Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, Hamburg 1978

 


 

 

Werner Heisenberg : Sprache und Wirklichkeit in der modernen Physik

In: Sprache und Wirklichkeit, München 1967

 

An dieser Stelle kann auch die Frage aufgeworfen werden, woher es eigentlich kommt, dass man in der Naturwissenschaft die äußerste Eindeutigkeit und Präzision des Sprechens fordern muss, während man die anderen reicheren Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache kaum auszunützen vermag. Der Grund dafür liegt in der gestellten Aufgabe. Wir müssen in der Naturwissenschaft versuchen, in der unendlichen Fülle verschiedenartiger Erscheinungen der uns umgebenden Welt gewisse Ordnungen zu erkennen, diese verschiedenartigen Erscheinungen also dadurch zu verstehen, dass wir sie auf einfache Prinzipien zurückführen. Wir müssen uns darum bemühen, das Spezielle aus dem Allgemeinen herzuleiten, das einzelne Phänomen als Folge einfacher Gesetze zu verstehen. Die allgemeinen Gesetze können, wenn sie sprachlich formuliert werden, nur einige wenige Begriffe enthalten, denn sonst wäre das Gesetz nicht einfach und allgemein. Aus diesen Begriffen muss nun eine unendliche Vielfalt von möglichen Erscheinungen hergeleitet werden, und zwar nicht nur qualitativ und ungenau, sondern mit größter Genauigkeit hinsichtlich jeder Einzelfrage. Es ist unmittelbar einzusehen, dass die Begriffe der gewöhnlichen Sprache, ungenau und unscharf definiert, wie sie sind, niemals solche Ableitung zulassen können. Wenn aus gegebenen Voraussetzungen eine Kette von Schlüssen hergeleitet werden soll, so hängt die Anzahl der möglichen Glieder in der Kette von der Genauigkeit der Voraussetzungen ab. In der Naturwissenschaft müssen daher die Grundbegriffe in den allgemeinen Gesetzen mit äußerster Präzision definiert werden, und das ist nur im Rahmen einer exakten Logik und schließlich nur mit Hilfe der mathematischen Abstraktion möglich.

Erst in der modernen Physik hat sich hier ein in gewissem Sinne unheimlicher Wandel vollzogen. Mit dem Vordringen in Bereiche der Natur, die unseren Sinnen nicht mehr unmittelbar zugänglich sind, beginnt auch unsere Sprache an einigen Stellen zu versagen.

 

            

Der Naturwissenschaftler sieht einen Strahlungsweg in einer Nebelkammer, und er sagt: „Da läuft ein Proton.“ Der Naturwissenschaftler zählt dies als die Beobachtung eines Protons, denn die beste Erklärung seiner visuellen Wahrnehmung ist, dass es einen Strahlungsweg gibt, und die beste theoretische Erklärung des Strahlungsweges selbst ist ein Proton.

Crispin Wright : Wahrheit und Objektivität, Frankfurt 2001, S. 223

 

 

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Domäne  Bossert

 

September 2005
© B.Bossert