundet, so ist das der Beginn der Aneignung der Welt. Es hält Kontakt zur Mutter, lernt durch „Begreifen“ z.B. seines Teddybären, dass die Welt nicht auf dem Kopf steht, knüpft weitere Kontakte und experimentiert.

 


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Durch Neugierverhalten, Aktion und Reaktion, Versuch und Irrtum wird es schnell die Welt entdecken, erste Deutungsversuche vornehmen und sie sich nach und nach auch aneignen.

 

4. Sprache

Als Besonderheit des Menschen kommt noch die Sprachfähigkeit hinzu. Das Neugeborene besitz im Gegensatz zu den Menschenaffen einen funktionierenden Sprechapparat (Kehlkopf, Rachenraum, Zunge, ...) und geeignet angelegte Großhirnstrukturen (Sprachzentrum, Gedächtnisfelder, ...), die es ihm ermöglichen, Sprache zu erwerben.

Da es sich bei allen geschilderten Fähigkeiten nur um angelegte Grundfähigkeiten und damit um Entwicklungsmöglichkeiten handelt, kann das Baby mit jeder Person Kontakt aufnehmen, jede Sprache erlernen und in jede Gesellschaftsordnung hineinwachsen. Die wenigen Grundfähigkeiten sind in Verbindung mit dem Neugierverhalten die Grundlage ungeahnter Entwicklungsmöglichkeiten.

 

5. Bezugsperson(en)

Die Entwicklungsmöglichkeiten des Babys können nur ausgeschöpft werden, wenn seine Bedürfnisse erfüllt werden. Dazu ist es auf die Hilfe der Eltern und weiterer Personen angewiesen.

 

 

Es ist umstritten, wie lange das Baby seine Mutter (im Idealfall) für eine optimale Entwicklung benötigt.

 


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"In allen Menschheitsgenerationen hat das mutterlose Kind ein besonderes Mitgefühl in der Gesellschaft gefunden. Erst dem Jahrhundert des Kindes blieb es vorbehalten, dass viele Kleinkinder, auch wenn sie Eltern haben, das Leben von Waisenkindern führen müssen."

Theodor Hellbrügge: Kollektiverziehung im Säuglingsalter, FAZ vom 10.09.2007 (Leserbrief)

 

 

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Domäne  Bossert

 

updated Oktober 2007
© B.Bossert